Abenteuer Norwegen: Fjorde, Inseln, hohe Berge

Samstag, 24. Mai
Um 20.00 kommen alle Norwegensegler gesund und hungrig an Bord der Petrine in Hirtshals. Wir essen zu Abend, verteilen die Kojen, verstauen das Gepäck, teilen die Wachen ein und lauschen der Sicherheits-
einweisung. In Hirtshals regnet es und es weht ein ganz leichter Südostwind, morgen früh um 4 wollen wir auslaufen und übers Skagerrak bis zur norwegischen Westküste segeln.

Sonntag, 25. Mai
4.20 Leinen Los in Hirtshals. Wir tuckern durch windstillen Morgennebel westwärts. Um 9.00 Uhr setzt Ostwind ein; alle Segel werden gesetzt und bald geht es mit flotter Fahrt übers Skagerrak. gegen Abend laufen wir mit 7 Knoten.

Montag, 26. Mai
In der Nacht hat der Wind auf West gedreht und wir segeln nordwärts auf Kap Lindesnes zu. Lindesnes, das norwegische Südkap bleibt unsichtbar im Morgendunst, hoffentlich wird das am Nordkap anders sein. Nachmittags liegt die imposante Felsenküste von Flekkefjord im Sonnenschein und wir trödeln mit 2 Knoten, ruhen uns aus vom Skagerrak. Ab 22.00 Uhr können wir wieder richtig flott segeln und haben

Dienstag, 27. Mai
mittags die Insel Utsira an Backbord. Nachmittags liegt sie immernoch an Backbord, einlaufen dürfen wir nicht, weil wir noch nicht einklariert haben. So starten wir die Maschine und tuckern durch die Schären in Richtung Bergen. Der Himmel ist beinahe wolkenlos, der Sonnenuntergang will gar nicht enden und die vielen Häuschen auf den Inseln laden zum Träumen ein: Was wäre, wenn man hier wohnte, immer diese Aussicht geniessen koennte…

Mittwoch, 28. Mai
Um 2.30 Uhr machen wir in Bergen fest. Nach dem Frühstück steht die Sonne schon hoch am Himmel und alle erkunden die Stadt auf schwankenden Seemannsbeinen. Mittags liegen bereits die ersten in Badehose an Deck und ab 15.00 Uhr nutzen wir den frischen Südwind um weiter gen Norden vorwärtszukommen. Leider zieht sich der Himmel langsam zu; dafür werden wir mit zunehmendem Wind entschädigt und können mit flotter Fahrt durch die Schären segeln. Um Mitternacht bergen wir nördlich des Sognefjords die Segel und machen auf der kleinen Insel Nara fest.

Donnerstag, 29. Mai
Strömender Regen, schlechte Sicht, stürmischer Südwind, zögerlich erkunden wir die Insel und um 10.00 Uhr setzen wir Segel. Gerefftes Groß und Fock sorgen für 8 Knoten Fahrt, die Felsinseln und der Schiffsverkehr sorgen für reichlich Arbeit an Deck und um 13.00 Uhr wird uns das ganze zu gefährlich: Wir legen an im Hafen von Vaerland, einer Insel ganz weit draußen im Schärengarten. Dies ist eine der schönsten Ecken an der norwegischen Küste und wir wollen mal abwarten, ob wir morgen nicht vielleicht etwas davon zu sehen bekommen. Heute bleiben wir hier. Im Salon wird gelesen, gesungen, gespielt und gebacken.

Freitag, 30. Mai
5.30 Uhr in Vaerland: Hurra, es hat aufgeklart! So´n Mist, der Wind hat auf Nordwest gedreht. Trotzdem gehts los, diesmal unter Maschine. Das Deck füllt sich dank der schönen Inseln ringsum bald mit Fotografen, der Salon füllt sich mit Brötchenduft und um 10.00 Uhr passieren wir Florö. Eine Stunde später können wir Segel setzen. Vor uns liegt der Nordfjord, über 100 km lang, und das Bremangerland, fast 1000 Meter hoch, beides im Sonnenschein. Mit halbem Wind segeln wir hinein. Der Wind lässt uns bald im Stich, aber wir treiben noch ein paar Stündchen kreuz und quer durch den wunderschönen Fjord bevor wir wieder die Maschine starten. Der Wind hat auch draußen abgeflaut und so wollen wir heute Nacht um Kap Stattland herum. Um 21.00 verlassen wir den geschützten Ulvsund und treffen sofort auf eine lange Dünung. Draußen vor dem Kap sind die Wellen bis zu 6 Meter hoch. Bei feinstem Sonnenschein tuckert Petrinchen tapfer bergrauf und bergrunter und gegen 23.00 Uhr haben wir das beeindruckende und gefürchtete Kap gerundet. Um Mitternacht machen wir auf der Insel Kvamsöy fest.

Samstag, 31. Mai
Die Elfenwache verwöhnt uns heute mit einem besonderen Frühstück, denn morgen ist Wachwechsel und danach ist die Nissenwache dran: Gebackene Elfen, Früchtequark, Rührei, Blumensträusse, es fehlt an nichts. Von 9.00 bis 15.00 Uhr sind wir unterwegs durch den engen Röyresund zur Vogelinsel Runde. Die meiste Zeit segeln wir, die meiste Strecke fahren wir mit Maschine, denn falls überhaupt, weht der Wind mit Stärke 1 bis 2. Der Sonnenschein und der Blick auf Inseln, Berge und Gletscher entschädigt uns dafür. Auf Runde wandern fast alle im Sonnenschein über die Insel, landen bei den Vogelfelsen oder im Cafe oder wieder beim Schiff. In der Abendflaute segeln und motoren wir dann noch nach Aalesund, wo wir kurz vor Mitternacht festmachen.

Sonntag, 1. Juni
In die Koje gehen die meisten noch nicht, denn es ist Hafenfest und auch sonst richtig was los in der Stadt. Zum Frühstück kommt bloß eine kleine Runde zusammen, die sich später dann auf dem Aussichtsberg über der Stadt wiedertrifft: Schären, Holme, Inseln, tiefblaues Meer im Norden, Gletscher, schneebedeckte Berge, tiefblaue Fjorde im Süden. Unter uns Aalesund, das wegen seiner im Jugendstil gebauten Häuser als besonders schöne Stadt, vielleicht die schönste in Norwegen gilt. Nachmittags geht’s dann bei Flaute auf die Insel Flemsöya. Kaum ein Lüftchen regt sich, Angelversuche enden erfolglos, aber Himmel, Meer und Sonne halten uns bei prächtiger Laune. Und für Morgen dürfen wir auf mäßigen Südwind hoffen, so meldet es der Wetterbericht.

Montag, 2. Juni
Morgens um 6.00 Uhr kommt tatsächlich Südwind auf. Wir setzen die Segel und rauschen mit 7 Knoten nach Nordosten. Um 8.30 ist alles vorbei. Kein Lüftchen regt sich mehr. Wir werfen die Angeln aus und fangen reichlich Dorsche fürs Abendessen. Um 14.00 stehen wir immernoch auf dem Fleck: Maschine an, Kurs auf Björnsund, ein kleiner Inselarchipel mit hübschen Häuschen, bunten Wiesen und 2 kleinen Häfen. Die Sonne scheint bis kurz vor Mitternacht.

Dienstag, 3. Juni
Morgens wieder pralle Sonne und kein Lüftchen regt sich. Nach dem Frühstück tuckern wir nach Bud hinüber zum Bunkern und Einkaufen. Danach gehts durch die Hustadvika weiter nach Nordosten. Um 13.00 können wir alle Segel setzen und kommen mit 5 Knoten gut voran. Man wird ja bescheiden! Doch die Flaute lässt nicht lange auf sich warten. Den ganzen Nachmittag und Abend stehen wir mehr oder weniger herum und fangen Dorsche. Nächtens tuckern wir durch die Trondheimsleia, um mal wieder ein paar Meilen gen Norden vorwärts zu kommen. Das Meer ist glatt wie ein Spiegel.

Mittwoch, 4. Juni
Um 6.00 Uhr machen wir auf der Insel Kraakevaag fest. Überall ist hier Militär und sogar die Häuser und Vorgärten sind nach Soldatenart gestaltet. Mittags legen wir also wieder ab, tuckern weiter nach Norden, sehen dabei zum ersten Mal Wale. Nachmittags entdecken wir den kleinen Fährhafen von Djupfest, hineingehauen in den Granit und wie sich hinter der Mole zeigt, auch Heimat eines kleinen Bootsklubs. Wir finden ein geeignetes Stückchen Pier für die Petrine und werden, als wie nach einem Grillplatz fragen sogleich auf die Veranda des Klubhauses eingeladen. Hier feiern wir unser Bergfest mit reichlich Fisch, Salat, Koteletts und Gesang. Um halb 12 geht die Sonne unter, eine Gruppe Schweinswale rundet das schöne Bild ab.
Im Westen drohen, wie jeden Abend, beeindruckende Cirruswolken Schwerwetter für Morgen an. Mittlerweile wissen wir: Das hat nix zu bedeuten. Das Barometer steht wie angenagelt bei 1015 und auch morgen wird wohl die Sonne scheinen und kaum ein Lüftchen sich regen.

Donnerstag, 5. Juni
Schon beim Aufwachen stellen wir fest: Barometer gefallen! Wetterbericht verspricht Starkwind aus Südwest für den Nachmittag!! Da können wir es gut verkraften, dass uns ein mäßiges Lüftchen aus Ost zunächst am Leuchtturm Halten vorbei aufs offene Meer hinauszwingt, im Sonnenschein, wie bislang üblich. Ab 15.00 Uhr fängt es an zu regnen und bald darauf laufen wir mit bis zu 8 Knoten im strammen Südwestwind wieder auf die Küste zu. Gereffte Segel, schlechte Sicht, hohe Wellen, ununterbrochener Regen, wir machen endlich gute Fahrt nach Norden. Kurz vor Mitternacht halsen wir uns durch die Engstelle vor Rörvik, der Grenze zwischen und Mittel- und Nordnorwegen.

