Die Schottlandreise

Samstag, 9. August 2008

Im Laufe des Tages reisen immer mehr Schottlandsegler an und um 20.00 ist die Crew komplett. Wir essen zu Abend, stellen uns vor und teilen die Wachen ein. Außerdem einigen wir uns darauf, dass wir nach Möglichkeit nördlich um Schottland segeln möchten und nur notfalls durch den Kaledonischen Kanal fahren möchten. Gegen Mitternacht ist immernoch viel Betrieb auf dem Schiff.

Sonntag, 10. August

Um 8.30 machen wir die Leinen los in Glasgow am Braehead Pontoon und tuckern den Clyde abwärts. Sicherheitseinweisung, Verklarung der Segel. Um 14.00 gehen wir vor Rothesay zu Anker. Währtend der 3stündigen Pause wird die Stadt in Augenschein genommen, Unmengen von Wäsche in der Sonne getrocknet und: Es werden erstmals Fische gefangen! Heute Abend wird es Makrelen geben. Um 17.00 gehen wir Anker auf und setzen alle Segel. Hoch am Wind und mit flotter Fahrt segeln wir südwärts im Firth Of Clyde. Unser erstes Ziel ist Islay, aber dafür muss morgen erst noch – wie vom Wetterbericht versprochen – der Wind auf Südost drehen. Für heute begnügen wir uns mit einem schönen Segelabend, der eine halbe Stunde vor Mitternacht in der Lamlash Bay endet. Zwischen der großen Insel Arran und dem kleinen Holy Island liegen wir zu Anker.

Montag, 11. August

Um 5.00 rauscht die Ankerkette aus. 120 Meter, dann wird sie abgebremst. Das wird uns morgen eine Weile beschäftigen. Nach dem Frühstück stellen wir fest, dass wir reichlich weit von Land entfernt liegen und es zweitens in Strömen regnet. Wir bleiben also an Bord, vorzugsweise unter Deck. Geangelt wird, erfolgreich sogar, es gibt Makrelen. Um 11.20 beginnen wir, die Ankerkette hochzukurbeln und um 12.00 segeln wir aus der Bucht. Hoch am südlichen Wind mit Kurs Südost, denn der Wind hat noch nicht gedreht. Im  Laufe des Nachmittags nimmt der Wind zu. Die dazugehörige Welle bekommt nicht allen gut. Nach einer Wende können wir in der Abenddämmerung knapp südlich an der kleinen Insel Sanda und am Mull Of Kintyre vorbeisegeln. Die Tide läuft nun zügig mit, die Seekranken genesen recht schnell, denn der Wind weht nun von achtern. Wunderbar bequem segeln wir durch die Nacht, an Steuerbord schottische, an Backbord achteraus irische Leuchtfeuer in Sicht. Mit gut 7 Knoten eilen wir auf Port Ellen zu, den Hauptort der Insel Islay.

