Auf nach Brest!

Wann beginnt denn so eine Reise? Begann sie in Friedrichstadt, als wir am 9. Juni bei strömendem Regen mit der Schiffergilde von der Eider auf die Nordsee hinausfuhren? Wir erreichten Helgoland, segelten über hohe See nach Spiekeroog und entlang schwankender Pricken zur Minsener Oog. Am 16. Juni endete der Törn in Wilhelmshaven. Sodann erlebten wir eine Woche bei sehr günstigen östlichen Winden auf den ostfriesischen Inseln. Minsener Oog, Spiekeroog, Norderney, Juist, Borkum. Am frühen Morgen des 23. Juni kamen wir in Enden an. Am selben Tag verließen wir Deutschland, Salzwasser und Segelei und begaben uns auf eine ereignisreiche Reise durch holländische Kanäle. Wir durchfuhren ein Land mit hoher Verkehrsdichte zu Lande und zu Wasser und manchmal überall zugleich. Wir unterquerten Eisenbahnen, überquerten Autobahnen, passierten 85 Brücken und 10 Schleusen. Und auf Ijsselmeer und Markermeer konnten wir 2 Tage prima segeln. Schließlich gelangten wir nach Rotterdam.

Samstag, 30. Juni 2012
Um 18.00 Uhr sind alle Mitsegler an Bord. Wir essen zu Abend, lernen uns kennen und beschließen, wegen anhaltenden Südwestwindes morgen nicht auf die Nordsee hinauszufahren. Wir wollen landeinwärts zum Rheindelta fahren und auf günstigen Wind warten.

Sonntag, 1. Juli
Um 10.00 passieren wir die Erasmusbrücke und tuckern auf der Neuen Maas in Richtung Dordrecht. Über die Alte Maas und den Dordrechtschen Kil erreichen wir das Hollandsche Diep, wo uns kräftige Regenschauer erwarten. Am Nachmittag legen wir ein Päuschen im schönen Städtchen Willemstad ein. Um 21.00 machen wir hinter einer alten Schleuse auf einer Wiese in Benedensas fest. Wunderschön ruhig und grün hier, nach all der Industrielandschaft, die wir heute passiert haben. Der Tag klingt aus mit dem Endspiel der Europameisterschaft.

Montag, 2. Juli
Früh um 6.00 starten wir zur Krammerschleuse, die uns vom Volkerak zum Mastgat bringt. Um 10.00 können wir segeln! Bei mäßigem Süd – und zum Glück auch mäßigem Berufsverkehr – kreuzen wir auf der Oosterschelde. Nach Passage der Zandkreekschleuse können wir auch auf dem Veersen Meer prima segeln. Heute ist endlich der Sommer ausgebrochen. Die Sonne scheint: Sonnencreme ist gefragt statt Regenkombi. Und die Landschaft, die wir hier in Noord-Brabant erleben, ist das schönste Stück Holland, das wir bislang sahen. Alles in Holland ist ja menschengemacht, auch die unberührte Natur hier im Veerse Meer. Aber Schilfgürtel, Wälder und Strände sind besonders gelungen und verwöhnen das Auge. Um 15.00 machen wir in Veere fest. Dom, Festung und Kirche, der alte Sielhafen, der mittelalterliche Ortskern laden zum Rundgang ein. 18.00 starten wir zur Fahrt auf dem Kanal durch Walcheren. Heute Abend wollen wir in Vlissingen sein, denn morgen ist vielleicht der Wind günstig, um nach Dover oder Calais zu segeln. Vielleicht sogar noch weiter?

Dienstag, 3. Juli
Nichts ist geworden aus dem günstigen Wind. Stattdessen sind wir von Vlissingen noch weiter nach Breskens gefahren. Dort saßen wir 2 Stunden auf einer Sandbank fest, bevor wir um 23.00 im Hafen festmachen konnten und Wasser bunkerten. Morgens sind wir dann von 6.00 bis 13.00 in der Flaute nach Nieuwpoort motort. Wir liegen schön zentral, können die Cafes genießen oder einkaufen. Wir warten die gegenlaufende Tide ab und um 18.00 fahren wir weiter nach Westen. Um Mitternacht fällt der Anker vor Calais.

Mittwoch, 4. Juli 2012
Der Südost ist da. Früh um 5.00 gehen wir Anker auf, setzen die Segel und passieren um 8.00 Cap Gris Nez. Jetzt sind wir im Englischen Kanal, „La Manche“ sagen die Franzosen. Die Tide hilft viel, der Wind aber nur wenig. Außerdem lockt La France. So machen wir mittags in Boulogne-sur-Mer fest. Einige fahren mit dem Taxi ins Stadtzentrum und berichten von einer schönen Altstadt. Andere bleiben an Bord, genießen die wärmende Sonne und lassen es ruhig angehen.
Für die kommenden Tage sind leichte Winde aus verschiedenen Richtungen, meist aber Südost angesagt. Wir wollen um 16.30 ablegen und zur Halbinsel Cherbourg fahren, möglichst segeln. Mal schauen…

Donnerstag, 5. Juli

Viel Wind ist nicht gewesen. Wenn er wehte, haben wir ihn genutzt. Morgens können wir ein paar Stunden segeln, mittags wieder, meistens läuft die Maschine und bringt uns bis vor Barfleur. Das Wetter ist sommerlich freundlich und warm. Wir haben das Gefühl, in den Sommer zu fahren. Um 19.50 Uhr fällt der Anker vor Barfleur und eine Beibootmannschaft erkundet, wann und wo wir im Hafen anlegen können. Wir werden freundlich empfangen und können um 22.00 in den Hafen verholen. Dort bekommen wir Wasser, das wir dringend brauchen und ein schönes Stück Frankreich zu sehen. Wir bleiben bis morgen Mittag.