Freitag, 6. Juni
Weiter gehts mit rauschender Fahrt durch eine dämmrige, wolkenverhangene Nacht. Morgens um 7.00 Uhr segeln wir durch den Hafen von Bronnöysund, wollen aber noch weiter, den guten Wind nutzen, auf den wir so lange gewartet haben. Um 13.00 Uhr machen wir in Sadnessjöen fest, bereits in Sichtweite des Polarkreises. Ein Teil der Mannschaft grummelt verständnislos, warum wir nicht weitersegeln, aber in dieser Gegend lohnt sich das Verweilen ganz besonders: Der Svartisen-Gletscher, die bizarren Inseln Lovunda und Traena, wir sind in der Provinz Nordland angekommen nach 32 abenteuerlichen Segelstunden und über 200 Seemeilen seit Djupfest! Und der Regen hat auch aufgehört. Um 16.00 verholen wir auf die Insel Donna an einen kleinen Anleger. Hier wollen wir saunieren und uns erholen.

Samstag, 7. Juni
Nach tiefem und ausführlichen Nachtschlaf und ausgiebigem Frühstück segeln wir um 9.00 Uhr direkt vom Anleger los. Mit langsamer Fahrt – mal 2, mal 4 Knoten – und unter vollen Segeln gehts nordwärts dem Polarkreis entgegen. Um 19.20 passieren wir die Insel Vikingen mit dem Polarkreis-Monument: Jetzt werden alle Neulinge im Hohen Norden von Neptun und Gattin Thetris persönlich begrüßt und getauft! Nach der Rasur bezeugen die Täuflinge der Gattin mit einem Fusskuss den Respekt. Dann prüft Neptun, ob sie auf der langen Seereise etwas gelernt haben und verleiht nach bestandener Prüfung passende Taufnamen. Nicht nur von uns, sondern auch von vorbeifahrenden Motorbooten wird die Zeremonie ausgiebig fotografiert.
In der anschließenden Flaute fangen wir reichlich Köhler und Dorsch, Prachtexemplare von bis zu 7 Kilo. Wir? Eigentlich fängt nur Sabine… Viele andere halten zwar ebenfalls Angeln und Leinen ins Wasser, aber es ist ausschließlich Sabine, die an diesem Abend einen halben Zentner Fisch an Deck holt. Das muss an ihrem Polar-Taufnamen liegen: „Schrecken der Dorsche“.

Pfingstsonntag, 8. Juni
Gegen halb 2 werden im Nieselregen die nutzlos gewordenen Segel geborgen und wir tuckern zu einem ganz unglaublichen Ankerplatz im Nordfjord. Steile Felswände bis auf 1000 Meter hinauf, überall Schneefelder, Krüppelwäldchen und Mooswiesen, Vogelgezwitscher in der taghellen Nacht. Morgens gehen viele mit dem Beiboot ans Ufer und wandern zu den Schneefeldern empor. Mittags gehen wir Anker auf und fahren ganz bis zum Ende des atemberaubenden, völlig unbewohnten Nordfjords. Dort stoppen wir die Maschine und lauschen ein Weilchen den zahlreichen Wasserfällen und Gletscherbächen des Svartisen-Gletschers. Wir sehen spielende, springende Schweinswale, einen Seehund, einen Seeadler der von Möwen angegriffen wird, wir sehen dahinjagende Wolken- und Nebelfetzen an den Felswänden und Berggipfeln und zeitweilig auch ein kleines Stückchen des Svartisen. Dieser Fjord gehört zum Allerschönsten, was ich in Norwegen gesehen habe und er ist touristisch völlig unerschlossen.

Montag, 9. Juni
Kurz nach Mitternacht liegen wir an einem Holzsteg im Holandsfjord, achteraus geht der Blick auf eine beeindruckende Gletscherzunge des Svartisen. Hier im Fjord funktioniert der Tourismus: Morgen Früh können wir an einer Gletscherwanderung teilnehmen und um 10.00 Uhr kommt der Ausflugsdampfer, dann müssen wir verholen.
Beim Aufwachen überrascht uns strahlend blauer Himmel, Gletscher und Bergspitzen glänzen im Sonnenschein. Heute ist also ein Tag im Hochgebirge angesagt. Die meisten nehmen an der Gletscherwanderung teil, erforschen mit ortskundiger Begleitung die schmalen Grate und tiefblauen Höhlen der Eismassen. Andere wandern und klettern auf den Bergen umher und werden mit einmaliger Fernsicht belohnt: Von den höchsten Bergen aus sind sogar schon die Lofoten zu sehen. Segeltechnisch sind sie derzeit eher etwas ferner gerückt: Strammer Nordwind hindert uns am Weiterkommen. So tuckern wir bloß ein paar Stündchen weiter zur Insel Bolga.

Dienstag, 10. Juni
Die sanften Hügel von Bolga eignen sich hervorragend,um zu überprüfen, ob wir so ganz knapp nördlich des Polarkreises bereits Mitternachtssonne haben. Wir suchen uns ein windgeschütztes Plätzchen im Moos mit Blick nach Norden. Kreisende Möwen im Vordergrund, malerische, flache Inselchen zur Dekoration und die Sonne bleibt tatsächlich ununterbrochen sichtbar. Gegen 2 Uhr steht fest: Wir sind angekommen im Land der Mitternachtssonne!
Mittags bunkern wir Wasser und fahren weiter gen Norden. Heute ist der Wind etwas nordwestlich, sodass wir um halb 2 Segel setzen können. Unser nächstes Ziel ist Bodö. Berge und Gletscher auf dem Weg dorthin liegen im Sonnenschein und wegen der sauberen Luft sieht alles sehr nah aus. Im Nordwesten sind bereits die Berggipfel der Lofoten zu sehen. Trotz Sonnenschein bleibt die Temperatur unter 10 Grad. Schön langsam segeln wir bis Mitternacht und machen bei feinster Mitternachtssonne in Bodö fest.

Mittwoch, 11. Juni
Die Stadt selber kann mit der einmaligen Umgebung nicht so ganz mithalten, aber wir können Geld abheben, einkaufen, Karten abschicken, Internet nutzen, was man in einer Stadt eben so macht.
Gegen 14.00 Uhr gehts wieder weiter. Zunächst bolzen wir gegen 6 Windstärken Nordwind an, bei prallem Sonnenschein und etwa 6 Grad Celsius. Dann setzen wir Segel und kreuzen in den Foldafjord hinein. Gegen Mitternacht haben wir uns von den Inseln und Schären freigekreuzt und segeln im Vestfjord auf die Lofoten zu.

Donnerstag, 12. Juni
Hinter der Lofotenwand, wie die Inselkette zutreffend genannt wird, ziehen Wolken auf, sodass es mit der Mitternachtssonne heute nichts wird. Gegen 2.00 Uhr schläft der Wind ein und wir fahren unter Maschine weiter. Nach ein paar erfolglosen Angelversuchen und erfolgreichen Backversuchen machen wir um 8.00 Uhr in Mortsund fest. Eine Lofotenörtchen wie aus dem Bilderbuch: Großer, imposanter Berg hinter dem Örtchen, Schären davor, im Ort 3 Betriebe für Fischverarbeitung und hundertmeterweise Trockengestelle für Stockfisch. Dazu vielleicht 5 Wohnhäuser.
14.00 gehts wieder los. Wir fangen ein paar Fische in der Flaute und um 19.15 Uhr ist die Petrine im Hafen von Henningsvaer fest. Henningsvaer ist DER Vorzeigeort auf den Lofoten: Sehr imposanter Berg hinter den Häusern, sehr viele Schären davor, mindestens 10 Betriebe für Fischverarbeitung und kilometerweise Gestelle für Stockfisch. Dazu kommen in diesem Fall noch hunderte von Touristen, die um die wenigen Häuser schleichen.

Freitag, 13. Juni
In Henningsvaer ist es gestern Abend für einige recht spät geworden. Und dann muss ja auch noch vormittags der schöne Ort erkundet werden. Um 14.30 Uhr segeln wir los und bekommen unterwegs noch einmal das Lofoten-Panorama in voller Pracht vorgeführt: Sonnenschein wechselt mit Schauerböen, wir segeln mal mit 2 und mal mit 7 Knoten und der Blick geht immer wieder zu den Berggipfeln und Schluchten empor. Wir sehen die Lofotengipfel bis zum äußersten Südwesten und die Gletscher des Festlands in vielen hundert Kilometer Entfernung. Norwegen ist einmalig, die Lofoten aber, die sind noch anders, die sind nicht so ganz von dieser Welt.

Abends in Svolvaer nehmen 8 unserer Mitsegler Abschied und reisen heim. Jetzt warten wir bis morgen Abend auf „die neuen“. Bis hierher war es eine tolle, sehr harmonische Reise mit viel Segeln und immer guter Laune. Das soll so weitergehen!

Die Lofoten: Europas wildeste Inseln.

Samstag, 14. Juni
Im Laufe des Tages treffen alle Mitsegler in Svolvaer ein und um Mitternacht ist die neue Crew komplett und gesund an Bord.

Sonntag, 15. Juni
Nach Sicherheitseinweisung und Wacheinteilung legen wir um 11.00 Uhr in Svolvaer ab. Der Wind kommt ungünstig aus Südwest; wir haben beschlossen, erstmal zum äußersten Ende der Lofoten, möglichst nach Reine, zu segeln und das bedeutet also kreuzen. Bleibt der Wind mal ganz weg, ist auch Zeit zum Angeln. Und ständig haben wir Zeit, das wechselnde Panorama der Lofoten, der Inseln, Fjorde und Berge zu bestaunen. Es gibt Schauer, reichlich Wolken, gelegentlich Sonnenschein und permanent Wind von vorn oder Flaute. Das bleibt die ganze taghelle Nacht so. Im Osten verschwindet langsam das Panorama der Festlandsberge, im Südwesten kommen langsam die Inseln Mosken und Vaeröy über den Horizont.