Dienstag, 12. August

Um 2.00 machen wir in Port Ellen fest. Heute wollen wir den ganzen Tag hier liegenbleiben und studieren, welchem Gewerbe die Insulaner auf der Insel Islay in Besonderheit nachgehen. Nach dem verspäteten Frühstück stellen wir erst einmal fest, dass wir in einem wunderschönen Dorf gelandet sind. Die Häuser ducken sich kreisförmig um den Hafen herum, weiss und grau und ganz wunderbar einfach. Auch, oder gerade, weil sie durch einen dichten Schleier von Regentropfen zu sehen sind. In schlichter Schönheit umstehen sie dicht gedrängt das Hafenbecken. Die Fassaden werden nicht von Schaufenstern, die Straßen nicht allzu sehr von Autos verunstaltet. Der Tourismus beschränkt sich auf ein gelegentliches Bed & Breakfast, viele davon auch im August mit Schild „vacant“. Wovon lebt die Insel? Sie lebt von der Verarbeitung von Gerste, Torf und Wasser. Die Gerste wird alle 14 Tage mit einem Frachter nach Port Ellen angeliefert. Die frischen Keimlinge werden am Hafen im Torfrauch nach uraltem Rezept getrocknet und an die 8 ansässigen Verarbeitungsbetriebe ausgeliefert. Torf gibt es auf Islay überreichlich, beim derzeitigen Abbautempo noch für ein paar Jahrhunderte. Nachmittags fahren wir mit dem Bus zum Getränkehersteller „Ardbeg“. Hier wird Wasser über die geschroteten und gerösteten Gerstenkeimlinge gegossen. Das Wasser auf Islay wird noch mehrere Jahrtausende reichen, gerade heute fällt es wieder frisch und reichlich auf Moor und Heide. Aus 9 Tonnen Schrot wird täglich 25 Kubikmeter schmackhafte, süße, malzhaltige Flüssigkeit gewonnen, die die Insulaner nicht trinken. Diese wird 5 Tage lang durch Zusatz von Hefe vergoren. Hierbei entsteht ein recht schmackhaftes Starkbier, womit sich die Insulaner gleichwohl noch nicht zufrieden geben. Zweifach destilliert verwandelt Ardbeg das Starkbier in so genanntes „Newmake“. Nachdem es in alten Fässern 3, 10 oder 12 Jahre lang gelagert wurde, heißt das Getränk „Single Malt Whisky“. Dieser wird auf Islay nicht nur bei Ardbeg, sondern auch bei Lagavulin, Laphroaig, Port Ellen, Bowmore, Bruichladdich, Bunnahabhain und Caol Ila hektoliterweise hergestellt und in alle Welt verkauft. Am Ende unserer Besichtigung dürfen wir das Getränk verkosten und käuflich erwerben. Auch Textilien, Bücher, DVDs, Trinkgefäße, Puzzels, Seife, Schmuck undsoweiterundsofort werden hier verkauft. Dies ist der Whisky-Kult.

Mittwoch, 13. August

Die Sonne scheint! Es ist nicht zu glauben, denn wir befinden uns mitten in einem Tiefdruckgebiet. Bei blauem Himmel und Windstille verlassen wir um 9.30 den schönen Hafen von Port Ellen. Wir setzen das Großsegel, um vorbereitet zu sein, falls Wind aufkommen sollte. Dann tuckern wir südlich und östlich der Insel Islay gen Norden. Wir haben wunderbare Fernsicht auf die 800 Meter hohen Berge von Jura, den Mull Of Kintyre und im Süden bis zum 100 km entfernten Irland. Mittags stoppen wir zum Angeln, leider erfolglos. Unser Ziel ist Jura, die wildeste der kaledonischen Inseln. 400 Quadratkilometer groß, 180 Einwohner, 5500 Stück Rotwild. Um 15.30 machen wir dort fest. Wir finden hier nicht nur eine Pier vor, nein, an der Pier liegt auch noch ein besonders interessantes Schiff: Das letzte schottische „Pufferboat“. 50 Stück davon wurden im 2. Weltkrieg gebaut. Das Design ist allerdings gut 30 Jahre älter und angetrieben wird das schöne Schiff mit dem poetischen Namen VIC 32 auch heute noch von einer Dampfmaschine. Der große kohlebefeuerte Kessel betreibt Hauptmaschine, Generator, Pumpen und mittels Wasserdampf auch eine einoktavige Orgel. Sogleich kommt wechselseitiger Besichtigungsverkehr zwischen den Schiffen in Gang. Einige von uns wagen den Aufstieg zu den 800 Meter hohen Gipfeln der „Paps of Jura“. Es geht durch einmalig schöne Hochmoore, die allerdings auch einmalig tief sind. Man sackt hier teilweise bis zu den Knien ein. Die Vegetation, ein rosaroter Sonnenuntergang und ein milchigweißer Mondaufgang, dies alles bereichert durch den Anblick des zahlreichen Rotwilds in den Bergen. Der Gipfel bleibt den Wanderern allerdings verwehrt, die Dämmerung zwingt sie um 20.30 zum Umkehren und erst um 23.00 sind alle wieder wohlbehalten an Bord. Später kommen nur diejenigen, die sich in den 300 Meter entfernten Inselpub begeben hatten.

