Petrine Nordlandtour 2000

Lesen Sie auch unseren Erfahrungsbericht aus seemännischer Sicht.

April 2000 – Die Genehmigung ist da!

Als erstem Traditionssegler überhaupt ist es der Petrine gelungen, die Genehmigung zum Befahren der innerrussischen Wasserstraßen unseres geplanten Nordland-Törns zu erhalten.

Fjorde und Schären (04.06.2000 – 25.06.2000)

Freitag, 2. Juni
Die Petrine liegt abfahrbereit und komplett bebunkert für viele Wochen in Skagen. Am morgigen Samstag kommt die Crew für die erste Etappe an Bord. Der Wetterbericht verspricht Ostwind für die kommende Woche. Wir werden Sonntagmorgen früh auslaufen und versuchen, in einem Rutsch bis in die westnorwegischen Fjorde zu segeln.

Samstag, 3. Juni
Die Crew ist an Bord und genießt die nächtliche Athmosphäre in Skagen. Nachtathmosphäre in Skagen

Sonntag, 4. Juni
Mit gut ausgeschlafener Crew legt Petrine um 9.30 Uhr in Skagen ab. Bei Wind aus Nordost segeln wir westwärts übers Skagerrak.

Montag, 5. Juni
Sonnenaufgang um 04.30 Uhr Wir laufen unter vollen Segeln die südnorwegische Küste entlang. Petrine segelt 9.00 Uhr Kap Lindesnes (Südspitze Norwegen) Steuerbord querab.
Nachmittags schläft der frische Ostwind ein. Zum Einklarieren und zur Paßkontrolle legen wir um 23.30 Uhr in Egersund an.

Dienstag, 6. Juni
Um 11.00 Uhr legen wir in Egersund ab. Segelversuche scheitern mangels Wind. Wir motoren durch Nieselregen bis wir um 22.00 Uhr auf Utsira festmachen. Wir hoffen, dass morgen der angekündigte Westwind einsetzt.

Mittwoch, 7. Juni
Wir liegen im idyllischen Hafen von Utsira. Petrine im Hafen von Utsira Eine Insel, die mehr Vogelarten als Einwohner beherbergt (1995 immerhin 238 Insulaner).

Donnerstag, 8. Juni
Um 3.30 Uhr morgens ist die Petrine fest in Bergen. Die ganze Nacht ist es nicht richtig dunkel geworden. In Bergen liegen 3 große Segelschiffe: Staadsrad Lehmkuhl, Christian Radich und Sörlandet. Eine Vollversammlung der norwegischen Windjammer. Norwegische Windjammer in Bergen

Nach Stadtbesichtigung Bergen von oben und Einkäufen legen wir um 13.00 Uhr ab mit Ziel Florö. Um 16.00 Uhr haben wir ein wenig Wind und freies Wasser zum Segeln. Unter vollen Segeln laufen wir mit 3 Knoten nordwärts. Der Wind ist also nicht so dolle, dafür scheint die Sonne… Und oben auf dem Fjell liegt Schnee.

Kurz vor Mitternacht machen wir an einer kleinen Schäre fest. Die untergegangene Sonne hat eine senkrechte rote Feuersäule an den nördlichen Himmel gezaubert. Ungewöhnlicher Sonnenuntergang kurz vor Mitternacht Wir steigen auf einen kleinen Berg und können uns lange nicht von dem Anblick losreißen. Wir sind im Hohen Norden! Morgenlicht um 01.30 Uhr

Freitag, 9. Juni
5.30 Uhr, Südostwind Stärke 4. Ablegen, Segel hoch, durch den Schärengürtel geht es nordwärts Richtung Florø. Wir laufen bis zu 8 Knoten, im Osten schneebedeckte Berge. Noch vor Mittag werden wir in Florø festmachen.

Von Florø segeln wir um 14.00 Uhr nordwärts durch die durch Schären und Fjorde in Richtung Stattland. Zum ersten Mal haben wir zu beiden Seiten des Schiffes fast 1000 Meter hohe Berge. Pralle Sonne und Südwestwind. Nachmittags lässt der Wind nach und um Mitternacht umrunden wir unter vollen Segeln das berüchtigte und – bei anderen Wetterverhältnissen – auch gefährliche Kap Stattlandet.

Samstag, 10. Juni
Morgens schläft der Wind ein und es fängt an zu regnen. Um 8.00 Uhr fest in Ålesund. Im Hafen von Ålesund Besichtigung der schönsten Stadt Norwegens, nachmittags gehts weiter in den Romsdalfjord nach Åndalsnes. Heute regnet es in Strömen.

18.00 Uhr Die Sonne scheint und es weht kräftiger Südwest. Sturmwetter in Ålesund Wir legen ab und segeln Richtung Romsdalfjord, wo wir am folgenden

Pfingstsonntag, 11. Juni
8.00 Uhr festmachen in Åndalsnes.
Ein Troll Fast alle nutzen den Tag für eine lange Wanderung auf den Trollstigen. In 900 Meter Höhe liegt hier noch reichlich Schnee. Dank der Sonne ist es schön warm und wir genießen die atemberaubende Fernsicht. Blick vom Trollstigen in das Isterdalen Ein toller Tag im Hochgebirge! Stigfossen

Pfingstmontag, 12. Juni
Zum ersten Mal müssen wir die Segel reffen, was uns zum Glück noch rechtzeitig gelingt. Zur Vermeidung der Felsen segeln wir auf offene See hinaus und zeitweilig gehts mit über 9 Knoten durch die Hustadvika gen Nordosten. Es weht mit 7 Windstärken, regnet immer wieder zwischendurch, wir kommen sehr zügig voran. Leider müssen wir um 15.00 Uhr in Kristiansund anlegen, um Diesel zu bunkern.

Von Kristiansund segeln wir abends weiter, immer noch bei starkem Südwest, mit bis zu 9 Knoten bei gerefften Segeln.

Dienstag, 13. Juni
Ein Tag in der Wetterküche. Nachts kreuzen wir bei leichtem Wind und kommen kaum vorwärts. Dann ein Stündchen Maschine wegen Totalflaute. Dann Wind! Eine Stunde später reffen, mit 9 Knoten bei stürmischem Wind, schlechter Sicht und waagerechtem Regen flitzen wir um die Felsen. Nachmittags liegen alle in der Sonne, Topsegel gesetzt, wir segeln langsam und gemütlich, Schären und Meer an Backbord, Fjorde und Berge an Steuerbord. Währenddessen fällt das Barometer um 2 mbar pro Stunde.
Abends laufen wir in 2 Meter hoher Welle, heftigen Hagelschauern, vor gerefftem Groß und Fock mit 8 Knoten auf Rörvik zu. Als wir um 23.00 Uhr dort festmachen weht es mit Sturmstärke und alle fallen sofort in ihre Kojen.

Heute haben wir gesehen, wie es dort zugeht, wo das Wetter gemacht wird. In der Ostsee müssen wir meistens ausbaden, was hier in den Hohen Breiten zusammengebraut wird. Wir haben heute gelernt, wie es in der Wetterküche selbst zugeht. Und wir sind gut und sicher vorwärtsgekommen dabei.

Mittwoch, 14. Juni
Es stürmt. Wir liegen in Rørvik. Wir schlafen aus, verteiben uns die Zeit mit Musik Musik an Bord und Brotbacken. Brot aus der Bordküche Machen gelegentlich eine Spaziergang und stellen dabei fest: Gut, dass wir heute liegen.

Donnerstag, 15. Juni
Um 4.00 Uhr los in Rørvik. Um 9.00 Uhr hört für kurze Zeit der Regen auf. Immerhin kommen wir gut vorwärts. Nachmittags klart es auf, wir sehen einen Berg mit einem Loch in der Mitte Der Berg mit dem Loch … und 7 Schwestern, 7 nahezu gleich aussehende Berge in einer Reihe, 1000 Meter hoch, die zerfurchten Hänge bis in die Täler mit Schnee bedeckt, die Häupter diskret in Wolken gehüllt. Abends dreht der Wind auf Nord und wir motoren noch 2 Stunden, bis wir an einem kleinen verlassenen Anleger in der Nähe von Sandnessjøen festmachen. Die Sauna wird geheizt, um 23.00 Uhr kommt die Sonne nochmal durch, einige springen sogar ins Wasser.

Freitag, 16. Juni
Heute weht es aus Nord. Wir tuckern 4 Stunden zur Insel Lovunda hinüber. Wir sind nun schon ganz in der Nähe des Polarkreises. Zum ersten Mal sehen wir Schwertwale, im Hintergrund die schneebedeckten Berghänge, von der Sonne beschienen. Lovunda ist ein Traum. 2 km Durchmesser, 620 Meter hoch, ein kleines Dorf, eine große Papageientaucherkolonie, viele Steinadler. Tierwelt auf Lovunda Und die Insellandschaft ringsum ist wie aus dem Märchenbuch mit schönen Blumen. Blumen auf Lovunda Wir beschließen, erstmal hierzubleiben. Unsere Angler sind zum ersten Mal richtig erfolgreich und wir essen Fisch bis zum Abwinken.