Montag, 16. Juni
Nimmermüde kreuzen wir uns durch den Tag und um 19.00 Uhr machen wir in Reine fest, nach 32 Stunden, etwa 100 geseglten Seemeilen und in 30 Meilen Entfernung von Svolvaer. Jetzt wissen alle, wie die Petrine durch die Wende geht! Trotz des Schmuddelwetters gehen alle spazieren, steigen auf Berge, versuchen zu angeln.

Dienstag, 17. Juni
In Reine ist es bedeckt, kalt und windstill. Wir tuckern langsam und vorsichtig in Richtung Moskenesstrom. Samstag abend wurde zur Vorbereitung des Lofotentörns „Die Fahrt in den Maelstrom“ von Edgar Allen Poe vorgelesen, nun wollen wir erkunden, was es auf sich hat mit den gurgelnden Strudeln, dem Brüllen der Wassermassen, die sich bei Flutstrom vom Atlantik in den Vestfjord stürzen gleich einem Wasserfall. Bei Lofotodden, dem südwestlichen Ende der Inselkette, stoppen wir die Maschine und überlassen uns dem Moskenesstrom. Der treibt uns bei spiegelglatter See mit 3 Knoten ostwärts auf eine Zone rauschenden Kabbelwassers zu! Ein Zwergwal erkundet die Petrine von allen Seiten und aus nächster Nähe. Dann drehen wir uns im Gezeitenstrom sehr schnell 2 mal im Kreis herum und treiben anschließend mit einer nördlichen Strömung wieder auf Lofotodden zu. Wir halten die Angeln ins Wasser und fangen Dorsch und Köhler für die nächsten Tage, „die besten und edelsten Sorten“, wie E.A.Poe schreibt. Unterdessen scheint die Sonne durch die Wolken, vertreibt sie bald ganz und wir ziehen Regenzeug aus und suchen nach Sonnencreme. Schließlich steuern wir einen Ankerplatz auf der Westseite von Moskenesöya an. Die Ansteuerung ist, wie es bei Poe heißt “ ein verzweifeltes Unternehmen, bei dem das Wagnis die Seemannschaft erstetzte und Mut unser Anlagekapital war“. Belohnt werden wir mit einer Bucht von türkisfarbenem Wasser in einem Dreiviertelkreis von 500 Meter hohen Bergen, darunter der Helseggen, von dem aus der Schriftsteller das tödliche Wirbeln des Maelstroms beobachtet haben will. Den ganzen Nachmittag brauchen wir, um in prallem Sonnenschein den steilen Berg hinaufzukrackseln, von dem aus wir nahezu senkrecht auf die Ankerbucht mit der Petrine herabsehen können. Der Moskenesstrom fließt ruhig und gleichmäßig wie der Rhein bei Duisburg mit ablaufendem Wasser vom Vestfjord in den Atlantik, es sind andere Dinge, die uns hier begeistern: Die Inseln Mosken, Vaeröy und Röst bieten im Süden ein großartiges Panorama, eingerahmt von Schären, Holmen und Riffen. Der Anblick der Berge und Schluchten der Lofoten aber, der sich uns im Norden bietet, ist so wild und einmalig, dass die Worte fehlen. Dies alles bei Sonnenschein und Windstille genießen zu können, ist wirklich ein großes Glück. Um 20.00 Uhr sind alle Wanderer und Bergsteigen nach einem sehr erfrischenden Bad in der karibikfarbenen, nordmeerkalten Bucht wieder an Bord. Wir essen den mittags gefangenen Moskenesdorsch, von der fleißigen Ankerwache wunderbar gebacken und gedünstet, und verlassen um 22.30 Uhr den einmaligen Ankerplatz. Nordwärts tuckern wir die Westküste von Moskenesöya in der Mitternachtssonne entlang. Wer nach all den Eindrücken noch aufnahmefähig ist, sieht in sanftem Mitternachtssonnenlicht die schönste Küste, an der die Petrine in 94 Jahren entlanggefahren ist. Was für ein Tag.

Mittwoch, 18. Juni
Von 3.30 Uhr bis 10.00 Uhr liegen wir in Ramberg auf Flakstadöya, dann geht es wieder hinaus und wir segeln ab mittags mit leichtem Nordwind südwärts im Nappstrom. Der strudelt auch recht beeindruckend und lenkt uns immer wieder vom Bergpanorama ab, das zu beiden Seiten des engen Sundes im Sonnenschein glänzt. Um 18.00 Uhr ist der Wind eingeschlafen und da wir bis Freitagabend noch über 100 Meilen bis Harstad zurücklegen müssen, fahren wir unter Maschine ostwärts entlang der Südküste der Lofoten, an Mortsund, Henningsvaer und Svolvaer vorbei in den Öyhellesund.

Donnerstag, 19. Juni
Um 1.50 Uhr machen wir an einer Holzbrücke im Trollfjord fest, der eine so enge Einfahrt hat, dass man den Eindruck eines Gebirgssees hat, wenn man sich im Inneren des Fjords befindet. Nach dem Frühstück nutzen viele die warme Luft und den Sonnenschein für ein Bad im kalten Wasser, bevor wir uns um 11.00 Uhr wieder auf den Weg durch den Raftsund nach Norden machen. In strahlendem Sonnenschein werden die Segel gesetzt und mit langsamer Fahrt geht es nordwaerts durch den Sortlandsund. Abends passieren wir unter Maschine die enge Risoyrende.

Freitag, 20. Juni
Um Mitternacht kommt wieder Südwind auf und wir segeln im Glanz der Mitternachtssonne ueber den Andfjord bis wir um 3.30 Uhr in Leirvaag festmachen. Leider müssen wir schon um 8.00 Uhr wieder los, denn die Pier wird gebraucht. Wir kommen sehr dicht vorbei am Vogelfelsen von Sundsvollsundet mit geschätzten 5000 brütenden Dreizehenmöwenpaaren bevor wirmit sehr langsamer Fahrt bei Flaute und Sonnenschein südwärts auf Harstad zusegeln können. Um 16.00 Uhr fällt der Anker im Naturhafen von Kjøtta. Spaziergänger werden auf die Insel übergestzt, die Sauna wird geheizt, Pizza wird gebacken und leider muss nun auch die Rückreise geplant werden. Kurz vor Mitternacht motoren wir die letzten 5 Seemeilen nach Harstad hinüber.

Abenteuer Nordkap: Im Licht der Mitternachtssonne

Samstag, 21. Juni
Schon sehr früh müssen die ersten ihre Heimreise mit dem Bus nach Narvik antreten. Die anderen machen rein Schiff und sehen sich anschließend in der Stadt um. Heute beginnen in Harstad die Nordlands-Festspille mit vielen Konzerten und anderen Veranstaltungen. Es wird also nicht langweilig werden, auf die Neuanreisenden zu warten.

Sonntag, 22. Juni
Im Laufe des Tages treffen alle unsere neuen Mitsegler gesund und teils etwas erschöpft von der langen Zugreise in Harstad auf dem Schiff ein. Um 21.30 Uhr legen wir ab und können schon bald Segel setzen. Kurs Nord zur westlichen Außenküste von Senja, der größten aller norwegischen Inseln.

Montag, 23. Juni
Wir kreuzen langsam durch die bewölkten Nachtstunden und legen pünktlich zum Frühstück in Skrolsvik an. Ein ehemaliger Fischhandelsplatz, von dessen Geschichte ein Heilbutt-Museum zeugt. Hier sehen wir Bilder mit 4 Meter langen Heilbutts und ein zufällig anwesender Handwerker (eigentlich hatte das Museum heute geschlossen) erzählt uns sachkundig von der Bedeutung dieses Fisches in der nordnorwegischen Kultur. Skrolsvik gefällt uns gut, liegt aber an der Südküste von Senja, sodass wir hier heute Nacht keine Mitternachtssonne sehen werden. Heute ist aber die Johannisnacht, das große Mittsommernachtsfest und wir wollen es gern mit dem Anblick der mitternächtlichen Sonne krönen. Also verholen wir uns von 13.00 bis 16.30 nach Rödsand, einem kleinen Fischerdörfchen mit freiem Blick nach Norden. Was in Skrolsvik nur noch als Museum nachwirkte, steht in Rödsand noch in voller Blüte: Das Leben mit und vom Fisch, der hier im äußersten Norden die Grundlage menschlicher Existenzmöglichkeit ist. Der Hafen liegt voller Fischerboote, sodass wir gleich bei zweien längsseits gehen müssen. Rings um den Hafen liegen kleine rote Fischerhütten und überall liegt Fischereigerät herum. Die Fischer begrüßen uns freundlich und besichtigen interessiert unser Schiff.
Beinahe die ganze „Nacht“ hindurch sitzen wir mit Grill und kleinem Feuer auf den Felsen, beobachten den Lauf der Sonne vor dem Panorama des Fjords und der schneebedeckten Hochgebirgsgipfel. Stundenlang liegt alles im sanften Licht der niedrigstehenden Sonne, stundenlang wird gesungen, gelauscht, musiziert, erzählt und kaum dass sich jemand beklagt, noch keine Wale gesehen zu haben, taucht eine Gruppe Schweinswale ganz in der Nähe auf.

Dienstag, 24. Juni
In praller Sonne und völliger Flaute verlassen wir um 9.00 Uhr den gastlichen Hafen Rödsand und fahren unter Maschine an der Westküste von Senja gen Norden. Ab mittags können wir in leichtem Nordwind nach Osten segeln. Eine kahle Küste begleitet uns, beinahe menschenleer, bis 800 Meter hoch und mit tiefen Buchten und Fjorden, die im Sonnenschein glitzern. Entlang der Nordkueste koennen wir sogar mit maessiger Fahrt segeln und puenktlich zum Abendessen gehen wir bei der Vogelinsel Hekkingen zu Anker. Um 22.00 Uhr kommt Westwind auf und wir segeln weiter in den Malangen-Fjord, alle Segel gesetzt, Sonnenschein die ganze Nacht.

