Schottland

Samstag, 11. August
Bis mittags klaren die Irlandsegler das Schiff auf; so langsam trudeln die ersten Schottlandsegler an Bord ein. Für morgen und die nächsten Tage ist starker Südostwind angesagt, denn ein kräftiges Tief passiert südlich oder westlich von uns. Aufgepasst!
Um 20.00 Uhr sind alle Schottlandsegler eingetroffen, trotz verspäteter und gestrichener Flüge. Bis um 22.00 sind wir mit den Formalien durch und somit startklar für morgen früh.

Sonntag, 12. August
Nach Tidenkalender müssten wir um 3.00 ablegen, aber wir können uns beherrschen und frühstücken erstmal ausgiebig. Um 9.00 Uhr verlassen wir den sehr praktischen, aber keineswegs gemütlichen Liegeplatz in der Abercorn Marina. Wir tuckern auf dem Victoria Channel aus dem Belfaster Hafen, den die Postmoderne noch nicht vollständig erobert hat. Noch gibt es eine arbeitende Werft, allerhand Fähranleger, Frachtumschlag und produzierendes Gewerbe. Schon gibt es aber auch das Titanic-Quartier, trendige Lofts, die Odyssee Arena und die Abercorn Marina. In London und Glasgow dagegen hat die alte Zeit schon definitiv aufgehört.
Im Belfast Lough setzen wir um 11.00 das gereffte Groß und die Fock und machen uns bei flottem Südostwind auf den Weg nach Norden. Es regnet und von der Küste ist auch nicht viel zu sehen, aber wir kommen mit 6 bis 7 Knoten voran. Später läuft die Tide dann ungünstig (weil wir nicht um 3.00 losgefahren sind) und auch die Schiffsbewegungen machen vielen zu schaffen. Um 18.00 Uhr passieren wir den Mull Of Kintyre, der allerdings in den Regenschwaden kaum zu erkennen ist. Immerhin wird es nun wieder ruhiger und alle können die abendliche Hühnersuppe genießen.

Montag, 13. August
Um Mitternacht segeln wir durch eine Dunkelheit, wie ich sie an Bord noch nie erlebt habe. Die Küste der Insel Islay an Backbord, falls überhaupt in Sicht, ist unbewohnt und über uns sind Mond und Sterne hinter kilometerhohen Wolken verborgen. Lichtverhältnisse wie in einem unbeleuchteten Tunnel. Um 2.00 segeln wir in den Sund zwischen den Inseln Islay und Jura. Der Wind lässt nach, die Tide wird ungünstig. Wir versuchen, im Hafen von Port Askaig anzulegen, aber das Manöver muss wegen hartem Strom und mangelndem Platz im Hafen 2 mal abgebrochen werden. Schließlich fällt der Anker um 4.00 in der Whitefarlandbay an der Küste von Jura.
Beim Frühstück regnet es in Strömen, an Landgang mit dem Beiboot ist auch nicht zu denken, denn es pfeift in der Takelage. Der nordsetzende Strom verbündet sich schließlich mit dem Südwind und unser Anker beginnt zu slippen. Am Besten segeln wir los. Ein Reff ins Besan; gerefftes Groß und Fock gesetzt und wir sausen zeitweilig mit mehr als 10 Knoten aus dem Sound Of Islay heraus. Der Leuchtturm am Nordende des Sundes wird bereits von der Sonne beschienen. Und das Wetter bessert sich im Laufe des Tages immer mehr. Dazu achterlicher Wind der Stärke 5 bis 6: Wir fliegen vorbei an Colonsay und Oronsay, wo wir vor 4 Jahren so begeistert tanzten. Wir fliegen vorbei an Iona, das doch nun wirklich jeder Schottlandbesucher gesehen habe sollte. Die Treshnish-Inseln bieten nicht genug Landschutz bei diesem starken Wind. Dann klart es vollständig auf und wir sehen im Norden die Insel Skye, im Osten die Insel Mull vor den Highlands im Westen Coll und Tiree und sogar die Hebriden, aber nur mit etwas Phantasie. Um uns herum sehen wir Walhaie von erstaunlicher Größe. Immer wieder liegen sie an der Oberfläche und scheinen vorsichtig dem Schiff zu folgen. Einer von 10 Meter Länge taucht schön langsam unter uns durch. Und den ganzen Tag jagen die Basstölpel um uns herum pfeilgleich ins Wasser. Dazu das grandiose Panorama der ganzen schottischen Herrlichkeit. Wer hatte das heute Morgen beim Frühstück erwartet? Um 22.00 Uhr machen wir auf der Insel Rum fest. 170 Seemeilen mit feinstem achterlichen Wind haben wir seit Belfast zurückgelegt. Noch schöner allerdings ist, was unterwegs alles gesehen haben.