Wir sind jetzt auf 66°22 Nord 12°22 Ost. Und haben gerade schon wieder eine ganze Orkafamilie vorbeiziehen sehen…

Samstag, 17. Juni
6.00 Uhr Los von Lovunda. Um 8.55 Uhr überqueren wir den Polarkreis östlich der Insel Nesøy! Ungerefft und von einer Schauerböe vorwärtsgejagt, sehr stilvoll. Auch die anschließende Polarkreistaufe Neptun und Tetris bei der Polarkreistaufe, der gesellschaftliche Höhepunkt unserer Fahrt, läuft zunächst sehr korrekt ab. Ekelige Sachen essen, eingeseift Rasur der Täuflinge und das Zertifikat und rasiert werden, schwierige Fragen beantworten, Fuß von Tetris küssen (Neptuns Frau). Dann aber kommt es zu Übergriffen von Täuflingen. Durch lange Seereise entwöhnt und enthemmt macht sich jemand deutlich oberhalb von Tetris Fuß zu schaffen! Der BH der Göttin weht aus samt Inhalt und wir meinen die bekannten Züge von Bootsmann Till zu erkennen…! Den nachfolgenden fällt der Fußkuss nnun um so schwerer!

Ansonsten klart es im Laufe des Tages auf, ab 15.00 Uhr sehen wir voraus die Südwestspitze der Lofoten im Sonnenschein. So bleibt es bis Mitternacht Die Lofoten in Sicht! und wir sehen zum ersten Mal das wunderschöne Schauspiel der Mitternachtssonne. Die schneebeckten Berge der Lofoten, die Felsmassive der Inseln Værøy und Røst werden in immer neues Licht getaucht und viele finden nach der Wache den Weg in die Koje nicht.

Sonntag, 18. Juni
3.00 Uhr morgens: Die Strudel des Moskenesstroms voraus! Die Stunde des Totwassers ist lange vorbei und ein auffrischender Süd peitscht uns erbarmungslos dem zischenden, gurgelnden, aufgewühlten Wasser entgegen … – bei Edgar Allan Poe („Die Fahrt in den Malstrom“) kann man nachlesen, was üblicherweise in solchem Fall passiert.
Wir sind durch rechtzeitiges Bergen der Topsegel so gerade noch davongekommen. Bald schlafen Wind und Strom ein, wir treiben mit 2 Knoten auf Moskenesøy zu und machen um 7.15 Uhr in Å fest.

Nach 14 Tagen Seereise und etwa 1000 Seemeilen sind wir auf den Lofoten angekommen!

Montag, 19. Juni
Ein Regentag in Reine. Wir liegen in Reine Manche Reiseführer behaupten, die schönste Landschaft in ganz Norwegen. Mag sein, wir sehen leider nicht viel davon. Abends fahren wir nach Nusfjord, wunderschönes kleines Fischerdörfchen zwischen senkrechten Felsen. Einige gehen im Regen spazieren, andere verholen sich in die Kneipe und werden um Mitternacht von der ganzen Kneipe mit Musik und Gesang zum Schiff geleitet.

Dienstag, 20. Juni
Roar Justad 3.00 Uhr Fest in Stamsund vor der Jugendherberge von Roar Justad. Für mich ein sehr besonderes Ereignis, denn von Roar habe ich vor 14 Jahren viel gelernt über den Umgang mit Gästen und die Sorge für deren Wohlbefinden. Einige nutzen den fast regenfreien Tag für Radtouren oder einen Ausflug ins Wikingermuseum von Borg. 18.30 los und Roar und seine Gäste begleiten uns vor den Hafen und fotografieren die Petrine mit gerefften Segeln in 2 bis 3 Meter hoher Welle vor der Kulisse der Lofoten. Schwere See Kurs Trollfjord.

Mittwoch, 21. Juni
Einfahrt Trollfjord um 01.30 Uhr 2.00 Uhr Fest an einem kleinen Anleger im berühmten Trollfjord. 800 Meter hohe senkrechte Wände, Schnee auf den Hängen bis zum Wasser runter, Regen in Strömen. 7.00 Uhr Wieder los, es regnet nicht! 8.00 Uhr setzen wir Segel in auffrischendem Südwest. Die Sonne kommt raus und wir machen zügige Fahrt unter vollen Segeln in Richtung Narvik.
Um 15.30 legen wir in Skarstad an. Hier wollen wir Mittsommer feiern. Abends machen wir ein Lagerfeuerchen mit Fisch und Fleisch und Salat und genießen die Mitternachtssonne am Ofotenfjord. Unser Mittsommerfest in Skarstad Sonne den ganzen Tag und die Nacht hindurch! Heute ist ja Mittsommernacht! Lieder um Mitternacht

Donnerstag, 22. Juni
Panorama zum Abschied aus Skarstad Nach spätem Frühstück um 9.30 los in Skarstad. Ab 11.00 kreuzen wir gegen frischen Ostwind in den Ofotenfjord auf Narvik zu. Nur noch 15 Seemeilen…

Da wir außerdem noch kräftigen Strom gegenan haben, schmeißen wir irgendwann den Motor an. Um nicht heute schon in Narvik anzukommen, fahren wir auf Verdacht in den Skjomen-Fjord. Und der entpuppt sich als letzter echter Höhepunkt dieser ersten Nordland-Etappe. Am Ende des Fjordes beinahe senkrechte Wände, ohne jede Vegetation, bis auf 1500 Meter und obendrauf der Frostisen-Gletscher. Das Ende des Skjomen-Fjords Richtig arktische Landschaft. Endlich können wir auch Segel setzen, denn es weht ein leichter Wind fjordauswärts. Kaum haben wir die Segel oben, da überfällt uns ein Fallwind vom Gletscher und wir zischen mit 9 einhalb Knoten durchs Gewässer. Das war ein katabatischer Wind! Katabatische Winde sind die stärksten Winde der Welt. Es sind kalte Fallwinde, die in der Antarktis mit bis zu 300 km/h wehen können und schon vor Anker liegende Schiffe zum Kentern gebracht haben! Wahr oder gelogen?

Freitag, 23. Juni
Um 01.00 Uhr Fest in Narvik. 15.50 Uhr: Die Heimreisenden verlassen uns mit dem Zug in Richtung Stockholm! Ende der ersten Tour – Abschied in Narvik Auf Wiedersehen, es war schön mit Euch. Paßt gut auf Euch auf: Zugreisen ist nicht ungefährlich.
In Narvik regnet es in Strömen. Ohne Unterbrechung.

Samstag, 24. Juni
Vormittags Lebensmittel einkaufen, mittags hört es auf zu regnen und wir erledigen Schiffsarbeiten. Ruderanlage, Wanten spannen, Klüvernetz nacharbeiten, Wäsche waschen und trocknen, Brot backen.
Die Stadt lockt uns nicht. Wer Narvik nicht gesehen hat, hat nix verpaßt.

Sonntag, 25. Juni
Vormittags Schiffsarbeiten bei immer noch trockenem Wetter. Um 12.30 Uhr kommen „die Neuen“ mit dem Zug.

Ums Nordkap (25.06.2000 – 16.07.2000)

Sonntag, 25. Juni
13.00 Uhr Die Neuen treffen vollzählig und in gutem Zustand an Bord der Petrine ein. Mittagessen, Vorstellungsrunde, Sicherheitseinteilung, Wacheinteilung.
18.00 Uhr Los in Narvik, Ziel: die Lofoten. 21.00 Uhr Maschine aus, leichter Ostwind, wir segeln im nächtlichen Mitternachtssonnenschein in den Vestfjord hinaus zu den Lofoten. Welch schöner Einstand für den Nordkap-Törn!

Montag, 26. Juni
10.30 Uhr Fest in Hennigsvær bei strahlender Sonne. So bleibt es während des ganzen Tages und wir schauen uns ein schönes, kleines Fischerdörfchen an. Stockfisch
16.00 Uhr Los. In der Flaute fangen unsere Angler reichlich Köhler und Dorsch. Das Abendessen ist gesichert, als wir um 21.00 Uhr in Svolvær festmachen.

Dienstag, 27. Juni
Ein regnerischer Tag in Svolvær, der größten Stadt auf den Lofoten. Am späten Nachmittag fahren wir unter Maschine zum Trollfjord. Mehr als genug Fische und Brennholz haben wir an Bord. Bis weit nach Mitternacht essen und singen wir am Lagerfeuer, begrüßen das Hurtigroutenschiff, freuen uns, dass es nicht regnet. Grillen im Trollfjord Um Mitternacht bescheint die Sonne die höchsten Berggipfel an der Südseite des Fjords. Dort liegt immernoch reichlich Schnee.

Mittwoch, 28. Juni
Mittags haben wir die Lofoten achteraus, die Vesterålen vorraus und keinen Wind in den Segeln. Gelangweilt werfen wir die Angeln außenbords und – holen kapitale Dorsche und Seelachse aus dem Wasser, bis 5 Kilo schwer, bis 80 cm lang, einen nach dem nächsten. Bald wird die Beschränkung der Angelei gefordert. Wer soll die ganzen Fische zubereiten, wer soll sie essen ? Braten, Dünsten, Einlegen oder Backfisch ? Um Streit zu vermeiden, hören wir schon bald wieder auf zu angeln und essen erstmal zu Mittag: Den übriggebliebenen Backfisch vom Lagerfeuer. Nach dem Essen wird stundenlang gesäubert und filetiert. Heute und Morgen ist Angelverbot!
17.00 Uhr Wind kommt auf. Wir segeln durch den Sortland Sund nach Norden.
Abends machen wir in Risøyhamn fast zum Wasserbunkern und segeln dann auf den Andfjord hinaus um Wale zu suchen. Die ganze Nacht stehen wir in der Flaute herum – und sehen keine Wale. Dafür kommen wieder reichlich Fische an Bord und ein Seehund wird gesichtet.