Mittwoch, 25. Juni
Morgens ankern wir ein paar Stunden, um auf die richtige Tide zu warten. Das muntere Vogelgezwitscher um uns herum lockt einige aus der Koje. Die grünen Berghänge und der glitzernde, spiegelglatte Fjord sorgen für eine wunderbare, friedliche Morgenstimmung. Um 6.00 Uhr hat der Strom gekentert und wir motoren 3 Stunden nach Tromsø, der einzigen grossen Stadt in Nord-Norwegen. Sonnenschein, Waerme und von überall in der Stadt tolle Blicke auf den Fjord und die Hochgebirgsgipfel der Umgebung: Wir genießen die Stadt und bleiben doch überall ganz nah an der Natur. So ist Tromsø.

Donnerstag, 26. Juni
Morgens wird noch allerhand erledigt und eingekauft in Tromsö und um 13.00 Uhr legen wir ab. Gegen mässigen Nordwind kreuzen wir im Tromsösund. So können wir uns die Stadt noch einmal ausgiebig vom Wasser aus ansehen und staunen, wieviel hier gebaut wird, wie schnell die Stadt wächst und wie sehr der Hafen erweitert wurde seit 1968, dem Jahr als unsere Seekarte gedruckt wurde. Um 20.00 Uhr haben wir den Grötsund erreicht und der Wind schläft ganz ein. Mit Maschine geht es ostwärts und dann weiter nordwärts durch den Langsund.

Freitag, 27. Juni
Um 1.00 Uhr stoppen wir nördlich Karlsöya für ein Weilchen, um Fische zu fangen. Es fängt an zu regnen, zum ersten mal seit 2 Wochen und leichter Wind kommt auf. Bis morgens um 7.00 Uhr können wir mit sehr langsamer Fahrt segeln; um 9.45 Uhr machen wir im Lauksund fest auf der Insel Arnöya. Wir nutzen den nieseligen Tag zur Entspannung, um unsere Fischreserven zu ergänzen und zu einer kleinen Wanderung in den Schnee. Auf etwa 400 Metern kommen wir zu einem Schmelzwassersee, der teilweise noch zugefroren ist. Um 18.00 Uhr legen wir ab, setzen so nach und nach alle Segel und nehmen Kurs auf den Kvaenangsfjord bei Skjervöy. Die Zinnen der Kvaenangsberge, die über 1000 Meter direkt aus dem Fjord aufsteigen, sind auch dann noch einmalig und atemberaubend schön, wenn man schon seit 5 Wochen an der norwegischen Küste unterwegs ist. Zu ihren Füssen liegt Schnee bis zum Fjord hinunter.

Samstag, 28. Juni
Vor dem Jökelfjord bleibt der Wind weg. Wir tuckern weiter und gehen um 4.30 Uhr in einer Bucht mit sehr klarem Wasser zu Anker. Zu hören sind hier nur Wasserfälle, Möwengekreische und Vogelgezwitscher. Nach dem Frühstück bringt das Beiboot Wandersleute ans Ufer. Sie sehen vergletscherte Berge, darin sanft von Wiesen eingebettet einen traumhaft schönen See. Alle Arten von Moosen, Kräuter, wilde Orchideen, die gelbe Trollblume und der weisse Gletscherhahnenfuss wachsen hier. Im Laufe des Tages klart es auf und nachmittags fahren wir ganz bis zum Ende des Jökelfjordes. Hier wächst nun nicht mehr viel, die Hänge ragen steil, felsig und kahl aus dem Fjord heraus. Dafür haben wir freien Blick auf den einzigen Gletscher Europas, der direkt ins Meer kalbt.
Wir motoren weiter zur Insel Spildra im Kvaenangsfjord und machen dort fest. Die Dorsche, Köhler und Rotbarsche von gestern werden spitzenmässig zu Backfisch verarbeitet, die Sauna wird geheizt und die Blicke gehen immer wieder zu den Berggipfeln des Kvaenangen hinüber, die kaum 10 km entfernt in der Mitternachtssonne funkeln.

Sonntag, 29. Juni
Morgens um 6.00 Uhr, bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein segeln wir mit leichtem achterlichem Wind aus dem Kvaenangenfjord. Wir setzen das Beiboot aus und fotografieren die Petrine mit allen Segeln vor dieser unglaublichen Hochgebirgs-Kulisse. Ausserhalb des Fjords kommt der Wind aus Ost und wir müssen kreuzen. Bei diesem Sonnenwetter und leichtem Wind das reine Vergnügen, auch wenn wir kaum vorwärts kommen. Ganz langsam nähern wir uns der Westküste von Söröya, einer kahlen, steil aufragenden Tundrainsel voller Schneefelder. Die Sonne scheint die ganze Nacht und gelegentliche Flauten werden zum Angeln genutzt. Erstmals wird auch ein Seewolf gefangen.

Montag, 30. Juni
Mittags starten wir die Maschine und fahren die Südküste von Söröya entlang. Um 15.00 Uhr fällt der Anker im Husfjord bei immernoch feinstem Sonnenschein. Die warme Luft lässt uns die Wassertemperatur ignorieren und wir verbringen den Nachmittag mit Gaffelspringen. Vor dem Hintergrund der Gletscher von Seilland und in kristallklarem Wasser feiern wir „das nördlichste Gaffelspringen der Welt“. Auf den Berghängen sehen wir Rentiere, die auf kunterbunten Blumenwiesen weiden. Gegen Abend landen Seewolf, Köhler und Dorsche auf dem Grill; ein ruhiger Abend mit Kräutersammeln auf den Wiesen und Buchterkundungen mit dem Beiboot.

Dienstag, 1. Juli
Um Mitternacht gehen wir Anker auf und fahren quer übern Sund nach Hammerfest. Es ist völlig windstill, das Wasser glatt wie ein Spiegel und die Mitternachtssonne taucht alles in ein magisches Licht. Zwei Fischer tuckern vorbei, grüßen freundlich, auch sie haben es sich mit einem Käffchen an Deck in der Sonne bequem gemacht. Um 4.00 Uhr sind wir fest im verschlafenen Städtchen Hammerfest.
Und um 6.00 Uhr kommt plötzlich viel Leben in den Hafen: Wassertaxis bringen hunderte von Arbeitern zur Großbaustelle auf der vorgelagerten Insel Melköy. Hier entsteht der Anlandungsterminal für die Gasvorkommen in der Barentsee, 55 Milliarden Kronen werden investiert, 1400 Leute arbeiten dort, die Wassertaxis fahren alle 10 Minuten zur Baustelle. Das wir auf ihrem Anlegeplatz liegen stört nicht weiter, Zeit für einen kleinen Umweg haben sie. Solche Großprojekte ändern erstmal nichts an der ortsüblichen Gelassenheit.
Nach diversen nötigen Erledigungen in der Zivilisation legen wir um 14.00 Uhr ab, fahren an der Großbaustelle vorbei und können im Söröysund Segel setzen. Wir kreuzen nordostwärts, später abends treiben wir nur noch mit wechselnden schwachen Winden. Gerd fängt in der Flaute einen Dorsch von 1,20 Meter Länge! Wiegen ist leider mit Bordmitteln nicht möglich.

Mittwoch, 2. Juli
Die Mitternachtssonne wird uns heute durch ein nebeliges Schauspiel verschönert: Von See her schieben sich dichte, weisse Nebelbänke in die Sunde und Fjorde. Wie ein Gletscher umfliessen sie die Inseln, deren Gipfel aus dem Nebel herausragen. Manchmal werden sie auch sanft und durchscheinend eingehüllt oder der Nebel steigt an der Luvseite einer Insel empor und wird dann von den Sonnenstrahlen aufgelöst. Währenddessen segeln wir langsam im Sonnenschein und Eissturmvögel umlauern das Schiff in der Hoffnung auf Fischabfälle. Dabei gackern sie genau wie Hühner, die ein Ei gelegt haben. Um 4.00 Uhr tasten wir uns vorsichtig durch Nebelschwaden in eine Ankerbucht an der Südküste der Insel Rolvsöya. Hier wollen wir auf Wind warten.
Nach dem Frühstück kommt Nordwind auf und um 9.00 Uhr setzen wir Segel. Kreuzend arbeiten wir uns nach Norden, vorbei an den Inseln Havöy und Hjelmsöy, fasziniert vom Schauspiel der Nebelbänke rings um die baumlosen, felsigen Inseln. Nun ist das Nordkapp nicht mehr weit entfernt! Aber der Wind weht aus Nordost, genau von vorne…