Dienstag, 14. August
Jetzt wollen wir die Seefahrt trotz günstigem Wind mal hintanstellen und ein schönes Stück Schottland zu Fuß erkunden. Auf Rum gibt es dramatische Geschichte, hohe Berge, bewaldete Glens, Hochmoore, ein äußerst skuriles Castle und umbrandete Felsen. Ganz Schottland in klein.
Am Vormittag scheitern alle Versuche, in die vegetationslose Hochgebirgsregion vorzudringen an tief hängenden Wolken und kräftigen Regenschauern. Da haben es die Langsamen unter uns besser getroffen, cdenn sie treffen sich bei Kaffee, Kuchen, Internet und Spielzeug in der Community Hall. Das Wetter bessert sich wiederum im Laufe des Tages und der Nachmittag sieht uns als Felsenkletterer und Badende im hellen Sonnenschein. Der Wind schläft bis zum Abend völlig ein und so wird uns zum ersten Mal auf dieser Reise das schottische Problem Nr. eins präsentiert: Mücken. Allerdings fliegen sie nicht ins Schiff, dem Knoblauch sei dank. Trotzdem ist es schwer, nicht an Deck zu sitzen, denn der Sonnenuntergang, der Zauber der Bucht, die Stille und das Panorama der Highlands im Osten, all dies können die Mücken gar nicht verderben.

Mittwoch, 15. August
Um 6.00 Uhr starten wir von der Pier auf der Isle Of Rum. Kein Lüftchen regt sich auf See, wir motoren mit Kurs NNW zur Insel Skye. Bei bester Fernsicht haben wir die tausend Meter hohen Berge der Cuillins direkt an Steuerbord und die Berge der Hebrideninsel Harris weit im Nordwesten voraus. Um 7.30 setzt Wind ein, wir reffen aus und setzen Segel. Spätestens ab 10.00 bereuen wir das Ausreffen, denn das Schiff fliegt mit bis zu 8 Knoten an der atemberaubenden Küste von Skye entlang. Strahlender Sonnenschein, Bergkulisse und frischer Segelwind. Es ginge nicht schöner. Ab 11.00 tuckern wir gegen den starken Wind ins Loch Braccadale und weiter ins Loch Harport. Das Loch liegt wie in einem Amphitheater von hohen Bergen umschlossen und reicht weit ins Landesinnere hinein. Mittags machen wir an einer Pier in Carbost fest, direkt bei der Destillerie von Tallisker. Im Laufe des Nachmittags wird eine Besichtigungstour für morgen vereinbart, ein Ausflug in die Inselhauptstadt Portree organisiert, ein Auto gemietet. Oder es werden Miesmuscheln geschrubbt, die wir bei Niedrigwasser von den Steinen abgekratzt haben. Es reicht für eine ausgiebige Abendmahlzeit und hilft sehr, dass Tom in der Destillerie vorausschauend bereits lokale Produkte zur Verdauungsförderung erworben hat. Am Abend erkunden wir die Halbinsel mit dem Mietwagen. Neben der Landschaft erfreuen wir uns vor allem an den lebensgroßen Puppen, die hier in jedem Vorgarten stehen. Es gab hier einen Wettbewerb, wer die lustigste Puppe gestaltet und anscheinend hat sich die ganze Halbinsel daran beteiligt. Scottish sense of humour at its best.

Donnerstag, 16. August
Heute besichtigen wir die Tallisker Destillerie oder fahren mit dem Mietauto in die Berge. Abends wollen wir grillen. Es gibt Sturmwarnungen für Irland und Starkwindwarnungen für den ganzen Westen Schottlands. Wir bleiben in Carbost.
Und erleben wahre Wunder der Natur an den Hängen der Cuillins. Kristallklares Wasser hat einen tiefen Canyon in den Berghang hineingewaschen. Wasserfälle aller Art, Stromschnellen, ruhige, tiefe Seen, Steine in allen Farben auf dem Grund. Das alles vor dem Hochgebirgspanorama der Cuillins, deren Gipfel von Wolken gekrönt sind. Was für eine Landschaft.
Auch beim abendlichen Grillen auf der Pier von Carbost leisten die Berge einen Beitrag. Im Sonnenuntergang gleichen sie mit ihren ausgewehten Wolkenkronen einem soeben ausgebrochenen Vulkan.