Donnerstag, 29. Juni
Morgens können wir ein paar Stündchen segeln, dann wieder Flaute. Wir machen an einem kleinen Anleger auf der großen Insel Senja fest. Angeln, spazierengehen, Kaffee trinken auf der Pier. Abends beschließen wir, nach Tromsø zu fahren.

Freitag, 30. Juni
12.00 Petrine fest in Tromsø, das Tor zur Arktis. Das Tor zur Arktis überrascht uns mit Sonnenschein und 15 Grad plus!
Wir buchen einen Flug über Spitzbergen, sehen, wie das Polarforschungsschiff Fram nicht in einer Eispressung zerquetscht wird, erzeugen mit einer einfachen Handkurbel einen Wasserwirbel, der bis auf den Grund des Meeres hinabreicht und wohl nachholen könnte, was dem Moskenesstrom nicht gelang: Die Petrine für immer und ewig und ohne dass je eine Menschenseele davon erführe …
Dies alles erleben wir im Polaria-Erlebniszentrum in wohlgeheizten Räumen. Abends und nachts erleben wir dann verschiedene Norweger in verschiedenen, erstaunlichen Zuständen der Trunkenheit. Freitagabend in Tromsø. Mitternachtssonne.

Samstag, 1. Juli
Wir verlassen das sommersonnendurchflutete Tromsø, nachdem wir zwei Besatzungsmitglieder an Barbara und Christiane verloren haben, die nun mit ihrer Yacht zunächst hinter uns her und später am Abend weit vor uns her kreuzen. Wir treffen uns wieder!

Sonntag, 2. Juli
Um 1.00 Uhr machen beide Schiffe in strahlendem Mitternachtssonnenschein am Fuße der schneebedeckten Lyngsalpen fest. Ein kleiner, piepsender Austernfischer hüpft aufgeregt auf der Pier umher, als ob er hier der Hafenmeister wäre und das Anlegen verbieten wollte. Beim Festmachen entdecken wir sein Nest mit zwei Eiern auf einem Poller. Wir nehmen Rücksicht und suchen uns einen anderen Liegeplatz.
Mittags legen wir ab und tuckern ein wenig gegen den Nordostwind, bevor wir an der Nordspitze der Lyngen-Halbinsel anfangen zu kreuzen. Damit komme ich zu unserem derzeitigen Problem: Die letzten Tage war Nordostwind, heute ist Nordostwind, morgen soll Nordostwind sein, der mittelfristige Wetterbericht verspricht Nordostwind und das Handbuch sagt, wenn einmal Nordostwind ist, bleibt es manchmal wochenlang so. Und wir können das garnicht gebrauchen!
Spät abends werfen wir die Maschine an und tuckern zum Øksfjordgletscher, der direkt ins Meer kalbt. Wieder strahlende Mitternachtssonne. Das ist das Gute am Nordostwind.

Montag, 3. Juli
2.30 Uhr Vor Anker beim Øksfjordgletscher. Angeln, Beiboot zu Wasser. Die Landerkundung in dieser arktischen Umgebung ist unbeschreiblich schön. Einige vergessen die Welt um sich herum. Vor allem vergessen sie Ebbe und Flut und so treibt mittags das Beiboot ohne Besatzung an der Petrine vorbei. Eilig holen wir 100 Meter Ankerkette ein (die Fjorde sind tief), bergen das Beiboot, bergen die Landausflügler und machen Fotos von Petrine vor dem Gletscherabbruch. Leider im Regen, der ganz plötzlich auf uns niederprasselt aus zuvor so heiterem Himmel.
17.00 Uhr Ziellos tuckern wir nach Nordosten, suchen den günstigen Wind wie der Wüstenwanderer das Wasser.
21.00 Uhr Fest auf Loppa. Wir müssen nochmal den Fähranleger verlassen und ein halbes Stündchen vor dem Hafen ankern. In dieser Zeit fangen wir genug Dorsche für 2 Mahlzeiten und dürfen dann ab 21.30 Uhr ungestört von der Fähre auf Loppa liegenbleiben. Ein Inselbewohner bringt uns zur Begrüßung einen Räucherlachs und erzählt Geschichten bis spät in die Nacht.

Dienstag, 4. Juli
Einige erkunden die Insel zu Fuß , andere die Fischgründe mit dem Beiboot.
12.00 Uhr. Wind! Wir segeln sofort los, erstmals seit Tagen vor dem Wind. Leider hat uns nach ein paar Stunden die Flaute wieder und wir gehen um 19.30 Uhr in einem wunderschönen Fjord bei der Insel Seiland vor Anker. Die Sauna wird geheizt! Jetzt kümmern uns 8 Grad Wassertemperatur, 10 Grad Lufttemperatur und der Nieselregen kaum noch. Schlimmer ist da schon, dass der schöne Ausblick auf 1000 Meter hohe Berge und Gletscher und Flußläufe und Schneefelder sich eintrübt.

Mittwoch, 5. Juli
Westwind! Wir gehen sofort Anker auf, planen die Nordkapumrundung für die kommende Nacht – nur noch 70 Seemeilen. Auf der Höhe von Hammerfest verlässt uns der Wind wieder und wir machen erstmal um 14.00 Uhr fest in Hammerfest. Einkaufen, Gas, Wasser, Lebensmittel besorgen. Um 18.00 Uhr gehts weiter. Wie im Fluge segeln wir vor dem Wind mit bis zu 9 Knoten bis Havøysund.

Donnerstag, 6. Juli
Ab Mitternacht kreuzen wir westlich der Nordkapinsel Magerøy nach Norden auf. Wir wollen unsere Nordkap-Umsegelung nicht durch Benutzung der Maschine entweihen. Belohnt werden wir um 5 Uhr morgens. Bei der Insel Storstappen können wir endlich auf Kurs gehen. Hier tobt das Leben: Papageientaucher, Baßtölpel, Lummen, alle Arten Möwen, alles fliegt um uns herum und stürzt sich in die Wellen. Sie stören sich kein bischen an unserer Anwesenheit, scheinen im Freßrausch zu sein, tauchen direkt neben dem Schiff.
Das Echolot zeigt Unmengen von Fisch an. Na, wir haben heute keine Zeit zum Angeln. Um 7.50 Uhr passieren wir Knivskellodden, den nördlichsten Punkt Europas.
Wir fallen ab, Kurs Nordkap. Es liegt weder im Nebel, noch in den Wolken! Ein 300 Meter hoher senkrechter Felsen, sehr beeindruckend. Wir lassen das Nebelhorn 3 mal tuten, als wir um 8.15 Uhr unter Groß, Besan, Fock, Klüver und Flieger, bei Nordwind Stärke 3 bis 4 und chaotischer Welle mit 4 Knoten vorbeisegeln. Anschließend gibt es frischgebackene Nordkapbrötchen für alle, die bei diesem Seegang was essen mögen.
Nachmittags um 14.00 Uhr passieren wir das Nordkinn, die nördlichste Stelle Festlandeuropas und machen um 18.10 Uhr in Gamvik fest, dem nördlichsten Festlandshafen der Welt. Ankunft in Gamvik Liegeplatz in Gamvik Im Fischereihafen von Gamvik

71 Grad Nord. Wir sind erschöpft und glücklich. Erholung unter Deck und an Land

Freitag, 7. Juli
Der Wetterdienst sagt, der heutige Nordwestwind bleibt nicht lange, danach weht es wieder tagelang aus Osten. Wir können nicht so lange in diesem kleinen, freundlichen Städtchen bleiben, wie wir wollen. Aber zunächst machen wir noch ein bischen „open ship“ für die freundlichen, hilfsbereiten Menschen hier, dann schauen wir uns den Leuchtturm an, den nördlichsten der Welt, natürlich, und mit 50 Meter beeindruckend hoch. Um 14.00 Uhr solls weitergehen… Wir verlassen Gamvik
Es gibt eine tolle, stürmische Überfahrt mit bis zu 9 Knoten, Mitternachtssonne und die ganze Zeit in Sichtweite der Varanger-Halbinsel. Ein bischen schade, hier so schnell vorbeizusegeln, aber das Wetter entscheidet. So freuen wir uns an den kahlen Felsen, brandungsumtost und schneebedeckt. Und wir freuen uns an der warmen Sonne während der „Nacht“stunden.

Samstag, 8. Juli
Alle Angelversuche vor dem Hafen bleiben erfolglos. Also machen wir um 3.00 Uhr Fest in Vardø, dem norwegischen Ostkap (so weit östlich wie Istanbul). Am nächsten Tag erfahren wir, dass dieses Jahr in Vardø das bislang schlechteste Dorschjahr ist. Östlich vom Nordkap kein Dorsch! Wir trösten uns mit Steinbeißer und Hummer. Heute scheint den ganzen Tag die Sonne! Unglaubliche 15 Grad!
Ausruhen, Essen, Wäschewaschen. Abends wandern einige über das arktische Fjell, andere wandern in die örtlichen Kneipen.

Sonntag, 9. Juli
Regen, 4 Grad plus, strammer Ostwind. Um 16.00 Uhr verholen wir uns von Vardø nach Svartnes auf der Festlandseite und heizen die Sauna. Anschließend Kartenspielen, Lesen, Musik.