Donnerstag, 3. Juli
Langsam und mühsam kreuzen wir gen Norden, vorbei am größten Vogelfelsen Europas, dem Storstappen, der eine Million Brutpaare beherbergt. Um uns her fliegen und tauchen Basstölpel, Alke, Teisten, Papageientaucher und ein Zwergwal wird auch gesichtet. Um 5.00 ist der nördlichste Punkt Europas, der Knivskjellodden, nur noch 2 Seemeilen entfernt, aber der Wind nimmt ständig ab und die Kabbelsee um uns wird schlimmer. Egal, wir wollen unbedingt unter Segeln um den Knivskellodden und ums Nordkap, das 2 Seemeilen weiter ostsüdöstlich liegt. Mit allen Tricks „tragen“ wir die Petrine durch die Wende und um Viertel vor acht haben wir es beinahe geschafft, es fehlen nur wenige hundert Meter, also noch eine Wende: Ruder hart Backbord, Besan back halten, Vorsegel loswerfen, Besan noch weiter herumdrücken, Vorsegel back drücken, es nützt nichts, die Wellen sind stärker, der Wind und wir zu schwach. Und der Knivskjellodden mittlerweile viel zu nah! Also Maschine starten. Aber die Maschine macht nur einmal müde „wopp“ und fällt in Tiefschlaf zurück. Europas nördlichster Felsen, an den wir uns viele Stunden herangekreuzt haben, erscheint plötzlich viel zu groß, zu nah und zu bedrohlich. Wenn er doch bloss weit weg wäre oder sich in Luft auflöste! Tut er nicht, dafür springt die Maschine aber im zweiten Versuch an und wir drehen in Steinwurfweite nach Norden ab. Ausreichend frei vom Felsen, bringen wir die Segel wieder an den Wind, stoppen die Maschine und peilen das Nordkapp an. Es liegt gut sichtbar mit Weltkugel und Panoramahalle nur noch 2 Seemeilen entfernt. Alle werden aus den Kojen geholt, wir machen ein paar schöne Fotos von Nordkapp und Knivskjellodden und segeln nach Norden, um diesmal genügend Seeraum zu haben. Einmal wenden wir noch unter Anwendung aller Tricks – dann schläft der Wind völlig ein. Wir dümpeln in der Kabbelsee, verfrühstücken erstmal feierlich und gut gelaunt die frisch gebackenen Nordkappbrötchen und den vorbereiteten Nordkappkuchen. Derweil zieht dichter Nebel auf und eine fiese Strömung versetzt uns südwärts, auf Europas nördlichsten Felsen zu. Den kennen wir schon, da wollen wir auf keinen Fall noch mal hin! Also wird die Maschine gestartet, die Segel werden geborgen und dann gehen außer der Wache alle wieder in die Kojen. Um 10.00 Uhr knattern wir im Nebel am Nordkapp vorbei. Auf dem Radar ist es gut zu erkenen.
11.00 Uhr sind wir fest in Skarsvaag. Alles, was es hier gibt, ist „das nördlichste der Welt“, oder wenigstens Europas. Uns kümmert das nicht mehr so sehr, wir wissen jetzt, dass diese nördlichsten Dinge auch bedrohlich nah rücken können. Wir ruhen uns von den Abenteuern der letzten beiden Tage aus und heizen abends die Sauna. Die nördlichste Sauna Europas!

Freitag, 4. Juli
9.00 Los in Skarsvaag, von der Pier der freundlichsten – und übrigens auch nördlichsten – Fischverarbeitung der Welt. Hier haben wir Liegeplatz, Strom, Wasser, eine Mütze, Besichtigung und sogar ein Auto geliehen bekommen. Auf See treffen wir auf schwachen Ostwind und Kabbelsee. Segel hoch, wir kreuzen auf in Richtung Nordkinn, dem nördlichsten Felsen des europäischen Festlands. Wir wollen unter Segeln rum!

Samstag, 5. Juli
Um 2.30 Uhr machen wir in Kjöllefjord fest, ein kleines arktisches Städtchen zwischen barschen Felsklippen und Geröllfeldern und mit gepflegten bunten Häuschen. Ans Nordkinn war nicht zu denken; 15 Stunden sind wir gegen schwachen Nordostwind gekreuzt, haben dann mit Maschine die letzten 12 Meilen nach Kjöllefjord zurückgelegt. Tagsüber gehen wir spazieren in karger Tundralandschaft oder in einem zugewachsenen Flusstal, von den Einheimischen liebevoll „Wald“ genannt. Wundervoll ruhig, wohlriechend und klar ist es hier, besonders bei diesem windstillen, bedeckten Himmel. Um 15.00 Uhr setzen wir Segel im Hafen und gleiten gemächlich fjordauswärts. Es empfängt uns der immergleiche schwache Nordostwind. Also kreuzen wir.

Sonntag, 6. Juli
Wir fahren ein paar Stunden mit Maschine, um die Nordkinn-Halbinsel zu passieren und segeln dann hoch am Wind in den Tanafjord hinein. Nach ein paar Kreuzschlägen ums Tanahorn machen wir um 14.40 Uhr in Berlevaag fest. Es ist windstill, es nieselt, es ist kalt. Die Spaziergänge durch den Ort fallen kurz aus, die Auszeiten in der Koje oder beim Lesen und Kuchenessen im Salon dauern entsprechend länger.

Montag, 7. Juli
Morgens um 7.00 Uhr weht ein leichter Nordwest in Berlevaag. Außerdem hat es aufgehört zu regnen. Um 9.00 Uhr legen wir ab und treffen vor dem Hafen auf eine Dünung aus Nordost in der wir heftig herumschaukeln. An Segeln ist dabei nicht zu denken. So freuen wir uns an der felsigen Küste der Varangerhalbinsel. Die Lofoten sehen aus, als seien sie soeben erst erschaffen worden; hier an der Varangerküste könnte man meinen, die Landschaft sei noch ganz unfertig, es sei nur erstmal das Material herangeschafft worden. Um 14.00 Uhr fahren wir in den Syltefjord und stoppen die Maschine zum Angeln. Rasch kommt ein Abendessen zusammen und hier können wir Segel setzen und ganz bis zum Ende des Fjords segeln. An der Mündung des Sylteford-Flusses fällt der Anker. Hier gibt es nur eine samische Sommersiedlung, Rentiere und ein paar Ferienhäuser. Im Winter wohnt hier niemand und das wundert uns auch nicht.

Dienstag, 8. Juli
Den Vormittag nutzen wir, bei strahlendem Sonnenschein in der endlosen arktischen Heidelandschaft umherzulaufen. Kleine Wildbäche haben tiefe Canyons in die Bergrücken gegraben, bis zum Fjord herunter gibt es überall Schneefelder und die einzigen Geräusche in dieser Einsamkeit sind das Vogelzwitschern und das Säuseln des Windes, der über Steine und Wacholder streicht.
Nachmittags gehen wir Anker auf und tuckern aus dem Fjord hinaus, noch einmal vorbei am großartigen Vogelfelsen Syltestraumen mit hunderttausenden von Brutpaaren. Die Sonne scheint, es weht ein frischer Wind, leider aus Südosten, sodass wir wieder kreuzen können. Aber es ist ein angenehmes Kreuzen in ruhiger See, beschienen von der Sonne bis nach Mitternacht. Aber auch die Sonne kann die Luft heute nicht über 5 Grad erwärmen. Es ist schneidend kalt, aber wunderschön mit der blauen See, den braunen und grünen Bergen, den vielen Luftspiegelungen um uns herum.

Mittwoch, 9. Juli
Morgens um 6.30 Uhr machen wir in Vardö fest, der östlichsten Stadt Norwegens, Ausgangs- und Endpunkt vieler Polarexpeditionen. Ein riesengroßer Hafen zwischen 2 Inseln mit bunten Häuschen, einer Festungsanlage aus dem 18. Jahrhundert und einer riesigen Richtfunkantenne aus dem 20. Jahrhundert, denn hier war die einzige direkte Grenze zwischen Sowjetunion und NATO. Hafen, Festung und Lauschanlage haben alle ihre gute Zeit hinter sich und das merkt man leider auch den bunten Häuschen an. Die Einwohnerzahl von Vardö ist in den letzten 10 Jahren um ein Drittel zurückgegangen, wie in so vielen Fischersiedlungen an der Finnmarksküste. Heute aber scheint die Sonne, viele Leute sind unterwegs und wir mischen uns drunter. Der Sonnenschein wärmt die Stadt auf, sodass wir heute auf Mütze und Mantel verzichten können. Aber sobald man auf den Hügeln ringsum im schneidend kalten Ostwind steht, frieren einem die Ohren ab. Es herrscht reges Interesse an der Petrine; wir werden interviewt, fotografiert und gefilmt. Um 15.00 Uhr legen wir ab und stampfen uns gegen hohe Wellen frei von der Insel. Dann geht es südwestwärts über den Varangerfjord mit raumem Wind. Zum ersten mal seit 4 Wochen segeln wir nicht hoch am Wind! Einigen bekommt der ungewohnte Kurs bei 2 Meter Welle nicht besonders gut…

Donnerstag, 10. Juli
Um 2.00 Uhr fällt der Anker in einer engen Bucht, von hohen Felsen umgeben. Wir schlafen aus, wir frühstücken lange, einige erkunden trotz Nieselregen die Berge ringsum, die meisten lesen. Abends kommt dann die Sonne raus und nach der Sauna springen wir ins klare, kalte Wasser in einer sonnengefluteten, wunderschönen Ankerbucht.

Freitag, 11. Juli
Um 6.00 Uhr gehen wir Anker auf. Bei leichtem Nordwind, wolkenlosem Himmel und kräftigem Sonnenschein segeln wir gemütlich die letzten Meilen nach Kirkenes. Es waren wunderschöne 7 Wochen, überaus begünstigt vom schönen Wetter und von der tollen Stimmung an Bord während der ganzen Zeit, vom Start morgens um 4.00 Uhr im nebeligen Hirtshals bis zur sonnigen, warmen Ankunft in Kirkenes. Um 10.00 Uhr sind wir fest. Alle Mitsegler und das Schiff sind sicher angekommen. Die Heimreisenden verlassen uns um 13.00 Uhr mit Mietwagen in Richtung Rovaniemi, Finnland.

Die Norwegenreise ist zu Ende. Das macht ein bisschen wehmütig. So, als habe man ein besonders schönes Buch ausgelesen.

Russische Arktis: Unberührte Natur, freundliche Menschen.

Sonntag, 13. Juli
Um 19.00 Uhr treffen die Russlandreisenden aus Deutschland und Mikhail Tigishkin, unser Dolmetscher und Reiseführer aus Petrozavodsk, in Kirkenes an Bord der Petrine ein. Nach Sicherheitseinweisung und Wacheinteilung legen wir um 21.20 Uhr bei strömendem regen ab. Norwegen macht uns also nach dem vielen Sonnenschein der vergangenen Tage den Abschied etwas leichter. Um 23.00 Uhr verlassen wir die diesigen Fjorde und bei frischem, achterlichen Nordwest können wir sogleich Segel setzen. Der Regen bleibt in den Fjorden zurueck.

Montag, 14. Juli
Um 4.30 Uhr überquert Petrine zum zweiten mal die norwegisch-russische Seegrenze. In strahlendem Sonnenschein, bei mal schwachem, mal frischem Nordwestwind segeln wir die Außenküste der Rybatschi-Halbinsel entlang. Reges Interesse von mehreren Küstenwachschiffen, einem U-Boot und den Küstenfunkstellen begeleitet uns. Es ist ein freundliches, höchstens teilweise ein dienstliches Interesse. Um 23.00 Uhr segeln wir in den Kol-Fjord. Nun sind es noch 25 Meilen bis Murmansk.