Freitag, 17. August
Um 6.00 legen wir in Carbost ab und machen um 6.45 in Portnalong an einem Betonslip fest zum Wasserbunkern. Nach dem Frühstück sind beinahe alle frisch geduscht und der Tank ist voll. Wind weht heute wieder aus südlichen Richtungen. Zunächst noch schwach, das erlaubt uns letzte Blicke in das gastliche Loch Harport. Später wechselt die Stärke von Flaute bis heftig. Auch unser Ziel wechselt das eine oder andere Mal. Letztlich segeln wir um 21.00 Uhr unter vollen Segeln ins Loch Seaforth, das sich tief in die Insel Lewis hineinwindet. Heute sind nur die untersten hundert Meter der Berghänge am Ufer zu sehen, die restlichen 400 Höhenmeter liegen in den Wolken. Nun sind wir auf den Äußeren Hebriden angekommen. Um 22.00 fällt der Anker im Nieselregen vor dem Dorf Maaruig.

Samstag, 18. August
Bereits vor 7.00 ist viel Aktivität an Deck. Klarer Himmel und sonnenbeschienene Gipfel über dem Schiff. Baumlose Berge in allen 4 Himmelsrichtungen. Seehunde tummeln sich um uns her. Gleich nach dem Frühstück soll das Beiboot für Landerkundungen klargemacht werden. Daraus wird aber nichts, denn nach dem Frühstück prasselt ein Wolkenbruch nieder, begleitet von starken Böen. Erst um 10.00 ist alles wieder trocken und wieder muss erstmal fotografiert werden, denn gewaltige Wasserfälle zieren nun die Berghänge. Ab 11.00 tuckern wir mit der Petrine locheinwärts. Erstens muss die Schiffsbatterie geladen werden, zweitens ist dieses Loch so besonders schön. Mitten im Loch die 200 Meter hohe Seaforth Insel, unbewohnt seit ewigen Zeiten, ohne menschliche Spuren, wenn man vom vielen Fischereimüll absieht, der im Spülsaum liegt. Wir sammeln 4 neue Fender ein. Um 12.30 fällt der Anker vor Ardvourlie. Busse fahren von hier über die ganze Insel Lewis und Harris, die Insel Seaforth und die schönen Berghänge laden zum Wandern ein. Und im Schiff kann, ganz ohne Regen und bestens verpflegt, gelesen und gespielt werden.
Abends verkatten wir uns mit 2 Ankern, um den heftigen Böen zu trotzen, die aus den Bergen über und herfallen. Wir schlafen bestens.

Sonntag, 19. August
Alle Versuche, für den heutigen Tag eine Bustour über Lewis zu organisieren, sind gestern Abend fehlgeschlagen: Sonntags haben auf den Hebriden nur die Kirchen geöffnet. Also wollen wir heute nach Stornoway segeln. Das Aufankern klappt bemerkenswert gut, schon nach 20 Minuten sind beide Anker an Deck, bzw vor der Klüse. Leider erwartet uns vor dem Loch die Flaute. Nicht ein Lüftchen weht. Die Böen waren wohl ein reines Produkt der Berge. Also tuckern wir zu den Shiant Inseln im Minch. Dort fällt der Anker um 14.15 Uhr vor einer flachen Landbrücke zwischen den ansonsten sehr bergigen Inseln. Unbewohnt von Menschen seit 100 Jahren sind die Inseln Heimat für tausende brütende Seevögel. Sie sitzen in den steil, nahezu senkrecht abfallenden Berghängen. Die Inseln bestehen aus Basaltsäulen und die höchsten dieser Säulen sind 150 Meter hoch. Vom Wasser aus lassen sie sich in voller Länge bestaunen. An Land finden wir Ruinen und andere Siedlungsspuren, eine Süßwasserquelle, tolle Aussicht über den Minch bis nach Skye, Lewis und Harris und viele brauchbare Fender, die als Strandgut herumliegen. Das schönste aber ist die Ruhe und Athmosphäre auf diesen entlegenen Inseln. Um 18.00 gehen wir Anker auf, während das Beiboot noch eine Tour durch ein Felsentor macht, das bei Hochwasser passierbar ist. Die Kormorane wundern sich und die Mitfahrer sind beeindruckt vom Felsentor und vom reißenden Strom, der sie hindurchspült. Am Ausgang des Felsentores nimmt die Petrine Beiboot und Besatzung wieder an Bord.
Wir können die Segel setzen und machen 5 Knoten Fahrt. Leider ist nach einer Stunde alles wieder vorbei. So tuckern wir durch die Abendsonne an einer wunderschönen Küste entlang nach Stornoway, dem Hauptort der Hebriden.