Montag, 10. Juli
Dichter Nebel. Trotzdem gehts um 9.00 Uhr los. Vor dem Hafen kein Wind, dafür 2 Meter Welle. Üble Sache. 11.00 Uhr Fest in Kiberg im Varangerfjord. Jetzt scheint die Sonne, es ist wunderbar warm. Alle haben hitzefrei und laufen durch die Stadt und in die Landschaft hinaus.
15.30 Uhr Los in Kiberg. Nach der Sonne nun der Nebel. Trotzdem weht ein flotter Wind, später klart es auf, wir passieren einen Vogelfelsen. Immer wieder sind wir erstaunt, wieviele Vögel an einer Felswand nisten können. Von weitem ist es nicht so spektakulär, aber mit dem Fernglas sieht es dann aus wie ein voll besetztes Fußballstadion. Und ein Krach!
Mitternacht Fest in Vadsö.

Dienstag, 11. Juli
Nach diversen Erledigungen und einer kleinen improvisierten Pressekonferenz auf der Pier legen wir um 15.30 Uhr ab. Gemütlich segeln wir südwärts über den Varangerfjord und gehen um 20.00 Uhr an einem traumhaften Platz zwischen hohen Felsen vor Anker. Petrine allein
Einige wandern aufs Fjell, ein paar schwimmen eine Runde, alle freuen sich an der Gitarrenmusik und an der Mitternachtssonne. Plötzlich tauchen ein paar Trolle auf … Trolle

Mittwoch, 12. Juli
Wenn wir auch eigentlich nicht hier wegwollen, so zwingt uns am Nachmittag ein böiger Wind dazu. Wir finden 2 Stunden später wieder ein schönes Plätzchen. Diesmal mit Vogelfelsen und Rentieren, die uns neugierig beäugen. Wandern (Luft 20 Grad, unglaublich), schwimmen (Wasser 14 Grad), Essen und Trinken, es ist fast wie im Urlaub!

Donnerstag, 13. Juli
14.30 Uhr Anker auf, Kurs Kirkenes.
18.00 Uhr Fest in Kirkenes zum Wasserbunkern und Proviantieren für die heutige Abschlußparty mit Grill und Lagerfeuer. Es begrüßen uns viele Schaulustige, die Lokalpresse (das sind wir jetzt schon gewohnt), und vor allem Mikhail Tigushkin, unser Dolmetscher, Reisebegleiter und Freund aus Karelien. Er ist mit einer französischen Jacht von St. Petersburg durch den Weißmeerkanal hierhergekommen. Ihr größtes Problem war die Flaute in der Barentsee. Im Kanal hat alles bestens geklappt. So soll es bei uns auch klappen!
Aber erstmal legen wir wieder ab und suchen uns einen schönes einsames Plätzchen zwischen den Felsen. Letzter Abend für 7 Heimreisende…

Freitag, 14. Juli
4.30 Uhr Die Letzten sind gerade mal ein Stündchen in der Koje, da vertreibt uns ein auflandiger Wind von unserem Lagerfeuerplatz in den Schären. Schnell den Heckanker hochkurbeln, zurück gehts nach Kirkenes.
5.30 Uhr Fest in Kirkenes. Die Sonne scheint, alle sind gut gelaunt, keine Mücken hier. (gestern Abend hatten wir so unglaublich viele Mücken am Feuer… heute werden sich alle Schutzkleidung besorgen, freut Euch auf die Fotos). Um 6.00 Uhr ist das Frühstück fertig, anschließend wirds Schiff geschrubbt, mittags verlassen uns die 7 Heimreisenden mit 2 Mietwagen Richtung Finnland. Sie sehen gut erholt aus, vor allem wegen der letzten Tage, die doch wohltuend ruhig waren.
Die Weiterreisenden geniessen die pralle Sonne, 24 Grad im Schatten wird morgen auf der Titelseite der Zeitung stehen.
Abends Sauna mit Abkühlbecken vor Mitternachtssonne. Bis 2 Uhr morgens. Arme Heimgereiste…

Samstag, 15. Juli
Der heutige Tag versucht, die Hitzerekorde des gestrigen zu brechen. Wir erledigen so dies und jenes, die Waschmaschine läuft pausenlos, wir warten auf die Neuen.
Mikhail ist bereits an Bord und wenn ich ihn so reden höre, weiß ich garnicht, wo die Schwierigkeiten einer solchen Kanalpassage durch Rußland liegen sollen. Er ist gerade mit einer Gruppe norwegischer Jachten von St. Petersburg hierhergesegelt. Keine Probleme im Kanal. Allerdings müssen wir am Montag Murmansk anlaufen, um dort einzuklarieren. Das bedeutet 100 Seemeilen extra, die ich gern vermieden hätte. Sei´s drum, so lernen wir eben Murmansk kennen, nördlichste Großstadt der Welt.

Das Abenteuer (16. Juli – 13. August 2000)

Sonntag, 16. Juli
Um 15:00 Uhr sind alle Mitsegler an Bord. Alle sind munter und zuversichtlich und gespannt, was uns die Reise bringt…
15:35 Uhr Leinen Los in Kirkenes. Der Himmel ist bedeckt, es weht eine ganz leichte Brise aus Nord, wir motoren nordwärts aus den Fjorden heraus. Norwegen war ein wunderschöner Traum. Fast 2000 Seemeilen sind wir durch Schären, Fjorde, Sunde und um berühmte Kaps gesegelt.
Jetzt gehts ins Unbekannte… 130 Seemeilen bis Murmansk.

22:30 Uhr Petrine überquert die norwegisch-russische Seegrenze in der Barentsee.

Montag, 17. Juli
2:00 Uhr Nördlich der Rybacji-Halbinsel können wir Segel setzen. Ständig suchen wir die unbekannte Küste mit den Ferngläsern ab. Viel Treibholz am Strand, also leben wenige Menschen hier. Auf dem Kap Nemetski (d.h. „Deutsches Kap“) ein riesiger Antennenwald. Gegen 6:00 Uhr verläßt uns der Wind und wir fahren wieder unter Maschine, Kurs auf die Mündung des Kola-Fjords. Der liegt im Nebel und so sehen wir ihn zunächst nur auf dem Radar. Um 14:00 Uhr klart es auf, dazu Wind, also segeln wir im Fjord unter vollen Segeln auf Murmansk zu. Die Städte Severomorsk und Murmansk sind riesige Häusermeere, besser: Häusergebirge. Beeindruckend die russische Eisbrecherflotte, die hier an der Pier liegt. 10 geschossige Brückenaufbauten, supergut gepflegt, atomgetrieben bringen sie 75000 PS ins Wasser. Hoffentlich werden sie eines Tages anders entsorgt als die vielen Wracks, die hier das Fahrwasser säumen. Schiffsfriedhof im Kola-Fjord, einer von vielen
20:20 Uhr Ortszeit. Petrine Fest in Murmansk. Zoll, Gesundheitsbehörde und Immigration sind mit unseren Papieren und Auskünften zufrieden. Trotz fehlendem Entrattungszertifikat genehmigen sie unsere Einreise und unsere Route durch den Onego-Weißmeerkanal.

Dienstag, 18. Juli
Wir sammeln Eindrücke im Häusergebirge Murmansk, die Murmansker sammeln Eindrücke vom Schiff und von uns. Passantan, Presse und Fernsehen stellen viele Fragen. Dank unseres Agenten Vladislaw finden wir uns im Hafen, in der Stadt, auf dem Markt, in den Geschäften bestens zurecht. Um 19:30 Uhr legen wir ab. Nach einem langen Ton aus dem Nebelhorn und viel Winken tuckern wir aus dem sonnigen, windstillen Kolafjord hinaus.

Mittwoch, 19. Juli
Im Glanz der Mitternachtssonne zeigt sich die nördliche Felsenküste der Kola-Halbinsel von ihrer schönsten Seite. Um mal zu testen, was wir so dürfen, fahren wir durch den engen Sund zwischen der Insel Kildin und dem Festland. Auf der Insel brennt ein Lagerfeuer am Strand, ein Fischerboot legt an. Wir müssen weiter, denn Anlegen ist uns nicht gestattet. Jagende Seehunde erfreuen uns, dazu Vogelfelsen, Schneefelder und die abwechslungsreiche Felsenküste mit vielen Fjorden, Buchten und Kaps.
Nachmittags kommt Wind auf, leider von vorne und mit 5 bis 6 Windstärken. Um überhaupt Fahrt zu machen, müssen wir Vollgas fahren. Zeitweise laufen wir gegen den Gezeitenstrom trotzdem nur mit 2 Knoten. Es tröstet die Mitternachtssonne (zum letzten Mal) und es trösten die vielen Luftspielgelungen, typisch für arktische Gewässer. Wir sehen ein Schiff, dass auf dem Kopf fährt, eine haushohe Flutwelle, die den Horizont ausbeult, eine Baustelle an Land, die plötzlich wieder weg ist, wir sehen Land, wo keines sein kann, vielleicht das gespiegelte Novaja-Semlja?