Dienstag, 15. Juli
In der Mitternachtsflaute werden ein paar Seelachse gefangen, dann starten wir die Maschine und nehmen einen Lotsen an Bord. Dieser führt uns sicher vorbei an den Städten Poljarnyi und Seweromorsk, vorbei an der imposanten russischen Atom-Eisbrecherflotte und um 10.30 hiesiger Zeit machen wir in Murmansk fest. Die Zoll- und Einreiseformalitäten dauern eine gute Stunde. Nun könen wir uns frei an Land bewegen. Heute ist es warm in Murmansk, 20 Grad, und nach all der Natur auch ungewohnt stickig. Um Mitternacht spiegelt sich die knallrote Sonne in den Fenstern der Plattenbauten. Diese Stadt schläft anscheinend im Sommer nicht: Überall sind Menschen auf den Straßen unterwegs.

Mittwoch, 16. Juli
30 Grad heiß wird es heute in Murmansk. Wir kaufen ein in der Stadt, vor allem reichlich Obst und Gemüse auf dem Markt. Um 21.30 Uhr kommt der Lotse an Bord und bei leichtem Gegenwind motoren wir aus dem Kolafjord heraus.

Donnerstag, 17. Juli
Um 2.00 Uhr fahren wir auf die Bartentssee hinaus eine Stunde später setzen wir in auffrischendem Nordwind die Segel. Im Sund zwischen Festland und der Insel Kildrin überraschen uns heftige Gewitterböen. Während wir noch Fock und Grossegel bergen, reisst das Besansegel auf 3 Meter Länge. In diesen Schauerbön, morgens um 5.00 Uhr, bei Sauwetter und schlechter Sicht, kommt uns eine Segelyacht entgegen. Der Murmansker Segelclub nutzt die kurze Sommersaison für eine kleine Regatta in der Barentssee. Nach Passage des Kildrinsundes klart es auf und bei leichtem Südwind setzen wir Segel, soweit sie ganz geblieben sind. Und wir nähen den Besan, der zum Glück entlang einer Naht gerissen ist. In den Abendstunden segeln wir wieder mit allen 7 Segeln und bei schöner ruhiger See vor der felsigen Fjordküste der Halbinsel Kola.

Freitag, 18. Juli
In den frühen Morgenstunden werden die ersten Belugawale gesehen, die uns in den kommenden Tagen häufig begleiten werden. Dank der ruhigen See sind die schneeweißen Walrücken und manchmal auch die Schnauzen gut zu erkennen. Den ganzen Tag segeln wir mit langsamer Fahrt. Vorbei an den Inseln Kharlov, Litiskiy und Vitte, vorbei an den Kaps Chernyy, Chegodajew und Swjatov Nos, vorbei an den Mündungen der Flüsse Rynda, Warzina und Iokanga. Die Sonne scheint und das Thermometer zeigt knapp über 10 Grad. Arktischer Sommer. Immer wieder schauen wir mit Ferngläsern in die Fjorde hinein und versuchen, Einzelheiten an der verbotenen Küste auszumachen. Umgekehrt werden wir immer wieder von neugierigen Kegelrobben beobachtet, die Kopf und Hals hoch aus der See recken.

Samstag, 19. Juli
Kurz nach Mitternacht verschwindet die Sonne knapp überm Horizont in einer nördliochen Wolkenbank. So bleibt uns heute die letzte Bestätigung erspart. Umfangreiche astronomische Berechnungen legen dennoch nahe: Wir haben das Land der Mitternachtssonne verlassen, dort im Norden verschwinden zumindest Teile der Sonne für ein bis zwei Stunden hinter der Kimm. Um 4.00 Uhr morgens schläft der Rest der Flaute ein. Wir bergen die Segel und fahren mit Maschine durch Sonnenschein und Windstille. Am frühen Nachmittag weht uns ein auffrischender Südwind entgegen. Mikhail nutzt widrige Winde und Gezeitenströme, um der Küstenwache zu verdeutlichen, dass wir die Ankerbucht bei Kap Tersko-Orlowski anlaufen müssen. Sie sind einverstanden! Landgang? Ebenfalls erlaubt! Um 16.20 fällt der Anker in der wunderschönen, felsigen, sonnigen Bucht. Vor 3 Jahren hatten wir hier Lachsfischer getroffen, deren Hütten jetzt verlassen am Hang auf der bunten, blühenden Blumenwiese stehen. Das Beiboot bringt alle an Land und wir entdecken auf ausgedehnten Spaziergängen Moose, Blumen und Flechten, Sandregenpfeiffer, Schneehuhn und Schwärme von Gryllteisten. Wir schlagen große Stücke Amethyst-Quarz aus den Granitfelsen. In einer Felsschlucht sprüht ein Wasserfall eisiges Schmelzwasser in die Sonnenstrahlen. Es glitzert, glänzt und funkelt und quer durch die Bucht schwebt ein Regenbogen. Satt von solchen Bildern und der Ruhe in der endlosen Tundra kehren bis 22.00 Uhr alle wohlbehalten an Bord der Petrine zurück. Einige besonders vorwitzige Wanderer hatten den Kommandanten des nahegelegenen Militärstützpunktes mit vorgehaltener Videokamera in seiner Haustür erschreckt. Nach der ersten Überraschung – die Küstenwache hatte ihm nichts vom ankernden Segelschiff erzählt – lud er sie zum Kaffee ein und begleitete sie dann zurück zur Bucht, um sich vor Ort im klärenden Gespräch mit dem Kapitän von unseren Absichten zu überzeugen: Die Arme des Kommandanten wedeln fragend in mehrere Richtungen. Kapitän: „Arkhangelsk!“. Kommandant freut sich: „Karascho!“ Kapitän übersetzt Redeschwall und Lächeln des Kommandanten mit „Gute Reise!“ und wünscht seinerseits „Gute Wache!“ Dann stapft der Kommandant den Felshang hinauf und der Kapitän schliddert übern Seetang zu seinem Beiboot zurück.

Sonntag, 20. Juli
Keine Wolke am nördlichen Himmel. Was gestern noch schamhaft verhüllt wurde, was wochenlang nicht geschah und uns irgendwann auch als Gedanke nicht mehr beschäftigte, vollzieht sich jetzt vor aller Augen, deutlich sichtbar und nicht zu leugnen: Die Sonne geht unter. Gott sei dank geht sie um 2.00 Uhr wieder auf. Nach langem Sonntagsmorgenfrühstück gehen wir um 12.00 Uhr bei günstiger Tide Anker auf und segeln mit Südwestwind aus der unvergesslichen Tersko-Orlowski-Bucht. Südwärts kreuzen wir gegen auffrischenden Wind zur Mündung des Flusses Ponoy. Unaufgefordert kommt die Erlaubnis der Küstenwache, in der Mündung des Flusses bei der dortigen Militärstation festzumachen. Aber bei diesen Windverhältnissen ist es leider unmöglich, die Fahrrinne durch die vorgelagerte Barre zu finden. Stattdessen wollen wir hoch am Wind mit Kurs Südost über die Orlovskaja-Salma, die Meerenge zwischen Barentssee und Weißem Meer, zur Bucht von Mezen segeln. 40 Meilen und im Laufe des Nachmittags bläst der Südwestwind mit 6 bis 7 Beaufort. Um 18.35 Uhr fliegt uns das Großegel um die Ohren. Das Schothorn ist irreparabel gerissen, aber als gerefftes Segel können wir das Groß sogleich wieder setzen. Durch Schaden klug geworden, reffen wir auch den Besan. Trotzdem reisst er eine Stunde später am Reff-Schothorn auf 50 cm Länge. Sofort wird er geborgen und mit gerefftem Groß und Fock laufen wir hoch am Wind mit 6 Knoten auf den Windschutz an der Abramowski-Küste zu.
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Montag, 21. Juli
Um 1.35 fällt der Anker auf 10 Meter Wassertiefe vor der 20 Meter hohen Steilküste des menschenleeren Abramowski Bereg. 42 Grad 25 Minuten östlicher Länge, derselbe Längengrad wie Bagdad. Wir gehen keine Ankerwache, sondern die Deckswachen arbeiten weiter bis zum Frühstück. Auf den Besan wird ein großzügiger Flicken genäht. Ein neues Großsegel wird angeschlagen. Bis zum Frühstück sind alle Segel wieder klar, das alte Großsegel weggestaut, der verwüstete Salon aufgeklart und Butter-Mohnzopf gebacken. Mittlerweile weht es mit Sturmstärke, die ganze See ist weiß und an Deck kann man sich nur mühsam verständigen. An Weitersegeln ist nicht zu denken; außer der Ankerwache verziehen sich alle in die Kojen. Um 13.00 Uhr hat der Sturm abgeflaut. Barometer und aufziehender Nebel verheißen ruhigeres Wetter. Wir gehen Anker auf und verlassen den östlichsten Ankerplatz, den die Petrine je gesehen hat. Die Küste bleibt unerforscht und rätselhaft, denn im Sturm war an Landgang nicht zu denken. Ein gewaltig breiter, endlos langer Sandstrand, ein überaus aktives Kliff, das Hochland von Moosen und Flechten bewachsen. Hier wohnen die Nenets, Tundranomaden, die jagen und Rentiere züchten. In regelmäßigen Abständen von mehreren Kilometern stehen kleine Jagdhütten auf dem Kliff. Mikhail sagt, sie seien transportabel gebaut und könnten jeden Herbst vor dem abstürzenden Kliff weiter landeinwärts getragen werden.
Wir setzen alle Segel und machen 3 bis 4 Knoten Fahrt auf Südwestkurs. Sehr ruhige Fahrt bei sehr ruhiger See.