Montag, 20. August
Überaus freundlich werden wir vom Hafenamt empfangen. Man erlaubt uns sogar, zwecks Reinigungs- und Schiffsarbeiten in einer Ecke des Hafenbeckens trockenzufallen. Die meisten von uns ziehen es aber vor, mit dem Bus zu den Standing Stones Of Callanish zu fahren. Heute Abend bleiben wir in Stornoway, morgen machen wir uns wohl auf den Weg zur schottischen Nordküste und zu den Orkneys. Südwest 4 ist angesagt, besser geht es nicht.

Dienstag, 21. August
Nach dem Frühstück – Brötchen von Tesco – verlassen wir den Hafen von Stornoway und segeln vor dem Wind auf Cape Wrath zu, das Kap des Zornes. Heute schläft es aber zum Glück. Es weht nur moderat aus Süden und wir laufen mal 5 und mal 2 Knoten, vor allem aber bei ständig besserem Wetter. Zur Kaffeezeit – Apfelkuchen – haben wir ausgezeichnete Fernsicht auf die höchsten Gipfel der Highlands. Östlich von uns liegt das ganze herrliche Panorama im Sonnenlicht. Westlich von uns verschwindet langsam die Küste der Äußeren Hebriden. Um uns herum springen Wale und Delfine, so ausdauernd und bisweilen auch so nah, dass irgendwann sogar das Fotografieren aufhört. Um 18.00 müssen wir mangels Wind die Maschine starten. Die Tide hilft sehr und wir runden um 22.30 in respektvollem Abstand mit über 8 Knoten Fahrt das zornige Kap. Wir nutzen die mitlaufende Tide noch bis nach Mitternacht.

Mittwoch, 22. August
In völliger Dunkelheit fällt um 2.00 Uhr der Anker in der Flussmündung des Kyle Of Tongue. Nachtruhe, Windstille, nur die brechende Dünung an den Felsen in sicherer Entfernung ist zu hören. Zu sehen ist gar nichts.
Nach dem Frühstück ist die Tide wieder günstig für uns und wir können direkt vom Ankerplatz lossegeln. Besan gesetzt, Fock klargemacht, Anker hochgekurbelt, Fock back gehalten und übergeholt, Klüver und Flieger und Großsegel gesetzt. Das macht 5 Knoten Fahrt aus der Bucht mit einem bedauernden Blick zur Insel Eileann nan Ron, die wir nun leider nicht besuchen werden, weil so günstiger Wind weht. Bald scheint die Sonne und voraus kommen die Orkneyinseln in Sicht. Die Sandsteinklippen von Hoy sind 300 Meter hoch und eigentlich wollen wir dort auch landen. Das haut aber mit der Tide nicht hin, die mit bis zu 8 Knoten durch den Archipel rauscht und deshalb hier immer das letzte Wort hat. Wir segeln also einen nördlicheren Kurs um später anzukommen und eine einfachere Ansteuerung nutzen zu können. Wieder müssen wir um 18.00 Uhr die Maschine starten, weil der Wind einschläft und so tuckern wir durch die Windstille in den Eynhallow Sound. Der zeigt sich aber trotz Windstille sehr turbulent. Wie ein reißender Fluss stürzt sich der Gezeitenstrom durch den engen Sund. Was die Brandung hier ausrichten kann, können wir an der steilen Sandsteinküste des Costa Hill sehen. Die Höhlen sind teilweise so groß, dass die Petrine mit Masten dort hineinsegeln könnte. Um 22.00 machen wir an der Pier von Rousay fest. Wir sind auf den Orkneys angekommen.