Donnerstag, 14. August

Die Sonne hat sich heute wieder hinter einen Vorhang zurückgezogen. Aber es bleibt trocken. Vormittags bewundern wir das lautlose Ablegemanöver des Pufferboats. Ein Kohlefeuer macht eben kaum Geräusche. Anschließend wandern die meisten von uns zu den Walled-in-Gardens beim Herrenhaus. Einmalig schön, mal abgesehen von den Mücken. Einige andere erledigen Schiffsarbeiten oder machen einen Tag Urlaub. Jedenfalls bleiben wir heute auf Jura, denn der Wind macht heute Pause, nicht ein Lüftchen regt sich. Die Inseln und Halbinseln jenseits des Sundes verschwinden im Dunst, der von der spiegelglatten Wasserfläche kaum zu unterscheiden ist. Jura ist heute der Welt entrückt.

Freitag, 15. August

Nach dem Frühstück legen wir ab. Der Südwind weht mal mäßig, mal schwach und mal garnicht. Mit Unterstützung der Tide  segeln wir nordwärts im Sund zwischen den Inseln Islay und Jura. Hier ist kaum ein Haus zu sehen, es sei denn in der Umgebeung der Destillerien: Caol Ila und Bunna-habhein passieren wir bis mittags. Die größte Freude für das Auge sind die umliegenden Berge. Nur spärlich beweidet, von Tälern tief eingeschnitten, von Heide und Mooren bedeckt. Menschen sind hier kaum zu sehen. Am Nachmittag verlässt uns der Wind wieder. Wir stehen eine Zeit in der Flaute herum. Dann starten wir die Maschine und nehmen Kurs auf Colonsay, die pflanzenreichste Hebrideninsel; es gibt über 500 verschiedene Arten.
Was eigentlich nur eine Notlösung sein sollte, stellt sich schon bald als möglicher Hauptgewinn heraus. Es gibt hier wenige, aber hübsche Häuschen, die in die wilde Landschaft eingestreut liegen. Ein kleiner Laden gleich am Hafen ist voll von nützlichen Dingen und tratschenden Insulanern. Hier gibt es keine Destillerie, aber gleich neben dem Hafen wird in einer kleinen (sehr kleinen) Brauerei ein, wie sich bald herausstellt, recht schmackhaftes Bier gebraut. Um 6.00 heute Abend soll auf der Landebahn ein Rugbymatch stattfinden. Morgen früh dann an gleicher Stelle ein Golfturnier. Die spielen Rugby auf dem Golfplatz? Nein, die Golfer spielen auf dem Rugbyplatz, weil auf dem Golfplatz kürzlich ein Cricketturnier stattfand. Und die Flugzeuge landen sowieso dort, wo es ihnen passt. So geht es zu auf Colonsay. Die größte Nachricht aber und der Grund, warum wir morgen hier bleiben wollen: Morgen Abend wird es einen CEILIDH geben!!!