Dienstag, 22. Juli
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Werner! Werner Laube wird heute 59 und kriegt die Hundewache von Mitternacht bis 4 Uhr frei, damit wir das zerrissene Segeltuch für ihn bemalen können. Bis zum Frühstück werden Brötchen und Kuchen gebacken und der Salon festlich geschmückt. Den ganzen Tag segeln wir unter vollen Segeln und mit rauschender Fahrt den Zimnaya Bereg (Winterküste) entlang. Als die Sicht besser wird, bietet die Küste einen ungewohnten Anblick: Bäume! Südlich des Polarkreises haben wir also die Baumgrenze überquert und an Land zeigt sich endloser Fichtenwald. Taigavegetation, unterbrochen von kleinen Holzhausdörfern an den Mündungen der Flüsse. Um 19.00 Uhr gehen wir vor der Nordansteuerung des Dwinadeltas zu Anker. Das Echolot zeigt 18 Grad Wassertemperatur. Süßwasser! Nach einer Woche verschärften Wassersparens springen viele ins moorbraune Wasser, sichern sich an einer Leine und lassen sich vom frischen, stark strömenden Wasser sauberspülen. Um 21.15 Uhr kommt der Lotse für Arkhangelsk an Bord, schon reichlich schief geladen. Nach kurzer Zeit entdeckt er unseren Biervorrat, leert zügig Flasche auf Flasche und lotst uns sicher das Delta der Sewernaja Dwina hinauf, obwohl seine Knie gelegentlich den Dienst versagen. Schilfinseln, Fichtenwälder und Holzhäuser säumen das Ufer. In der Dämmerung wird Heu auf Flöße verladen.

Mittwoch, 23. Juli
Um 1.00 Uhr ist Petrine fest in Arkhangelsk an einer Verladepier für Frachtschiffe, 30 km vom Stadtzentrum entfernt, von Millionen Mücken umschwärmt. Küstenwache, Grenzpolzei und Hafenbehörde warten schon und bleiben unbeeindruckt, als der Lotse an ihnen vorbei an Land getragen wird. Eine Stunde später sind alle Formalitäten erledigt und, was noch wichtiger ist, das Schiff mit Räucherspiralen und Moskitonetzen einigermassen mückensicher gemacht. Um 10.30 Uhr kommt ein gut gelaunter, freundlicher, perfekt englischsprechender, kompetenter Lotse an Bord. Dank Mikhails Bemühungen bekommen wir einen Liegeplatz im Stadtzentrum! Wir tuckern in feinstem Sonnenschein, Temperatur um 20 Grad, das Dwinadelta flussaufwärts. An den Ufern Sägewerke aus allen Jahrzehnten und Jahrhunderten, auf dem Fluss riesige Felder von geflößten Fichtenstämmen, auf denen die Flößer solide Hütten gebaut haben. Immer wieder sehen wir kleine Siedlungen am Ufer, Holzhäuser auf blumenübersäten Wiesen. Manche Holzhäuser sind so schön, dass man sofort dort wohnen möchte, manche sind so verfallen, dass sie als Stall nicht mehr zu gebrauchen wären. Seit vielen Jahrhunderten werden hier riesige Mengen Holz gesägt. Die Abfälle der Sägewerke, unbrauchbare Stämme, Sägemehl vor allem, Holzpiers und Holzstapel, sind an den Uferabbrüchen wie Sedimentschichten erkennbar und geben offenbar einen ausgezeichneten Boden für Gartenbau ab. Um 13.30 Uhr machen wir an der Uferpromenade von Arkhangelsk fest. heute ist ein sehr warmer Sommersonnenurlaubstag. Die Parks der Stadt und die Uferpromenade sind voller Menschen und unternehmungslustig gesellen wir uns hinzu.

24. Juli, Donnerstag
Heute ist es brüllend heiß in Arkhangelsk, knapp 30 Grad. Vormittags werden wir von einer ortskundigen, bestens deutsch sprechenden Professorin durch die Stadtgeschichte und zu den Sehenswürdigkeiten geführt. Arkhangelsk ist im Gegensatz zu Murmansk eine gewachsene Stadt mit teilweise historischer Bausubstanz, „berühmten Söhnen“ und Wurzeln, die über 1000 Jahre zurückreichen. Das schönste aber ist die Lage der Stadt: Im Rücken die endlosen Taigawälder, voraus die schilfumrankten Wieseninseln im Dwinadelta. Abends um halb 10 verlassen wir mit viel Gewinke den gastlichen Liegeplatz. Unser Lotse ist 70 Jahre alt, segelt in seiner Freizeit und ist überhaupt Seebär durch und durch. Stolz erzählt er, wie er vor 3 Jahren mit der Sedov, dem größten Segelschiff der Welt, bis 50 Meter vor die Pier gesegelt ist. Wir lassen uns nicht lange bitten und setzen bei minimalem Wind alle Segel. Bei 2 Knoten Fahrt springt der Lotse munter hin und her, zerrt an den Schoten und zwingt über Funk den entgegenkommenden Verkehr zu ungewöhnlichen Manövern, damit wir im Hauptfahrwasser optimalen Kurs auf der Gegenspur halten können.

25. Juli, Freitag
Um 4.00 Uhr verabschiedet sich unser Lotse, freudestrahlend und mit glänzenden Augen. Wir tuckern ein paar Stunden bei Sonnenschein gegen leichten Westwind. Nach dem Frühstück werden wieder alle Segel gesetzt und bei langsamer Fahrt, strahlend blauem Himmel und wärmender Sonne verleben wir einen richtig entspannten Urlaubstag mit ausgiebigen Badepausen.

26. Juli, Samstag
Auch durch die taghelle Nacht können wir segeln, hoch am Wind und mit zunehmender Fahrt. Die Sonne verschwindet inzwischen für 4 Stunden unter dem Horizont, aber dunkel wird es deswegen nicht. Vormittags können wir die Höhe nicht mehr laufen und fahren mit Maschine zu einer karibikblauen Ankerbucht, umgeben von Sandstrand und Dünen. Auf der Klosterinsel Anzerski sind Touristen eigentlich unerwünscht, aber dank Mikhails freundlichem Auftreten bei den Mönchen dürfen wir die Klosterruinen besichtigen, mit deren Wiederaufbau die Mönche vor 3 Jahren begonnen haben. Anzerski war in den dreißiger Jahren Teil des Konzentrationslagers auf den Solowetzki-Inseln. Viele tausend tote Gefangene wurden ringsum im Wald verscharrt; schon bei der Gartenarbeit stossen die Mönche auf menschliche Knochen. Nach Ende der Stalinzeit und Auflösung des Lagers waren alle Gebäude zerstört und die Inseln unbewohnt. 1999 gründete die orthodoxe Kirche das Kloster neu und begann mit dem Wiederaufbau. In 3 Jahren haben 10 Mönche und viele Helfer bereits beeindruckendes geleistet. Die ganze Insel mit ihrer wunderschönen Natur, den zauberhaften Seen und Wäldern und den vielen Sakralbauten ist wie von einem Zauber erfüllt. Wir laufen lange durch den Wald auf kaum erkennbaren Pfaden und bis nach Mitternacht brennt ein munteres Lagerfeuer am Strand. Treibholz liegt hier überall herum.

27. Juli, Sonntag
Um 2.15 Uhr gehen wir Anker auf, segeln und motoren durch Nacht- und Morgenstunden bis wir um 9.00 Uhr direkt vor dem 500 Jahre alten Solowetzki-Kloster festmachen. Was für ein Anblick: Meterdicke Festungsmauern um einen riesigen Gebäudekomplex mit vielen Kirchen und Wohngebäuden über denen zahlreiche schindelgedeckte Zwiebeltürmchen in den strahlend blauen Himmel ragen. Es wird ein herrlicher Sommer-Sonnentag mit umfangreichem Kultur- und Badeprogramm. Den Abend verbringen wir in einer Sauna mitten im Wald. Sauna und Badesteg sind ständig belegt und zur Abkühlung lassen wir uns in einen kleinen Waldsee fallen.
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28. Juli, Montag
Um Mittag legen wir ab und unter Maschine legen wir die letzten 40 Meilen übers windstille Weiße Meer zurück. Morgens um 9.30 Uhr fährt Petrine zum zweiten mal in die Seeschleuse des Onego-Weißmeer-Kanals ein. Im Kanal machen wir vor dem Büro fest und erhalten denkbar schlechte Nachrichten: Es ist kein Lotse für uns verfügbar, vorläufig müssen wir hierbleiben. Wir erledigen erstmal ein paar nützliche Dinge, wie Wäschewaschen und Deckspülen mit Süßwasser, überdenken derweil unsere Lage und planen den morgigen Ausflug zu den einmaligen Felszeichnungen von Salawruga.

29. Juli, Dienstag
Nach dem Frühstück fährt fast die ganze Gruppe mit umfangreicher Ausrüstung zur Dokumentation zu den Felszeichnungen. Am Nachmittag wird eine kreative Lösung des Lotsenproblems gefunden: Morgen früh um 7 Uhr soll es losegehen. Wenn keine technischen Probleme auftauchen. Die Eisenbahnbrücke über den Kanal, die uns bereits im Jahr 2000  wegen Starkwind aufgehalten hat, kann nämlich bei Temperaturen über 25 Grad nicht öffnen. Heute ist es brüllend heiß in Belomorsk, 30 Grad etwa, und für morgen verspricht der Wetterbericht das Gleiche.