Donnerstag, 20. Juli
Das gestrige Gebolze gegen den Wind hat den Tank vorzeitig geleert. Kein Problem, wir übernehmen ein paar hundert Liter von einem entgegenkommenden Schiff. Überaus freundliche Leute. Nach gegenseitiger Schiffsbesichtigung tuckern wir weiter die Küste entlang, was wegen der vielen Luftspiegelungen garnicht so einfach ist. Alle 10 bis 20 Meilen gibt es Buchten oder Fjorde, in denen wir bei schlechtem Wetter Schutz suchen könnten und vor allem auch dürften. Bloß es ist ja kein schlechtes Wetter. Sonnenschein und Windstille. Also muß der Gezeitenstrom als Ausrede herhalten. Mikhail fragt über Funk, ob wir den widrigen Strom in einem Fjord abankern dürfen. Sofort erhalten wir die Genehmigung und eine Einladung, Fischersiedlung, Leuchtturm und Militärstandort zu besichtigen. Sie fragen, ob sie schon mal die Sauna vorheizen sollen. Wir können unser Glück kaum fassen! In dieser Nacht wird niemand von uns schlafen. Wir werden unglaubliche Dinge sehen und erleben. Wir essen Fischsuppe mit den Fischern, hören ihre Lieder, singen selber ein paar Lieder zur Laute, während ganz im Norden, welch Anblick, die Sonne hinter dem Horizont versinkt.
Die Häuser sind auf eine atemberaubende Blumenwiese am Hang gebaut, die Sauna ist geheizt. Der Kommandant will uns sprechen. Zum Glück ist es ein weiter Fußweg, durch die Dämmerung, durch Sümpfe, über wundervolle Moose und Flechten, durch subarktische Tundralandschaft, vorbei an Felsen und Seen, in Begleitung von Dimitrij, Sascha, Mikhail, Maxim. Der Kommandant erzählt vom zweijährigen Leben der Wehrpflichtigen in dieser Einsamkeit, ohne Urlaub, ohne Familie, ohne eine Straße oder eine andere Verbindung zur Außenwelt. Die Sauna ist bereits auf 90 Grad vorgeheizt, aber lange können wir sowieso nicht drin bleiben, denn die Jungs wollen erzählen, erzählen, erzählen. Das klappt ganz gut, obwohl niemand von uns russisch spricht. Dann noch einmal der schöne Fußweg, zurück zu den Fischern und zum Schiff.

Freitag, 21. Juli
Um 5:00 Uhr sind alle wieder an Bord, wir gehen Anker auf. Viel Gewinke und Gerufe durch die Bucht. Als wir eine Stunde später bei den Soldaten vorbeikommen, wollen wir das Nebelhorn tuten lassen, da entdecken wir zwischen uns und der Küste, nicht weit entfernt, weiße Wale. Wir könnens nicht fassen! Die Schlafenden werden aus den Kojen geholt, alle versammeln sich an Deck und schauen den Belugas zu, die in den Gezeitenwirbeln vor dem Kap Fische jagen. Was für ein Tag! Was wird er uns noch bringen? Wind aus Nordost! Um 15:00 Uhr schweigt endlich der Diesel und wir laufen unter vollen Segeln bis zu 8 Knoten. Um 17:00 Uhr queren wir den Polarkreis in „verkehrter Richtung“. Zwiespältiges Gefühl… Wir haben den inneren Teil des Weißen Meeres erreicht. Die Abschnitte „Hoher Norden“ und „Hohe See“ liegen hinter uns. Beides super gelaufen.

Samstag, 22. Juli
10:00 Uhr: Weißes Meer, 66 Grad nördliche Breite, 40 Grad östliche Länge, Wind Nordost 3, alle Segel gesetzt, Wache sitzt im T-Shirt achtern, singt und spielt Gitarre. Freiwache pennt in der prallen Sonne. Unsere größten Sorgen: Genug mit Sonnenschutz eingecremt? Was essen wir heute? Lachssuppe oder Lachskotelett? Wir segeln 24 Stunden bei konstantem Wind mit 6 bis 7 Knoten.

Sonntag, 23. Juli
Während der kurzen Dämmerung entzücken uns phänomenale Lichterscheinungen. Wetterleuchten, dann Blitze über den ganzen Himmel, ständig wechselnde Beleuchtung, schließlich ein flammender Sonnenaufgang: Das Weiße Meer zeigt sich von der schönsten Seite. Segeln im Weißen Meer, was kann schöner sein
8:20 Uhr Fest auf der Solowetzki-Insel. Ein Tag mit geschätzten 25 Grad im Schatten, vielen netten Menschen, die unser Schiff besichtigen wollen, einem 500 Jahre alten Kloster mit Zwiebeltürmchen, von Stalin 10 Jahre lang als Arbeitslager mißbraucht. Abends schwitzen wir in einer phantastischen Saunaanlage an einem idyllischen See.

Montag, 24. Juli
Sonnen, schwimmen, besichtigen auf der Solowetzki-Insel. PETRINE hat vor das Kloster Solovetsk verholt 17:00 Uhr Ablegen. Wir können mit achterlichem Wind Kurs auf Belomorsk nehmen, der Einfahrt zum Onego-Weißmeer-Kanal.

Dienstag, 25. Juli
0:45 Uhr Vor Anker an der Ansteuerung von Belomorsk. Über Nacht frischt es dann derartig auf, dass man uns keinen Lotsen schicken kann. Wir gehen Anker auf in 1,5 Meter hoher Welle und fahren um 9:30 Uhr – als erstes Schiff überhaupt unter deutscher Flagge! – in die erste Kanalschleuse ein. Die erste von 19 Schleusen des Bjelomor-Kanals liegt vor uns Die 1. Schleuse ist geschafft, der Bjelomor-Kanal liegt vor uns Der Kanalchef in Belomorsk ist ganz begeistert davon, dass so ein altes Segelschiff durch den Kanal fahren wird. 91 Jahre alt, das kann er kaum glauben. Hier ist noch nie ein so altes Schiff durchgefahren. Weiterfahren können wir heute nicht: Mittlerweile weht es in Sturmstärke und die Eisenbahnbrücke kann bei so viel Wind nicht öffnen. Alle Zweifel, ob wir denn nun tatsächlich den Kanal befahren dürfen, verfliegen angesichts der überaus freundlichen Behandlung durch den Kanalchef hier in Belomorsk. Wir dürfen weiterfahren, sobald der Wind nachläßt!

Mittwoch, 26. Juli
Auch heute keine Brückenöffnung. Wir kaufen ein, wir machen einen Busausflug zu den berühmten Felsmalereien am Wygfluss, 6000 Jahre alt. Wir besuchen ein Museum über die Seefahrerkultur der Pomoren, die Handel getrieben haben bis Alaska. Im Museum auch eine Ausstellung über den Kanal. Von 1931 bis 33 ist er in nur 20 Monaten Bauzeit entstanden. Von Zwangsarbeitern gebaut, die nur Nahrung bekamen, wenn sie ihr Tagessoll erfüllten. Die unvorstellbare Zahl von 100000 Toten während des Kanalbaus wird vom Kanalchef bestätigt. Er zeigt auf eine Stelle hinter dem Kanalbüro, wo Tausende in einem Massengrab verscharrt wurden. Bei den Erweiterungsbauten an den Schleusen mußte man sich durch Leichenberge graben. So erzählt der Kanalchef; im Museum erinnert nichts an die Toten, dafür umso mehr Bilder von sozialistischen Helden des Kanalbaus, Bilder von Stalin an Bord an Bord des Schiffes „Karl Marx“, das als erstes den Kanal befuhr.

Donnerstag, 27. Juli
Immernoch Sturm, immernoch keine Brückenöffnung möglich. Wir fahren mit dem Bus nach Sumski-Pasad, einem alten Pomorendorf. Es war das sogenannte „Kapitänsdorf“. Hier war die Seefahrtsschule der Pomoren, hier standen auch mehrere alte Kirchen. Alles wurde in den 30er Jahren von den Kommunisten abgerissen und stattdessen ein Gefangenenlager eingerichtet. Eine pensionierte Lehrerin führt uns durch das Dorf und durch ihr Haus. Die Schule ist leider heute geschlossen, die Schüler sind zum Beerenpflücken im Wald. Die Lehrerin erzählt so lebhaft, dass Mikhail kaum übersetzen muß. Die Lehrerin von Sumpasad
Auf einer Insel im Fluß, unter einem Holzdach, zu erreichen über eine verfallene Brücke, sehen wir ein 300 Jahre altes Fischerboot, von Peter dem Großen persönlich dem Dorf geschenkt. Deswegen sind wir hergekommen, aber das eigentliche Ereignis ist die Lehrerin, 70 Jahre alt und voller Energie und Pläne.

Freitag, 28. Juli
Der Wind läßt nach, der Lotse kommt an Bord! Um 16:00 Uhr können wir endlich die Eisenbahnbrücke passieren. Danach werden wir von mehreren Doppelschleusen sehr zügig hochgeschleust. Schleusen im Sonnenglanz Zwischen den Schleusen fahren wir auf dem aufgestauten Wyg-Fluß durch eine schöne, waldreiche Flußlandschaft. Im Sonnenschein glänzen die Dörfer und die Schleusenhäuschen und da keine anderen Schiffe auf dem Kanal fahren, kommen wir flott voran.

Samstag, 29. Juli
Um 2:00 Uhr laufen wir im Nebel auf Grund. 3 Stunden mühen wir uns mit Beiboot, 2 Ankern, vielen Leinen und Maschine, aber wir sitzen sehr gründlich fest. Nebenbei freuen wir uns an der Morgendämmerung, die immer heller durch den Nebel scheint. Um 6:00 Uhr schleppt uns ein vorbeifahrendes Schiff frei. Um 9:30 Uhr erreichen wir den Wyg-See, vor uns 35 Seemeilen inselreiches Gewässer, dazu eine leichte achterliche Brise, wir können alle Segel setzen. Um 20:00 Uhr gehen wir bei einer kleinen Insel zu Anker. Feuerchen am Strand, schwimmen im warmen See, Pilze und Blaubeeren werden gesammelt. Auch nachts (mittlerweile dunkel) könne wir im T-Shirt an Deck sitzen und rätselhafterweise gibt es kaum Mücken…

Sonntag, 30. Juli
Der Tag beginnt mit lustigen Liedern, einem über die Toppen geflaggten Schiff und viel Kuchen, denn der Käptn hat heute Geburtstag! Um 14:00 Uhr erreichen wir den Vod-See, 103 Meter überm Meeresspiegel und damit der „Höhepunkt“ unserer Reise und der 91jährigen Petrinegeschichte.
Abends machen wir ein Feuerchen, grillen, erzählen und singen bis morgens um 3:00 Uhr.