Samstag, 16. August

Die große Pier von Colonsay, an der wir liegen ist leider sehr dem Schwell ausgesetzt, den der Südostwind über Nacht aufgebaut hat. Nun ja, es lässt sich aushalten. Außerdem ist die unternehmungslustige Crew auch schon bald auf verschiedenen Wegen über die Insel unterwegs. Eine Furt verbindet die Insel im Süden mit der Nachbarinsel Oronsay und diese hat eine alte Klosterruine anzubieten. Dort hat der Heilige Oron, ein Zeitgenosse des schottischen Nationalheiligen Columban (Colonsay wurde von den Wikingern Colums Öy, also Colums Insel genannt), im Jahre 563 ein Kloster gegründet. Nach einer Stunde Fahrradfahren oder zwei Stunden Wandern durch den Regen muss ein knapper Kilometer feste, sandige Furt gequert werden. Dann sind wir spätestens klitschnass, aber auf Oronsay. Die Klosterruinen übertreffen alle Erwartungen: Wände und Giebel, Teile des Kreuzganges sind erhalten. Ein neues Dach über der Kapelle bewahrt etwa 20 alte, steinerne Grabsteine, reich verziert und beschriftet, vor weiterem Verwittern. Vor der Kapelle steht auf einem Hügel ein beinahe 4 m hohes Keltisches Kreuz. Die Überraschung über den erstaunlich guten Zustand der Ruinen relativiert sich allerdings, wenn man erfährt, dass die Originalgebäude im 16. Jahrhundert entstanden sind, an der Stelle, an der im 6. Jahrhundert Columban und Oron ein Kloster gegründet hatten. Dennoch kann ich mich lange nicht von dem Anblick der grauen Ruinen trennen. Eine Feldmauer bietet leidlich Schutz vor dem strömenden Regen, hinter den Ruinen liegt grau der Atlantik, gesprenkelt mit ein paar schwarzen Inseln (Eilean Dubh), auf denen Robben liegen, Schwärme von Seevögeln, kaum etwas in dieser Landschaft hätte nicht auch vor 500 Jahren so ausgesehen haben können. Und ein Schluck Wasser aus der Plasteflasche schmeckt wie der köstlichste Wein.
Am späteren Nachmittag sind alle wieder zurück an Bord. Wir müssen üben für den Ceilidh! Canadian Barndance, Gay Gordon und Strip-The-Willow klappen nach einem Übestündchen auf der Pier schon ganz gut. Und siehe da, am Abend beginnt der Ceilidh auch genau mit diesen Tänzen. Wir waren wohl nicht ganz unbeobachtet am Nachmittag. Schon bald merken wir, dass es ganz nützlich ist, so ungefähr die Schrittfolge zu kennen. Vor allem aber kommt es darauf an, nicht schüchtern zu sein. Hier tanzen alle mit, vom Zweijährigen bis zum Uropi und die Hauptsache ist, dass man sich trifft und Spaß hat miteinander. Für die Kleinsten werden Spiele veranstaltet, die Großen hatten ja am Vormittag ihr Golfturnier und heute Abend werden die Preise verteilt. Es gibt viele verschiedene Kategorien, in denen ab dem 3. Platz alle nach demselben Schema geehrt werden. Die Dritten erhalten eine Handvoll Golfbälle, die zweiten Golfbälle und eine Flasche Whisky, die Sieger eine Flasche Whisky und einen Pokal. So langsam kennen wir auch die Leute hier, denn Golfspieler, Musiker auf der Bühne, Gesprächspartner von der Pier, es sind doch im Großen und Ganzen immer dieselbe Handvoll Leute. Einmal muss sich der Ansager sogar selber einen Preis überreichen. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Colonsay, wo allein an diesem Wochenende ein Rugbyspiel, ein Golfturnier und ein Ceilidh stattfinden, wo im Herbst ein 4tägiges Celtic Music Festival stattfinden wird und wo die Flugzeuge dort landen, wo es ihnen gerade passt, 80 Einwohner hat. Eine Flasche Whisky und ein Pokal für die aktivste Inselgemeinde, die wir je sahen!

Sonntag, 17. August

Die Sonne scheint! Segel hoch gleich nach dem Frühstück und Kurs Nord auf Iona. Ein letztes Mal bewundern wir bei guter Sicht und Sonnenschein das wilde Inselpanorama: Islay, Jura und die Paps, Scarba im Norden mit dem Corryvreckan, dem extremsten Gezeitenstrom Europas und im Norden die Berge der Insel Mull. Farethewell, Ihr schönen Inseln von Argyll and Clyde, wo wir 2 wunderschöne Wochen verbrachten. Vormittags nehmen wir uns noch Zeit für eine Badepause im mäßig warmen Wasser. Eine Stunde später umkreisen mehrere Heringshaie das Schiff. Sie sind offensichtlich am Fressen, wohlmöglich wirkten unsere Schwimmerinnen appetitanregend. Um 14.00 ankern wir vor Iona, der ältesten bekannten christlichen Klostergründung in Nordeuropa. Seit dem 6. Jahrhundert lebten hier Mönche, zwischenzeitlich wurden sie von den Wikingern vertrieben oder ermordet, auch heute gibt es hier eine christliche Gemeinschaft. Die Spiritualität solcher Plätze erschließt sich allerdings kaum, wie wir auf Iona erfahren, wenn tausende Tagestouristen sich dort tummeln und schon für die Besichtigung des Klosters 6 Pfund Eintritt verlangt wird. Um 17.00 segeln wir weiter, nordwärts an der Westküste von Mull. Gleichzeitig trifft der Wetterbericht für uns die Entscheidung, dass wir nicht nördlich um Schottland, sondern durch den Kaledonischen Kanal fahren werden. Die Vorhersage für die Nordküste lautet nämlich auf 6 Windstärken Nordwind. Das brauchen wir nicht. Stattdessen passieren wir die Insel Staffa. Sie besteht zu großen Teilen aus 15 Meter hohen sechseckigen Basaltsäulen, die begehbare Höhlen formen. Toller Anblick, normalerweise ebenfalls mit vielen Tagestouristen, heute aber ganz einsam, weil die Insel bei Ostwind unzugänglich ist. Wir freuen uns über den tollen Segelwind, der uns bis zur Dämmerung treu bleibt. Dann starten wir die Maschine und tuckern durch den Sound of Mull.