Freitag, 6. Juli
Ein Fischer behauptet, Barfleur sei der drittschönste Hafen Frankreichs. Wir würden auch glauben, er sei der schönste. In den Morgenstunden ist kein Wasser im Hafen. Die vielen Fischerboote liegen trocken im Kies und es ist nicht so einfach, Baguettes zum Frühstück an Bord zu holen. Vormittags sammeln wir Muscheln und Krebse auf den Felsen und am Strand bis das Wasser wiederkommt. Beim Spaziergang durch die Gassen bewundern wir die phantasievollen getöpferten Hausnummern. Mit steigendem Wasser wird es lebhaft im Hafen. Fischer kehren zurück und bauen Verkaufsstände auf die Pier. Muscheln, Fische, Garnelen sehen so appetitlich aus, dass wir uns reichlich fürs Abendessen eindecken.
Bevor das Wasser wieder verschwindet, verlassen wir um 13.30 den gastlichen Hafen. Wir werden lange von einem Delphin begleitet, der sich ausgiebig filmen und fotografieren lässt. So dürfen wir auf glückliche Fahrt durch das Race of Aldernay hoffen. Dieser Gezeitenstrom an der Nordwestecke der Halbinsel Cotentin lässt das Wasser auch bei annähernder Windstille wie kochend aussehen. Wir machen zeitweise über 12 Knoten Fahrt über Grund. In den Abendstunden kommt ein wenig Südwind auf und wir setzen die Segel. Der leckere Fisch aus Barfleur rundet den Tag ab.

 

Samstag, 7. Juli
Lange bleibt uns der Wind nicht gewogen. Um Mitternacht starten wir die Maschine und wollen zur Insel Sark motoren um dort zu ankern. Der Wind nimmt aber immer weiter zu aus Südwest und dazu regnet es. So laufen wir um 4.00 in den Hafen von St. Peter Port auf Guernsey ein. Wir machen bei Niedrigwasser an einer riesenhohen Fischereipier fest. Im Laufe der nächsten 6 Stunden wird das Wasser um 9 Meter steigen, so gewaltig ist hier der Tidenhub.
Es regnet aus Kübeln und am Vormittag nimmt der Wind ordentlich zu. So fällt es uns leicht, einen Tag in St. Peter und auf Guernsey zu verbringen. Die Stadt und die landschaftliche schöne Insel laden bei diesem Wetter eher ein als die aufgewühlten Gewässer ringsum. Auch der schwierige Landgang und die langen Wege im Hafen lassen sich gut ertragen; Hauptsache wir liegen bei diesem Wetter im Hafen.

Sonntag, 8. Juli
Um 9.00 wollen wir bei nunmehr moderatem West bis Nordwestwind zur bretonischen Nordküste segeln. Das klappt auch ganz gut. Wir setzen Segel und laufen 4 bis 6 Knoten hoch am Wind in mäßig bewegter See. Unser erster „richtiger“ Segeltag! Um 20.00 fällt bei feinstem Sonnenschein der Anker südlich der Ile de Behat, auch Ile de Fleurs, Insel der Blumen, genannt. Wir haben die Bretagne erreicht.

Montag, 9. Juli
Vormittags finden ausgiebige Landgänge auf der felsigen und bunten Ile de Behat statt. Geranien wachsen hier bis unters Dach an der Hauswand empor; wir sehen Feigen, Eukalytus, Hortensien, Palmen. Anscheinend sind die Sommer hier üblicherweise wärmer und sonnenreicher als dieser Sommer. Ein hübsches Schlösschen, 2 kleine Leuchttürme und viele Häuschen und Villen aus Naturstein ergänzen die natürlichen Reize dieser sehr besonderen Insel. Der Tidenhub von 8 Metern macht uns etwas Mühe beim Ankern, aber das beeinträchtigt nicht die Freude über dieses herrliche Stückchen Bretagne.
Mittags gehen wir Anker auf und um 14.00 sind wir frei von allen vorgelagerten Felsen. Wir kreuzen gegen leichten Westwind vor der bretonischen Nordküste. Später wird dann noch eine sportliche Übung daraus und am Abend gehen wir in der Bucht von Anse de Perros vor Anker.