Montag, 31. Juli
Schon um 6:00 Uhr gehen wir Anker auf, steigen über 7 Doppelschleusen zum Onegosee hinab, wo wir um 11.30 Uhr in Povenets festmachen, um den Lotsen zu wechseln. Weiter gehts in prallem Sonnenschein nach Süden. Segelversuche enden zweimal in der Flaute mit allgemeinem Badevergnügen. Um Mitternacht ankern wir vor der Ansteuerung zur Kizhi-Insel. Insel im Wyg-See

Dienstag, 1. August
9:30 Uhr machen wir nach 2stündiger Fahrt durch die Schären auf der Insel Kizhi fest. Kishi von „vorn“: Touristen-Blick Ein Tag an Land, wieder mit Sonne, 25 bis 30 Grad und einer interessanten Führung durch Freilichtmuseum Kishi hat mehr zu bieten als nur Kirchen: Bauernhof mit jahrhundertealtem Familien-Stammbaum und 300 Jahre alte Holzkirche mit 22 Zwiebeltürmchen auf dem Dach. Hier haben wir erstmals nicht mehr das Gefühl, die einzigen Touristen in Karelien zu sein, denn es legen viele Flußdampfer hier an, die von Moskau oder St.Petersburg hierherfahren. Um 18:00 Uhr gehts weiter. Als wir die Schären achteraus haben segeln wir mit Kurs Südwest und vollen Segeln auf Petrozavodsk zu. Hauptstadt von Karelien und Wohnsitz der Hälfte aller Einwohner Kareliens.

Mittwoch, 2. August
2:00 Uhr Fest in Petrozavodsk.
8:00 Frühstück in strahlendem Sonnenschein. Anschließend Fernsehinterviews mit dem Kapitän den ersten deutschen Schiffes im Onego-Weissmeerkanal. Die Ministerpräsidenten von Russland und Karelien haben sich gestritten über die Öffnung des Kanals für ausländische Schiffe und Jachten. Darum soll das Interview in den landesweiten Nachrichten ausgestrahlt werden. Ich erzähle, wie schöen Karelien ist, wie freundlich alle Menschen zu uns sind, besonders auch die Küstenwache und die Armee.
Bestimmt werden viele Jachten den Kanal befahren wollen und ich verspreche, in Deutschland darüber zu berichten und dafür zu werben, dass viele deutsche Touristen und Schiffe nach Karelien kommen. Die anwesenden Vertreter der karelischen Regierung strahlen.
Derweil besichtigt die Crew Petrozavodsk, im Gegensatz zu Murmansk eine schöne, gewachsene Stadt mit vielen alten Häusern. Abends sind wir zu karelischer Folkmusik ins Theater eingeladen. Das fetzt! Abends hat Mikhail, unser nimmermüder Dolmetscher und Allesorganisator die „beste Folkgruppe der Stadt“ aufs Schiff eingeladen. Fetzige Musik auf traditionellen Instrumenten, mit Gitarre und Kontrabass und, was besonders erstaunt und begeistert: einer ordinären Säge werden sphärische Klänge entlockt, die jedes Gespenst vor Wonne schaudern liessen! Dazu singen sie immer wieder russische und irische Volkslieder, auch die anderen anwesenden Russen bringen Ständchen. Angesichts der überwältigenden musikalischen Qualität, sind wir heute zu verschüchtert, unsere üblichen Shanties zu schmettern … Unser einzig würdiger Musik-Vertreter

Donnerstag, 3. August
3:00 Uhr Relative Ruhe im Schiff.
7:00 Uhr Frühstück und Aufbruch zum Kivatsch-Wasserfall. Schlafen im Bus. Währenddessen verholen die auf dem Schiff gebliebenen die Petrine zum Petrozavodsker Maritime-Center. Hier ist die Heimat von Polar Odyssee. Dieser Verein baut traditionelle Schiffe der Pomoren nach und ist damit bereits nach Spitzbergen, durch die Nordostpassage nach Alaska und auf die Kanaren gesegelt. Das Urgestein des Museumshafens Petrosawodsk: Kotch „POMOR“ Wohlgemerkt: Offene Boote ohne Maschine, mit Segeln aus Leinen. Das sind meine persönlichen Polarhelden, wir sind alle Warmduscher… Aber vielleicht bessern wir uns noch?
Nachmittags kommen die Wasserfall-Ausflügler aus dem karelischen Wald zurück und erholen sich größtenteils weiter in die Stadt.

Freitag, 4. August
Letzte Erledigungen in Petrozavodsk, heute Abend wollen wir ablegen. Doch da sind unsere karelischen Freunde anderer Meinung und wissen auch, wie sie uns packen können: Die Musiker werden wieder eingeladen und auf einem benachbarten Musikdampfer wird eine mittelschwere Party improvisiert, über die ich hier besser nichts berichte…

Samstag, 5. August
Um 6:30 Uhr kommen die letzten an Bord: Zum Teil aufrecht, zum Teil auf allen vieren, einer ist sogar ein erhebliches Stück geflogen…
10:00 Uhr Noch ein wenig schief geladen verabschieden wir uns vom Maritime Center. Das Flaggschiff „St. Nicolai“ Die „SWJ. NIKOLAI“ begleitet uns zum Abschied segelt mit raus und schießt Salut aus einer echten Kanone. Ein wunderschöner Segeltag auf dem Onegosee, immer die Westküste entlang nach Süden. Wer es schon wieder verträgt, schaut sich im Fernglas die Dörfchen an.

Sonntag, 6. August
2:00 Uhr Vor Anker auf der Reede von Voznesene, wo der Fluss Swir aus dem Onegosee hinausfliesst.
7:00 Uhr Lotse Igor kommt an Bord. Bei strahlendem Sonnenschein motoren wir auf dem Fluss in Richtung Ladogasee, 120 Seemeilen bis dort. Die waldgesäumten Flussufer, der Sonnenschein und die schönen Dörfer am Ufer erfreuen unser Auge. Dorf am Swir Dazu das gute Essen…
Es stört uns nicht, als wir um 14:00 von einer nicht öffnenden Brücke aufgehalten werden. Wir suchen Pilze im Wald, schwimmen im Fluss, heizen die Sauna. Wer sich wundert, daß wir in einem ja angeblich so schmutzigen russischen Fluss schwimmen, dem sei gesagt: Im Kanal, auf dem Onegosee und auch im Swir haben wir sogar den Trinkwassertank direkt aus dem Gewässer befüllt. Das Wasser ist supersauber und ohne weiteres trinkbar.

Montag, 7. August
Die Brücke in Podporoze öffnet wie versprochen um 10:30 Uhr und weiter geht’s den Swir hinab. Segeln dürfen wir hier nicht (könnten wir bei widrigem Wind auch gar nicht), Lotse Igor vertröstet uns auf den Ladogasee. Sein Vater war übrigens Deutscher, was dazu führte, dass seine Familie bereits kurz nach seiner Geburt 1941 aus der Wolgarepublik nach Kasachstan in Internierungslager deportiert wurde. Nach 8 Jahren dort ist er bei Verwandten im Kaukasus aufgewachsen. Als Kapitän hat er viele deutsche Häfen kennengelernt, nun ist er Lotse auf Binnenwasserstrassen. Die Petrine muss eine ziemliche Zumutung für ihn sein: Keine eigene Kammer, bei jedem Wind draussen stehen, dauernd andere Leute am Ruder…
Abends gehen wir an der Mündung des Swir in den Ladogasee vor Anker. Landerkundung des Dorfes Sviritsa ergibt: Reicher Leute Datschengegend, wahrscheinlich aus St. Petersburg. Benze vor der Tür oder auch ein Wasserflugzeug oder auch beides.
Wunderschöner Sonnenuntergang über dem Schilfufer, fast ohne Mücken.

Dienstag, 8. August
Ein Tag auf dem sonnigen Ladogasee, frischer Westwind, gegen den wir die meiste Zeit per Maschine fahren, zwischendurch mal ein bischen kreuzen. Der See ist so gross, das wir lange Zeit gar keine Ufer sehen, in keiner Richtung. Wie auf Hoher See… Wäre wohl gross genug für einen 2wöchigen Segelurlaub, der Ladogasee mit seiner Schärenküste im Norden.