Montag, 18. August

Um 7.00 fällt der Anker vor Fort Williams. Nach einem gründlichen Lebensmitteleinkauf fahren wir um 11.00 in die Seeschleuse des Kaledonischen Kanals ein. Ein Teil der Crew ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zum Gipfel des Ben Nevis (1300 Meter hoch), ein Teil fährt mit der Museumseisenbahn von Fort Williams nach Mullaigh. Diese Strecke ist die Filmkulisse für Harry Potters Eisenbahnfahrten nach Hogwart und eine der schönsten Strecken der Welt. Der dritte Teil erklimmt mit der Petrine die 10 Schleusen von Neptun´s Staircase, einer langen Schleusentreppe gleich am Beginn des Kanals. Danach wird das Schiff mit allem versorgt, was es lang vermisst hat: Frischwaser, elektrischer Strom, Lebensmittel. Wir ruhen aus.

Dienstag, 19. August

Nach einer wunderbar ruhigen Nacht starten wir um 9.00 auf unsere erste Kanalstrecke. Diese ist an einem Berghang angelegt worden, mehrere Bachläufe werden per Aquadukten unter dem Kanal durchgeführt. Nach 180 Jahren sind die Ufer schön zugewachsen und zusammen mit den beweideten Berghängen ergibt sich ein tolles Panorama. Gemächlich fährt die Petrine nach Nordwesten, dem Loch Lochy entgegen. Dort haben wir leider Gegenwind und müssen weiter mit Maschine fahren. Um 16.00 machen wir am Kanalufer fest, an einer Stelle mitten im Wald. Überall ist es grün, dunkelgrüne Fichten, lindgrüne Laubbäume, hellgrünes Gras, mit Blumen gesprenkelt, finstergrünes Kanalwasser. Wir grillen heute Abend und den Mitches zum Trotz bleiben wir bis Mitternacht draußen sitzen.

Mittwoch, 20. August

Wir fahren halbes Stündchen über das Loch Oich, dann fällt der Anker vor Invergarry Castle und wir machen Landgang für Castle, Wald und Örtchen bis zum Mittagessen. Ganz entspannt geht es ab mittags weiter durch die besonders hübschen Schleusen von Cullochy und Kytra auf besonders dicht zugewachsener Kanalstrecke. Um 15.00 machen wir vor der Schleusentreppe von Fort Augustus fest. Hier herscht großer Touristenauftrieb, u.a. weil heute am späten Nachmittag ein großes Segelschiff durch die Schleusen gezogen wird. Von Hand natürlich. Um 18.00 sind wir durch und fest und nass, weil es angefangen hat zu regnen. Nichtsdestotrotz wird der Grill nochmal gestartet, denn es ist noch viel übrig von gestern. Am Abend ist für die meisten Livemusik im Pub angesagt.

Donnerstag, 21. August

Es hat die ganze Nacht geregnet. Und es wird auch den ganzen heutigen Tag regnen. Irgendwie passt das ja ganz gut zum Loch Ness, aber irgendwie würde man auch gerne mehr sehen von den Berghängen ringsherum. Vor allem würde man sich häufiger an Deck aufhalten, wenn es nicht so in Strömen regnen würde. Der Wind kommt auch von vorne. Ab 9.30 tuckern wir über das regenwolkenverhangene, torfdunkle Loch Ness. Bei diesem Wetter lässt sich natürlich auch kein Ungeheuer blicken. Um 13.30 gehen wir am Nordende des Lochs zu Anker. Mittagsschlaf. Kuchenbacken, Kuchenessen. Am späten Nachmittag heizen wir die Sauna und machen das Beste aus diesem Tag. Nur die mutigsten springen nach dem Saunieren ins Wasser. Erstens ist es bitterkalt, weil Loch Ness 300 Meter tief ist und zweitens, wer weiß, was dort unten so alles herumschwimmt…