Donnerstag, 23. August
Herzlichen Glückwunsch zum 10. Geburtstag, lieber Richard! Leider regnet es in Strömen, was aber beim Frühstück niemanden stört. Die meisten ziehen für die Inselbesichtigung den Local Bus vor. Alsbald hört es auf zu regnen und wir lernen ein Stück Inselalltag kennen: Die Kinder werden von der Schule abgeholt, alte Omis werden zum Shop gefahren, Reisende werden von der Fähre abgeholt und deutsche Touristen werden zu den archäologischen Sehenswürdigkeiten gefahren. Alles ohne Fahrplan.
Die Insel ist erstaunlich wild und naturbelassen, der Unterschied zu den Hebriden ist nicht so groß wie erwartet. Um 13.30 können wir direkt von der Pier wegsegeln und mit einem flotten Westwind passieren wir in knapp 2 Stunden allerhand Inseln, Schären und Unterwasserfelsen. Um 15.30 machen wir in Kirkwall fest, dem Hauptort der Hebriden. Hier und auf der Hauptinsel Mainland ist nun alles wieder sehr zivilisiert und ordentlich. Wir ziehen uns um und gehen in die Stadt. Ab 18.00 ist es wieder windstill, aber das stört uns heute nicht.

Freitag, 24. August
Diesel bunkern, Wasser bunkern, Lebensmittel einkaufen. Wir bereiten uns auf die Fahrt über die Nordsee vor. Der Wetterbericht verspricht zunächst starken nördlichen, dann mäßigen südlichen Wind. Mal schauen, was wir daraus machen können.
Um 15.30 segeln wir in Kirkwall direkt von der Pier los. Eine sanfte Brise und ein kräftiger Gezeitenstrom tragen uns durch „The String“, die östliche Ansteuerung von Kirkwall. Um 18.30 fällt der Anker im Deer Sound. Hier sind wir ringsum von Land umgeben und können noch einmal richtig schön ausschlafen. Mit einem wunderschönen Sonnenuntergang verabschieden sich die Orkneyinseln.

Samstag, 25. August
Um 5.00 gehen wir im ersten Licht des Tages Anker auf. Völlige Windstille begleitet uns aus der Bucht, ruhig und friedlich liegt die Nordsee vor uns. Wir fahren dem angekündigten Nordwind schon mal ein Stück entgegen. Um 10.00 sind auch die höchsten und östlichsten der Orkneyinseln nicht mehr zu sehen. Schottland, wir danken sehr und sagen „Auf Wiedersehen!“ Zwei Stunden später segeln wir bei leichter Brise mit Topsegeln und Kurs ESE gen Helgoland. Über 400 Seemeilen liegen vor uns. Schon 3 Stunden später jagen wir mit über 8 Knoten übers Wasser. Topsegel, Flieger und Klüver werden geborgen; Groß und Besan gerefft. Wir laufen dennoch knapp 8 Knoten und freuen uns darüber, denn die mit diesem Wind unvermeidlich verbundene Welle hat sich noch nicht aufgebaut. Mit einsetzender Dunkelheit ist die Welle dann da und nicht allen sagt das zu.

Sonntag, 26. August
Wir rasen weiter dahin. 24 Stunden nach dem Ankerauf haben wir bereits 150 Seemeilen zurückgelegt. Frühstück und Mittagessen werden allerdings nur sehr sparsam eingenommen. Auch Crissies Nachmittagskuchen – der natürlich auch bei 7 Windstärken nicht ausfällt – wird nur von wenigen gewürdigt. Die Gesunden, immerhin eine gute Dreiviertelmehrheit, bestaunen die Wellenberge, die unter uns durch laufen. Nicht oft sieht man die See derart aufgewühlt vom Deck eines Segelschiffes. Im Laufe des Tages wird es aber ruhiger. Starkwind Seegang lassen nach und alle lassen sich an Deck blicken. In der Nacht klart es auf und wir segeln unter einem wunderbaren Himmel mit tausenden Sternen, Milchstraße und Sternschnuppen.