Dienstag, 10. Juli
Ein Landgang scheint hier nicht so recht lohnend und so verlassen wir nach einem ruhigen Vormittag die Bucht und motoren gegen den Westwind an der Rosa Granitküste entlang. Tolle Felsformationen liegen hier an Land und im Wasser davor. Frei von den Felsen setzen wir Segel und kreuzen in der Bucht von Morlaix dem Hafen von Roscoff entgegen. Am Abend machen wir hier fest und erkunden in der Dämmerung die schöne Altstadt. Ein ganz bezauberndes Natursteinstädtchen mit einem früher bedeutenden Fischereihafen. Noch heute ist der Hafen groß und gastfreundlich. Wir hoffen auf günstigen Wind für Morgen…

Mittwoch, 11. Juli
Roscoff bezaubert uns mit schönen Cafes und einem großen Wochenmarkt. Dort füllen wir die Backskisten wieder auf. Das macht Freude bei Sonnenschein und einem tollen Angebot an Obst, Gemüse, Fisch, Wurst und Käse. Mittags machen wir uns trotz kräftigem Westwind auf den Weg und motoren gegenan. Das Schiff bewegt sich erheblich in kurzer, steiler Welle und wir schaffen es nicht, bis zur Nordwestecke der Bretagne in den Chenal du Four zu gelangen. Abends machen wir im Hafen von L`Aber Wrac`h in einer Flussmündung fest. Morgen vielleicht…

Donnerstag, 12. Juli
Es regnet. Und es wird den ganzen Tag regnen. Mal weniger, mal mehr, aber regnen wird es ständig. Obendrein weht es von vorne. Nach dem Mittagessen wagen wir einen Versuch auf der offenen See. Es ist ungemütlich, aber machbar. Gegen 15.00 können wir Südkurs steuern im Chenal du Four. Hier haben wir mitlaufende Tide und fahren dennoch gegen Wind und hohe Wellen nur 3 bis 4 Knoten über Grund. Am Abend kentert die Tide, da sind es dann weniger als 2 Knoten, die wir vorwärts kommen. Immerhin lässt die Welle nach, denn wir haben Landschutz durch die vorgelagerten Inseln. Nun denke mal keiner, an solchen Tagen käme das Leben an Bord zum Erliegen. Crissie backt auch bei diesen Verhältnissen Kuchen. Und abends gibt es leckeren Meeraal vom Markt in Roscoff mit Gemüse und Reis. Um 21.30 haben wir endlich den Chenal du Four achteraus und können das gereffte Groß setzen. Wir passieren den Point de Saint Matthieu, der mit seinem Leuchtturm und einer alten Klosteranlage in der Abendsonne so einen wunderschönen Anblick bietet. Wir sehen ihn kurz zwischen zwei Regenschauern im Dunst auftauchen. Aber wir segeln! Zum ersten Mal auf dieser Reise segeln wir nicht hoch am Wind, sondern vor dem Wind. Ein ganz neues Gefühl. Um Mitternacht gehen wir im Hafen von Camaret-sur-Mer zu Anker. Vor hier ist es nicht mehr weit nach Brest.

Freitag, 13. Juli
Nach dem Frühstück beschließen wir, den Tag in Camaret zu verbringen. Das Wetter ist weiterhin sehr aprilhaft, oft regnet es, aber es gibt auch schöne sonnige Momente. Camaret bietet schöne Wanderungen an der Atlantikküste zur Westspitze der Halbinsel Crozon. Einige schaffen es bis dorthin durch blühende Heidelandschaft und sehen die vorgelagerten torartigen Felsformationen. Andere decken sich in den zahlreichen Galerien mit Kunstwerken und Kunsthandwerk ein oder trinken einen Cafe und gucken den Franzosen zu. Abends gibt es dann ein kleines Fest am Hafen in Erwartung des morgigen Nationalfeiertages. Um 23.00 beschließt ein Feuerwerk diesen tollen Tag. Auch für unsere Reise ein schöner Abschluß.

Samstag, 14. Juli
Früh um 7.00 gehen wir im Hafen von Camaret Anker auf. Es regnet. Vor dem Hafen setzen wir die Segel und siehe da, wir werden mit Sonneschein belohnt. So sehen wir die bretonische Felsenküste im ersten Morgenlicht. Es wird an Deck gefrühstückt und ausgelassen rumgealbert, denn nun ´haben wir es wirklich geschafft: Schwierige Wetterverhältnisse und doch bis zum Schluß eine schöne Stimmung an Bord! Vor lauter Freude segeln wir mit allen 7 Segeln durch den Port du Commerce über das Festivalgelände. Wir bewundern die vielen schönen Schiffe, die hier festgemacht haben. Danach gehen wir zu Anker und klaren das Schiff auf. Diese Reise ist nun nach 606 Seemeilen zu Ende.
Um 12.00 Uhr verlassen beinahe alle Mitsegler die Petrine beim Port du Moulin Blanc in Brest und treten gesund und fröhlich die Heimreise an.
Um 13.00 macht die Petrine bei der Fete Maritime im Port de Commerce fest. Nun warten wir auf die Festivalmitsegler.

Jochen Storbeck
Über den Autor
Jochen Storbeck segelt seit 1991 mit der Petrine und wohnt seit 2002 in Vitte auf der Insel Hiddensee.