Freitag, 22. August

Die letzte kurze Kanalstrecke vom Loch Ness bis Inverness beschäftigt uns mit Schleuse, Brücke und Schleusentreppe etwa 3 Stunden. Landschaftlich ist es schon der Abspann, sozusagen. Alles ganz nett, aber eben eindeutig nicht die Westküste. Am Nachmittag nutzen wir intensiv alle Vorteile, die eine mittelgroße Stadt zu bieten hat und auch abends zieht es den Großteil der Crew ins Nachtleben von Inverness, der Hauptstadt der Highlands. Übrigens war es heute überwiegend trocken.

Samstag, 23. August

Bis zum Nachmittag bleiben wir in Inverness liegen. Um 15.00 sind wir fertig bebunkert mit Wasser und Diesel, um 18.00 ist der Bugsprit wieder gerichtet, den hatten wir ja für die Schleusen hochkurbeln müssen. Die Sonne scheint und wir segeln mit flotter Fahrt aus dem Firth of Inverness heraus. Delfine tauchen auf und begleiten uns durch die Engstelle auf offene See hinaus. Immer wieder tauchen sie unter dem Schiff hindurch, eine ganze Herde tummelt sich um uns herum. Ein gutes Omen für unsere Überfahrt! Draußen sehen wir dann auch noch Seehunde auf einer Sandbank liegen. Und achteraus verschwinden die Highlands und das Great Glen, die Kette von Lochs, die durch den Kaledonischen Kanal miteinander verbunden sind.

Sonntag, 24. August

Der Wetterbericht für die kommenden Tage verspricht ein bisschen viel Wind. Um die ersten Fronten des herannahenden Tiefs erst einmal passieren zu lassen, machen wir mittags in Fraserburgh fest, der grauen Stadt am Moray Firth. Im sonntäglichen Sonnenschein ist diese Satdt auf besonders graue Art schön. Und in der Umgebung gibt es schöne Strände und ein Leuchtturmmuseum. Die meisten von uns ruhen sich an Deck in der Sonne aus. Wer weiss, was die nächsten Tage bringen… Ein Fischer schenkt uns filetierte Makrelen und abends gibt es ein großes Fisch-Schottland-Abschiedsessen. Nun müssen wir nur noch passablen Wind bekommen… Nach jetzigem Stand der Dinge werden wir hier übernachten und Montag früh zum Großen Sprung ansetzen.

Montag, 25. August

Ab 5.00 hauen bemerkenswerte Böen in die Takelage. Die hätten eigentlich bereits im Laufe der Nacht durchziehen sollen. Der geplante Frühstart wird verschoben. Wetterrecherche ergibt, dass ab mittags der Wind sich beruhigen soll und von Süd auf Südwest drehen wird. Also legen wir erst um 9.00 ab. Sofort vor dem Hafen können wir Segel setzen: gerefftes Groß und Besan und die Fock. Im Schutz der Küste stürmen wir auf die Nordsee hinaus. Aber die Küste ist bei Rattray Head zu Ende, was erwartet uns dort? Dort erwarten uns 3 Meter hohe Wellen aus Süd, die das Leben an Bord für alle schwierig und für einige unmöglich machen. Zu allem Überfluss schläft mittags der Wind ein. Bäume, Gaffeln und Segel werden uns gehörig um die Ohren gehauen. Wir binden alles gut fest und fahren mit langsamer Maschinenfahrt gegen die Welle an. Zum Glück kommt nach einer Stunde der Wind wieder: Segel wieder hoch, Maschine aus und der Kurs wird so gewählt, dass das Leben an Bord einigermaßen erträglich wird. Das Abendessen findet dennoch kaum Abnehmer. In der Nacht klart es auf und über uns wölbt sich ein wunderbarer Sternenhimmel mit mehr als tausend Lichtern.