Mittwoch, 9. August
1:00 Uhr Vor Anker in Slisselburg, wo die Newa aus dem Ladogasee nach St. Petersburg fliesst.
8:00 Uhr Brücke öffnet, weiter gehts bei bedecktem, eher ungemütlichen Wetter. Zwischendurch ein Päuschen am Flussufer oder auf Reede, um auf Brückenöffnungen zu warten. Gut, dass wir flussabwärts fahren. Es strömt ständig mit mindestens 2 Knoten, gelegentlich mit 4 Knoten. Die Newa ist kein so schöner, natürlicher Fluss wie der Swir. Stadt- und Industrielandschaft statt bewaldeter Ufer. Ab 14:00 Uhr warten wir, längsseits bei einem Frachtschiff festgemacht, auf die nächtliche Öffnung der Brücken in St. Petersburg. Wir warten auf die nächtliche Öffnung der Brücken

Donnerstag, 10. August
2:45 Uhr Maschine an und Los zur Durchfahrt von 8 Brücken in St. Petersburg. 28 Schiffe wollen mit uns in gleicher Richtung durch, ungefähr genausoviele kommen von vorn. Um die Dramatik noch zu steigern wird es in den kommenden 2 Stunden soviel regnen, wie in den vergangenen vier Russlandwochen insgesammt. Im Funkgerät Hektik und Geschrei auf allen Kanälen, Lotse Igor mischt kräeftig mit, steht auf Zehenspitzen, 60 Jahre und wippt plötzlich federleicht auf den Zehenspitzen, schreit immer wieder „full ahead !!!“ und gleich darauf „more speed, more !!!“. Erklärt dann wieder seelenruhig, wie der Strom in der nächsten Brückendurchfahrt setzt, deutet mit der Hand feinfühlig wie ein Dirigent die Richtung an, in die wir Ruder legen sollen, brüllt gleich darauf wieder was ins Funkgerät, flucht wahrscheinlich auch, dass er nicht wie es sich gehört auf einer beheizten Kommandobrücke sitzen kann, sondern hier im Regen steht. Rechts und links ziehen die Lichter der Grossstadt vorbei, wir laufen bis zu 10 Knoten und hoffen inständig, dass Viktor die Verkehrslage überblickt.
4:15 Uhr Winterpalast Backbord querab, Peter-Paul-Festung an Steuerbord, ein schneller Blick, dann geht es rechts ab in die Kleine Newa, noch 2 Brücken und wir gehen zu Anker. Wir habens geschafft…
Um 6:00 Uhr gehts mit neuem Lotsen weiter zu unserem Liegeplatz, auf dem Weg dahin, nach 3 Monaten endlich wieder, dank dem starken Westwind sogar in erheblicher Höhe, im Kanal bisweilen ersehnt: Ostseewellen!!!
Voraus die freie See, Russland ist durchquert!
7:00 Fest im Jachthafen auf der Kretovsky-Insel.

10. bis 13. August
Wir erkunden St. Petersburg, eine Stadt, die wohl mit London, Paris, Berlin in eine Klasse gehört. Schauseite der Eremitage Die Moika – einer der schönsten Kanäle Aber wir stellen auch fest: Die Küste ist der Feind des Seemanns und die Städte sind sein Ende…
Ende wars für viele unserer Mitsegler, die am Freitagabend in den Zug nach Berlin gestiegen sind. Anfang ist’s für neue Mitsegler, die zum Teil Schwierigkeiten hatten, weil Weißrußland 2 Tage zuvor Visumspflicht für deutsche Transitreisende eingeführt hatte. Mit dem Flugzeug sind dann doch alle rechtzeitig in St. Petersburg angekommen. Zum Schluß also die erste nennenswerte bürokratische Schwierigkeit!

Für unsere heimreisenden Mitsegler war’s noch lange nicht zuende: Um 3.00 Uhr morgens an der weißrussisch-polnischen Grenze werden sie freudlich, aber bestimmt aus dem Zug geholt. Sie besitzen kein weißrussisches Transitvisum. Dieses ist seit 3 Tagen obligatorisch!
Alle müssen zurück nach Minsk, dort Geld besorgen, unglaubliche bürokratische Hürden überwinden, um 12 Transitvisa zu bekommen (kosteten 60 Dollar pro Stück), während ein Teil der Gruppe den Tag wartend auf dem Bahnhof verbringt. Gestrandet in Brest: 12 Ausgesetzte auf dem Weg zurück nach Minsk
Schließlich sind alle am Montagmittag (also 24 Stunden später als geplant) in Berlin. Wir wissen nun, was uns in Rußland erspart geblieben ist: In Rußland haben wir keinerlei bürokratische Willkür erlebt.

Die Ostsee (12. August 2000 – 2. September 2000)

Montag, 14. August
Wir teilen die Wachen ein, dann Sicherheitseinwei-
sung. 10.30 Uhr Los beim Jachthafen, Diesel bunkern im Petrowski-Kanal, weiter zur Festung Kronstadt, wo wir um 15.00 Uhr zum Ausklarieren beim Zoll festmachen. Wir bleiben ein paar Stündchen liegen, hoffen, der Westwind möge abflauen. Zoll und Ausreise klappt ohne Probleme, der Westwind allerdings weht nimmermüde. Trotzdem legen wir um 19.00 Uhr ab. Ziel Helsinki oder Tallinn, je nach Wind.

Dienstag, 15. August
11.00 Uhr Immer noch Westwind, wir setzen Segel und gehen auf Kurs SSW. Um 15.00 Uhr kommt die russische Küstenwache längsseits. Sie verstehen nicht, warum wir nicht direkt nach Helsinki fahren. Da der Wind sowieso abgeflaut hat, bergen wir die Segel und tuckern erstmal aus russischen Gewässern raus.
18.00 Uhr In estnischen Gewässern setzen wir alle Segel und eine sanfte Brise aus Südost schiebt uns westwärts. Endlich wieder Segeln auf einem richtigen Meer!

Mittwoch, 16. August
Im Laufe der Nacht hat der Wind auf Südwest gedreht, ist aber dankenswerterweise schön beständig geblieben und so können wir morgens im Frühdunst durch die Schären bis nach Helsinki rein segeln. Wir machen um 9.00 Uhr in Helsinki fest. Die Sonne kommt durch, der Tag wird schön.
19.00 Uhr Ablegen in Helsinki, wir wollen westwärts durch die Schären. Spät abends (in der Dunkelheit, ganz was Neues!) heizen wir in den Schären die Sauna.

Donnerstag, 17. August
Unsere Segelversuche scheitern am westlichen Wind und an vorbeiziehenden Gewittern. So tuckern wir ein wenig westwärts und machen um 16.00 Uhr an einer schönen, felsigen Schäre fest. Aussteigen über den Bugspriet, Blaubeeren sammeln, an Flechten, Moosen und Birken riechen, Gaffelspringen bis spät in den Abend.

Freitag, 18. August
Nun sind wir auf der Lauer für günstigen Wind nach Estland, sieht aber vorläufig schlecht aus. Wir geniessen also die Schärenküste, machen zwischendurch in 2 kleinen Häfen fest. Nachmittags und abends kreuzen wir sportlich zwischen den Felsen umher bis wir um 22.00 Uhr kurz vor Hanko zu Anker gehen.

Samstag, 19. August
7.00 Uhr Anker auf, wir wollen nach Hanko zum Ausklarieren.
9.00 Uhr Fertig ausklariert, ablegen mit Ziel Estland! Wir segeln den ganzen sonnigen Tag hoch am frischen Westwind nach Süden. Richtig schöne See-Segelei bei anderthalb Meter hohen Wellen, ohne ernsthaft Seekranke an Bord. Wir können segeln bis in den Hafen von Haapsalu, wo wir um 20.00 Uhr festmachen. Die Sonne scheint, es ist warm, das Essen steht auf dem Tisch, die berühmte Hafensauna von Haapsalu ist bereits bestellt!

Sonntag, 20. August
Heute ist der 9. Jahrestag der Unabhängigkeit Estlands, überall ist geflaggt. Wir freuen uns mit und alle verbringen den sonnigen, warmen Tag ganz unabhängig von der Gruppe. Einige fahren nach Tallinn, einige besichtigen Haapsalu, einige bleiben auf dem Schiff. Abends grillen wir, von einem Blechdach vor dem strömenden, prasselnden Regen geschützt.

Montag, 21. August
Es hat sich über Nacht ausgeregnet. 10.00 Uhr Los in Haapsalu, wir kreuzen gegen den frischen Westwind auf die Insel Hiumaa zu. 18.00 sind wir fest in Lehtma. Ein sportlicher Segeltag, ein gemütlicher Abend am Lagerfeuer, windgeschützt in den Dünen beim Hafen.

Dienstag, 22. August
Heute fahren wir mit dem Bus über Hiumaa. Wir freuen uns an der schönen Landschaft, an Nadelwäldern mit sehr vielen Pilzen und inzwischen wenigen Beeren, wir freuen uns über ein Bad im Meer bei Sonnenschein und über den Ausblick vom ältesten Leuchtturm der Ostsee.
20.00 Uhr Leinen los in Lehtma. Wir haben ausklariert und unser Ziel ist Visby auf Gotland!

Mittwoch, 23. August
Um Mitternacht setzen wir Segel nordwestlich von Hiiumaa und können den ganzen Tag Hoch am Wind mehr oder weniger nach Südwesten segeln. Mittlerweile sind viele Hoch-am-Wind-Rudergänger-Profis unter uns, denn achterlichen Wind hatten wir auf der ganzen Fahrt noch nicht.
Der ganze Tag ist sonnig, mäßig bewegte See, keine Kranken an Bord, ein richtig schöner Segeltag. Leider erreichen wir nur die Ostküste von Gotland und so werden um Mitternacht die Segel geborgen, wir wollen schließlich nach Visby.