Montag, 27. August
Der Wind nimmt kontinuierlich ab und um 4.00 müssen wir die Maschine starten. Immerhin fahren wir weiterhin mit gut 5 Knoten auf Helgoland zu. Noch 130 Seemeilen bis dort. Aber die Seewettervorhersage droht uns mit Südostwind in beträchtlicher Stärke. Es wird klar, dass es bis Helgoland nicht reicht. Reicht es vielleicht bis nach List auf Sylt? Oder nach Hvide Sande in Dänemark? Werden wir von dort in den nächsten Tagen in die Elbe segeln können? Mit solchen Überlegungen vergeht der Nachmittag. Südostwind setzt ein und bald auch Welle von vorne. Im Lichte des Seewetterberichtes von 21.00 Uhr – für uns ist Südost Stärke 6 bis 7 im Angebot – wird klar, dass wir allenfalls Hvide Sande erreichen können und dort in den kommenden Tagen auch kein günstiger Wind zu erwarten ist. Wir setzen gereffte Segel und laufen ab nach Thyborön. Belohnt werden wir mit rauschender Fahrt durch die dunkle mond- und sternenklare Nacht.

Dienstag, 28. August
Um 7.00 bergen wir Segel vor Thyborön. Unter Maschine kämpfen wir uns gegen beträchtlichen Strom durch das Seehundelöb bis zur Nissum Bredning. Jetzt haben wir den Limfjord erreicht, eine seeschiffstaugliche Verbindung von der Nordsee zum Kattegat, 90 Seemeilen lang, quer durch Dänemark. Um 10.40 passieren wir die Oddesundbrücke und können Segel setzen, ungerefft sogar. Gemütlich und ohne nennenswerte Schiffsbewegungen segeln wir in den Tag hinein. Entspannt, fröhlich, albern ist die Stimmung an Bord, denn wir haben die Nordsee achteraus. Topsegel werden gesetzt und wir genießen typisches Kaffeesegeln in sicheren Gewässern. Am frühen Abend prasselt ein gewittriger Wolkenbruch auf uns nieder. Wir nutzen das viele Süßwasser, um Salz von Deck und Luke zu waschen. Eine Stunde später bestaunen wir die abziehenden Wolkenberge und segeln in den letzten Sonnenstrahlen des Tages auf Aalborg zu. Um 22.00 machen wir dort fest. 512 Seemeilen haben wir seit den Orkneyinseln in 89 Stunden zurückgelegt. Schnell gesegelt…

Mittwoch, 29. August
Heute ist ein schöner Frühherbstmorgen. Die Sonne scheint, es ist völlig windstill und gelegentlich wabern Nebelfelder über den spiegelglatten Limfjord. Mit Maschine tuckern wir dem Kattegat entgegen. Was sehen wir unterwegs zwischen Großstadtufer, Kraftwerk und Getreidesilos? Schweinswale und Seehunde! Um 10.30 machen wir zum Wasserbunkern in Hals fest. Hier bekommen wir zu hören, was für Glückspilze wir sind: Die Brücken in Aalborg funktionieren erst seit 3 Tagen wieder. Vorher hätten wir die Masten legen müssen. Stattdessen tuckern wir aufs windstille Kattegat hinaus und urlauben in den sonnigen Nachmittag hinein. Abends kommt Wind auf und bis Mitternacht erreichen wir mit flotter Fahrt hoch am Wind den Hjelmsund.

Donnerstag, 30. August
Der Wind legt noch zu und wir segeln mit bis zu 7 Knoten an der Westküste Samsös gen Süden. Bald ist es aber wieder vorbei mit dem Wind, wir gleiten sanft in die Morgendämmerung und laufen schließlich die letzten Meilen zur Insel Endelave unter Maschine. Auf Endelave erkunden einige das Dorf und die schöne Heidelandschaft der Insel, andere schlafen aus. Ab 13.00 tuckern wir wieder über den spiegelglatten Ententeich in Richtung des Kleinen Beltes. Dank Sonne, einladender Küste und schönen Schäfchenwolken am Himmel machen wir gut gelaunt um 18.00 in Middelfart fest.

Freitag, 31. August
Um 7.00 wollen wir ablegen und nach Kiel segeln, wenn denn wie angekündigt entsprechender Wind weht.

 

Und ob der Wind wehte. Wir setzten um 8.00 Uhr die Topsegel. Wir segelten einen ganzen Tag bei achterlichem Wind und Sonnenschein. Wir bargen um 22.00 vor Kiel-Holtenau die Topsegel.

Wir waren in Schottland.
Wir sind über die Nordsee gesegelt.
Es war wunderwunderschön.

Jetzt ist die Reise zuende.

Jochen Storbeck
Über den Autor
Jochen Storbeck segelt seit 1991 mit der Petrine und wohnt seit 2002 in Vitte auf der Insel Hiddensee.