Dienstag, 26. August

Die Welle beruhigt sich, das Leben normalisiert sich. Das Sturmtief, dessen südlichste Ausläufer wir zu spüren bekamen, bleibt bei Island liegen und füllt sich. Kraftlos wirft es ein paar Randtiefs gegen die Highlands und über die Nordsee. Wir bekommen graues Wetter, rain and drizzle at times, das sind wir ja bestens gewöhnt. Der mäßige bis frische Wind kommt aus Südwest oder etwas westlicher und wir segeln den ganzen Tag mit 4 bis 6 Knoten und Kurs auf Helgoland. Am Abend sehen wir die ersten Bohrinseln des schottischen Fulmar Oil Fields. Inzwischen sind alle an Bord wieder gut dabei. Das Abendessen ist einfach, aber schmackhaft und was das Wichtigste ist: Es wird von allen mit Genuss verspeist.

Mittwoch, 27. August

Ab Mitternacht nimmt der Wind zu und den ganzen Tag fliegen wir mit 7 bis 8 Knoten über die Nordsee. Die mäßige Welle kommt leicht von achtern, auf dem Schiff lässt es sich gut leben. Das denkt sich auch eine Taube und richtet sich häuslich auf dem Achterdeck ein. Bei Regen verkriecht sie sich unter das Relingprofil und erholt sich ansonsten von einem bestimmt ungemütlichen Flug über die Nordsee. Als uns am Nachmittag eine Fähre passiert, fliegt sie grußlos davon. Mittags erreichen wir die Nordostecke der Doggerbank, bald müssten an Backbord die Bohrinseln des dänischen Gormfeldes in Sicht kommen. Die Inseln sind alle nach berühmten seefahrenden Wikingern benannt: Ragna, Tyra, Valdemar, Gorm, Rolf. Wenn die wüssten, dass sich ihre Nordsee in ein Industriegebiet verwandelt hat… Ansonsten verläuft der Tag ereignislos, die Sonne lässt sich nur sehr kurz blicken, rain and drizzle at times. Aber die flotte Fahrt beschert uns eine neue persönliche Petrine-Bestleistung. Am Mittwoch, dem 27. August legen wir in 24 Stunden 173 Seemeilen zurück. Das entspricht einem Schnitt von über 7 Knoten und das gab es noch nie.

Donnerstag, 28. August

Bei ruhiger See und normal schneller Fahrt zwischen 5 und 6 Knoten kommt noch in der Nacht der Leuchtturm von Helgoland in Sicht. Um 11.00 machen wir dort fest. In 3 Tagen haben wir die Nordsee überquert. 410 Seemeilen sind wir gesegelt von Fraserburgh bis Helgoland und die Maschine mussten wir gar nicht benutzen. Abgesehen von der Welle zu Beginn und trotz gelegentlichem rain and drizzle hatten wir eine schöne, schnelle Überfahrt. Bedauerlich ist nur, dass wir jetzt nicht mehr in Schottland sind. Es war so schön dort.
Wehmütig kaufen wir beim nachmittäglichen Shopping auf Helgoland vor allem Produkte aus Islay, Jura und von der Speyside, dem Gebiet zwischen Inverness und Fraserburgh.

Freitag, 29. August

Früh um 4.30 machen wir uns auf die letzte Etappe. Die Tide will es so. Der frische Wind weht uns ins Wattenmeer. An Seehundsbänken und Krabbenfischern vorbei segeln wir zum Eidersperrwerk. Kurz die Segel runter, dann gleich wieder hoch. Ab Tönning müssen wir mit Maschine fahren, denn der Fluss wird hier zu schmal. Um 13.30 kommen wir in Friedrichstadt an. Hier, durch Sperrwerk und Treeneschleuse vom offenen Meer getrennt, zwischen Schilfgras, Bäumen und Eiderwiesen, nach 3076 Seemeilen, endet eine wunderbare Seereise.
Wir nehmen einmalig schöne Bilder mit nachhause, von denen wir im Winter träumen können. Waren wir wirklich auf der Ile d`Ouessant, beim Hafenfest im Sonnenschein? Sind wir an den Skelligs vorbeigesegelt? Sind wir wirklich mitten durch die schottischen Highlands gefahren? Ja. Da waren wir. Und davon können wir ein Leben lang erzählen.

Jochen Storbeck
Über den Autor
Jochen Storbeck segelt seit 1991 mit der Petrine und wohnt seit 2002 in Vitte auf der Insel Hiddensee.