Donnerstag, 24. August
Unter Maschine fahren wir durch den Faarösund und dann nördlich von Gotland gen Westen. Um 05.00 Uhr werden die Segel gesetzt und wir laufen wieder mal Hoch am Wind. Wir müssen kreuzen und außerdem geht die See inzwischen bis 3 Meter hoch. Alles nicht mehr so einfach.
Um 10.50 Uhr bricht in einer Schauerböe der Besanbaum. Niemand verletzt, keine Weiteren Schäden, Bereits eine Viertelstunde später ist der gereffte Besan wieder gesetzt, denn der Baum ist sehr weit achtern gebrochen.
Um 14.00 machen wir in Visby fest. In einer der schönsten Städte Nordeuropas, leider im strömenden Regen und leider mit einer Liste von notwendigen Reperaturen. Nicht nur der Besanbaum muß neugebaut werden, auch die Segel bedürfen der Nähmaschine. Der guten Stimmung tut das aber keinen Abbruch, alle wohlauf an Bord.

Freitag, 25. August und Samstag, 26. August
„Ich nähme die Flügel der Morgenröte und baute mir eine Wohnung zuäußerst im Meer“, so träumt es Pelle in „Ferien auf Saltkrokan“. Wir verstehen seinen Wunsch sehr gut, denn wir sind mit der Petrine unterwegs, wir wohnen auf der Petrine, zuäußerst im Meer.
So träumen wir dann von einer Stadt, in der unsere Wohnung liegen soll, einer Stadt zuäußerst im Meer. Auf festen Fels gebaut, an einem Hang gelegen, dass man von jedem Platz und von jedem Haus der Stadt das Meer vor Augen habe. Winkelig und eng seien die Gassen der Stadt, dass niemand auf den Gedanken käme, sich anders als langsam und bedächtig darin zu bewegen. So eng die Gassen auch seien, es pflanzte doch jeder Bewohner Blumen darin, Rosen vorzugsweise, die gemeinsam mit den glänzenden roten Dächern der Häuser einen dem Auge ganz wohlgefälligen Kontrast zum ewig blauen Himmel formten. Zum Bau der Häuser fänden vorzugsweise die reichlich vorhandenen Natursteine und Holz Verwendung, bei den Farben achtete man darauf, dass sie sich harmonisch ins Ganze einfügten. Ein jeder pflegte und kümmerte sich unablässig um Haus und Garten und leistete seinen Beitrag zur Schönheit der ganzen Stadt. Geriete ein bedeutendes Haus in Verfall, eine Kirche oder Kathedrale zumal, würde sie gar unwiderbringlich zerstört, wir rissen sie nicht ab, wir pflegten die Ruinen, nutzten sie für Theater, Musik und Cafes und alle Besucher staunten über solch schöne und erhabene Ruinen, Zeugen vergangener Größe und Träume. Dass ein jeder sehe, wo die Stadt zuende sei, träumten wir uns eine hohe Mauer um Häuser, Gassen, Rosen und Ruinen, liessen Tore ein, dass man uns besuchen könne und pflegten und gestalteten auch diese Mauer in einer Art, dass sich allerlei Pflanzen und Vögel darin wohlfühlten. Wir liessen auch ein wenig Platz in unserer Stadt für einen großen Garten, der allen Bewohnern und Besuchern zugänglich sei. Wir sammelten auf unseren Reisen Planzen aus aller Welt für diesen Garten, wir legten einen Teich dort an durch den ein Bächlein fließe und die Freude der Besucher des Gartens nähme kein Ende.
Natürlich legten wir auch einen großen Hafen an, dass die Gassen in unserer Stadt ein Ziel hätten und in diesem Hafen läge dann, zuäußerst im Meer: die Petrine. Damit niemand bedrängt und geängstigt würde, so soll ein jeder nach seiner Weise (skandinavisch: „vis“) in dieser Stadt (skandinavisch: „by“) leben und so hieße sie „Visby“ und läge in einem guten Land, das hieße dann „Gotland“ und sei eine große Insel, weit draußen im Meer.
Nun stellt Euch mal vor, wir wachen morgens auf, treten an Deck und es ist tatsächlich alles so, wie wir es uns erträumt hatten! Dazu scheint die Sonne, der Himmel ist geradezu schmerzhaft blau, kein Wind treibt uns fort, da bleiben wir gleich ein paar Tage.
Ach ja, damit uns nicht vor lauter Schönheit und Gemütlichkeit langweilig wird, nähen wir die Segel, streichen das Deckshaus und bestellen beim Bootsbauer auf Usedom einen neuen Besanbaum, denn auf Gotland gibts kein geeignetes Holz. Das hatten wir wohl vergessen zu träumen…

Sonntag, 27. August
9.30 Uhr Sonne, wolkenlos, ein leichter Ostwind weht, ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da, und wenn die Stadt auch ein Traum ist: Los in Visby. Wir segeln den ganzen Tag, erst Hoch am Wind, dann tatsächlich bei halbem Wind unter vollen Segeln (Besan gerefft plus Topsegel) auf die Nordspitze Ölands zu, wo der Lange Erik nach uns Ausschau hält. Der Lange Erik ist ein besonders schöner und berühmter Leuchtturm. Wir grüßen ihn um 19.00 Uhr Backbord querab und segeln weiter auf die Schären zu.
21.30 Uhr passieren wir die unnahbare Blaue Jungfrau, ein unzugänglicher Felsen im nördlichen Kalmarsund, herrlich anzuschauen, ohne Hafen oder passablen Ankerplatz, sodass auch wir nicht bei ihr landen können.
Um 23.20 Uhr fällt der Anker in den Schären südlich von Oskarshamn. Falls jemand meint, dass sei eine tolle Leistung, im Dunkeln in die Schären reinzusegeln: Das war es nicht. Es war eher haarsträubend.

Montag, 28. August
Heute machen wir Ferien! Nach dem Frühstück verholen wir uns von 9.00 bis 10.00 Uhr durch idyllische Schärenlandschaft zum stillgelegten Steinbruch auf der Halbinsel Näset. Hier aalen wir uns den ganzen Tag in der Sonne, basteln Riechhölzer aus Wacholder, machen Gaffelspringen, schwimmen im warmen Schärenwasser, heizen erst die Sauna ein und anschließend ein Lagerfeuer bis in die Nacht. Ein Sommertag in den schwedischen Schären. Dieser Tag, eine ganzer Urlaub.

Dienstag, 29. August
5.00 Uhr Leinen Los am Steinbruch, es nieselt und ist ungemütlich, außerdem Wind von vorne. Wir tuckern unter Maschine südwärts durch die Schären, dann durch den Kalmarsund. Es klart schließlich auf, aber der Wind bleibt widrig und langsam müssen wir ja mal Strecke machen in Richtung Heimat. Also dieseln wir weiter, machen um 15.20 Uhr an der Südspitze Ölands fest, im Hafen Grönhögen. Die Saison ist hier vorbei, Zugvögel sammeln sich bereits zum Flug nach Süden, kurz und heftig ist der Sommer im Norden…
Um 20.00 Uhr gehts weiter, Kurs Bornholm.

Mittwoch, 30. August
Wir tuckern durch die windlose Nacht. Morgens um 7.00 Uhr werden Segel gesetzt. Zunächst halten wir auf die Nordspitze von Bornholn zu, den „Hammer“, dann entscheiden wir uns ganz spontan für Christiansö, eine kleine malerische Felseninsel, ideal zum Baden beim heutigen Sonnenwetter.
10.15 Uhr Fest auf Christiansö. Nachmittags liegen wir auf den Felsen an der Ostspitze, schwimmen und schnorcheln ein halbes Stündchen im klaren Wasser. „Ferien auf Santkrokan“, DAS Urlaubsbuch. Hier ist die Ostspitze Dänemarks. 15 Grad Ost, nun ja, wir waren auf 41 Grad Ost im Weißen Meer. Bornholm, 55 Grad Nord, das lag früher weit im Norden. Nun ja, wir waren auf 71 Grad Nord. Aber schön ist es dort wie hier, zumal bei solchem Sonnenwetter. Wir genießen den tollen Tag, mit einem kleinen Tropfen Wehmut darin…

Donnerstag, 31. August
Schön gemütlich segeln wir vormittags von Christiansö nach Svaneke auf Bornholm. Ein sehr gemütliches, sehr dänisches kleines Dörfchen. Hier bleiben wir und warten auf den Ostwind, der uns nach Rügen bringen soll.

Freitag, 1. September
Keine Wolke am Himmel, kein Lüftchen regt sich. Egal, wir müssen jetzt los.
8.30 Uhr Leinen Los in Svaneke, Ziel Stralsund. Vor dem Mittagessen machen wir eine kleine Badepause. Um 14.00 Uhr kommt ein leichter Südost auf, wir setzen alle Segel. Im Laufe des Nachmittags und Abends frischt es immer mehr auf, wir segeln mit über 7 Knoten, vor dem Wind! Um 21.30 Uhr passieren wir die Greifswalder Oie, segeln in den Peenestrom und machen um 23.15 Uhr in Peenemünde fest. Hier nehmen wir unseren neuen Besanbaum an Bord.

Samstag, 2. September
00.30 Uhr Leinen Los in Peenemünde. Es regnet; der Wind ist eingeschlafen. Wir tuckern über den Greifswalder Bodden, durch den Strelasund und machen um 5.45 Uhr Fest in Stralsund. Nach 4100 Seemeilen ist unsere Reise zuende. In mir 2 Teile Dankbarkeit, weil alles so gut geklappt hat und 8 Teile Wehmut, weil es vorbei ist. Wäre doch der 2. Juni und wir lägen in Skagen…

Autor des Reiseberichtes: Jochen Storbeck