30. Juli, Mittwoch
Ein wunderschöner sonniger Morgen, das Schiff ist über die Toppen geflaggt, an Bord wird gesungen und gestrahlt, denn heute hat der Kaeptn Geburtstag. Nach dem festlichen Frühstück gibt’s auch Glückwünsche von der Kanalbehörde und als ganz besonderes Geschenk öffnet die Eisenbahnbrücke heute für uns. Die Reise kann also weitergehen, was bis gestern nachmittag absolut nicht so aussah! In brüllender Hitze schleusen wir uns höher und höher den Wyg-Fluss hinauf. Nachmittags machen wir eine Pause für Kaffee und Kuchen und vor allem zum ausgiebigen Baden. Selbst das Wasser hat 25 Grad. Abends suchen wir uns ein gemütliches Plätzchen auf einer kleinen Insel zum Grillen und Feuermachen. Das Feuer brennt bereits, Essen und Getränke sind bereits auf die Insel geschafft, da haben wir die Idee, mit der Petrine noch ein wenig näher an die Insel heranzufahren. Keine 10 Minuten sind wir unterwegs, da laufen wir auf Grund. Bei dem warmen Wasser ist das erkunden der näheren Umgebung ja kein Problem und bald wird klar, dass wir eine Chance haben, aus eigener Kraft freizukommen. Ein Anker wird ausgebracht mit 50 Meter Kette, das Grossegel wird gesetzt und Mikhail und der Käptn räumen den Seeboden auf: Alle gefährlichen Steine werden aus dem Schraubenbereich weggeräumt. Nach dreieinhalb Stunden ist die Petrine wieder frei von allen Untiefen. Es ist kurz vor Mitternacht, alles Fleisch auf der Insel wurde, soweit nicht aufgegessen, fertig gegrillt auf heißen Steinen. So endet der schöne Geburtstag nach erfolgreicher Arbeit mit einem gemütlichen Festessen an Deck.

31. Juli, Donnerstag
Leider kommt der Wind heute wieder hartnäckig von vorne und wir können nicht segeln. Mittags machen wir eine Pause in Nadwojice am nördlichen Ufer des Wyg-Sees. Die Stadt hat teilweise mediterranes Flair mit schöner Architektur, teilweise stehen Plattenbauten übelster Sorte rings um eine Aluminiumhütte gleicher Qualität. Abends auf dem Wyg-See kommt es zum größten Treffen traditioneller Segelschiffe in der Geschichte des Weißmeerkanals: Drei karelische Lodyas und ein Segelschiff aus dem östlichen Mittelmeer kommen uns entgegen und wir gehen alle längsseits zum wechselseitigen Besichtigen. Nach einer turbulenten Stunde löst sich die Versammlung wieder auf und die Petrine knattert weiter südwärts über den völlig windstillen Wyg-See, auf dem sich doch sonst so schön segeln ließe. Um 23.30 fällt der Anker am südlichen Seeufer.

1. August, Freitag
Während der morgendlichen Fahrt durch die Terekinka, zeigt uns Lotse Vladimir die Überreste des größten Lagers für die Gefangenen, die zum Bau des Kanals aus allen Teilen der Sowjetunion herangeschafft wurden. Allein hier in der Gegend liegen etwa 30.000 Menschen im Wald verscharrt. Insgesamt verhungerten und erfroren beim Bau des Weißmeerkanals in anderthalb Jahren 100.000 Menschen. Wer die Tagesnorm nicht schaffte, bekam abends nichts zu essen und schaffte so natürlich auch am kommenden Tag nicht die Arbeitsnorm.
Nach dem mittäglichen Bad in warmem Seewasser, bei Lufttemperatur über 30 Grad, beschließen wir, heute noch alle Schleusen bis herunter zum Onegosee zu durchfahren. Um 23.00 Uhr schwimmt Petrine im zweitgrößten europäischen Binnensee. Wir machen kurz im Hafen von Povenets fest, um Diesel zu bunkern.

2. August, Samstag
Gleich nach Mitternacht geht’s weiter, südwärts über den windstillen Onego. Bei brüllender Hitze machen wir mittags auf der Insel Kizhi fest, einst Zentrum eines wohlhabenden Inselarchipels, heute Freilichtmuseum und wichtigste Touristenattraktion in ganz Karelien. Jeden Tag kommen 5 bis 10 Hotelschiffe aus St. Petersburg und Moskau hier an. Trotz dieses Rummels, der sich glücklicherweise auf die Südspitze der Insel beschränkt, gibt es wunderschöne Dörfchen, Badestrände und blühende Wiesen auf der ganze Insel. Wir bleiben bis zum Abend, dann tuckern wir südwärts durch die schärenartige Inselwelt. Es ist nun beinahe eine Woche, seitdem wir zuletzt Gelegenheit zum Segeln hatten.

3. August, Sonntag
Morgens um 3.30 Uhr machen wir in Petrozavodsk fest, Hauptstadt der Republik Karelien und Heimatstadt für mehr als die Hälfte der Bevölkerung Kareliens: 240.000 Menschen wohnen in der Stadt. Heute ist Sonntag, Hochsommer, und der wunderbare Onego lädt zum Baden ein.

Montag, 4. August
Den Tag in der Stadt nutzen wir für Besorgungen und Erledigungen aller Art. Abends gibt es einige unerfreuliche Besprechungen an Bord über das Lotsenthema und warum denn nun in Belomorsk kein Lotse für uns verfügbar war. Alles endet damit, dass wir um 22.30 Uhr ohne Lotsen ablegen und auf den Onegosee hinausfahren.

Dienstag, 5. August
Gleich nach Mitternacht setzen wir die Segel und mit achterlicher Brise geht es dem Ziel Bessow Nos entgegen. Bessow Nos ist ein Kap am Ostufer des Onego, inmitten endloser Wälder, mit einem alten Leuchtturm und vor allem mit vielen Felszeichnungen aus der Steinzeit, die hervorragend erhalten geblieben sind. Um 9.30 fällt dort der Anker, nah genug am Sandstrand, weit genug weg von den Mücken. Ab mittags sind alle an Land beschäftigt. Viele reiben die Felsbilder mit Grafit auf Zeitungspapier, andere wandern durch die Wälder, baden am Strand, liegen in der Sonne oder tun sich an den Blaubeeren gütlich. Am Abend machen wir ein Feuerchen am Strand und braten Fleisch und Gemüse auf heißen Steinen.

Mittwoch, 6. August
Am frühen Morgen startet eine Gruppe mit dem Beiboot zu einer Expedition zum Schwarzen Fluss. 30 Kilometer flussauf wohnt ein Freund, der sie vor 8 Jahren beherbergt und vom Dorf zum Kap geführt hat. Gegen Mittag erreichen sie das Dorf Karschewo, aber der Freund ist vor 3 Jahren gestorben. Seine Witwe erinnert sich an die Geschichte mit den Fremden, die über Nacht blieben und zu den Felsbildern wollten. Nach einem Besuch auf dem Friedhof sind alle bis abends wieder zurück an Bord der Petrine. Um 23.30 Uhr enden 2 wunderschöne Sommerurlaubstage am Kap Bessow Nos. Wir setzen Segel und hoch am Wind geht es südwärts über den Onego.

Donnerstag, 7. August
Nach einem sonnigen, nicht mehr ganz so heissen Segeltag machen wir um 17.40 Uhr in Vosnesene fest. Hier fließt der Swir aus dem Onego heraus und windet sich südwestwärts auf den Ladogasee zu. Hier sollte nun ein Lotse an Bord kommen, aber erstmal ist keiner zu finden. Spät am Abend steht fest: Der Lotse hat den Bus verpasst und sitzt irgendwo zwischen Petersburg und Vosnesene fest. Wir beschließen, ihn mit dem Taxi abzuholen, damit die Reise weitergehen kann.

Freitag, 8. August
Um 4.00 Uhr morgens kommt der Lotse an Bord, leider ohne Funkgerät und Seekarten. Niemand hatte ihm gesagt, dass er diese mitbringen sollte. So bleiben wir einen Tag und lernen ein sehr schönes russisches Dorf kennen. Liebevoll gepflegte Häuschen mit Gärten, sehr schön gelegen am Ufer des Flusses und am Onegosee. Um 20.00 Uhr sind Karten und Funke aus Petersburg eingetroffen. Wir legen ab und tuckern durch die Nacht auf dem Swir stromabwärts. Der viele Schiffsverkehr im engen gewundenen Fahrwasser sorgt dafür, dass uns nicht langweilig wird.

Samstag, 9. August
Um 5.00 Uhr ankern wir vor der Schleuse von Podporozhe und warten auf die gebuchte Brückenpassage um 10.00 Uhr. Um 8.00 gehen wir Anker auf, werden durchgeschleust und erhalten Order, erneut vor Anker zu gehen. Um 10.20 sollen wir wieder Anker auf gehen und warten, bis die Brücke für uns öffnet. Nach einer Stunde kommt die Anweisung, mit Vollgas flussabwärts zu fahren, da die Brücke bereits warte. Um 11.25 unterqueren wir unter allgemeinem Jubel die Eisenbahnbrücke in Podporozhe und fahren weiter auf dem Swir. Um 14.40 Uhr machen wir fest vor einer weiteren Schleuse, denn die dahinterliegende Eisenbahnbrücke wird erst morgen für uns öffnen.

Sonntag, 10. August
Heute erwartet uns ein ausgiebiges Frühstück im geschmückten Salon, denn Susanne hat heute Geburtstag. Nach Brötchen, Kuchen und Gesang haben wir noch viel Zeit bis zum Ablegen, denn es wiederholt sich die Brückenprozedur vom Vortag. Ab 12.30 Uhr geht es weiter den Swirfluss hinab, der sich malerisch durch die bewaldete Hügellandschaft windet und viele schöne Dörfchen erfreuen unsere Augen. Um 20.00 Uhr erreichen wir den Ladogasee und können dort alle Segel setzen. Durch sternenklare Nacht segeln wir mit 5 bis 7 Knoten Fahrt, abseits der Schiffahrtsstrasse und diese Nacht entschädigt für viele ungeöffnete Brücken.

Montag, 11. August
Um 11.30 Uhr fahren wir in die Newa, die vom Ladogasee zur Ostsee fließt. Bei starker mitlaufender Strömung passieren wir die Festung Schlüsselburg. Dann müssen wir am Flussufer festmachen, denn die Strassenbrücke öffnet montags nicht. Macht nicht so viel, einige nutzen den Tag zur Erholung, viele fahren mit dem Bus ins 30 km entfernte Sankt Petersburg, andere besichtigen die Festung.

Dienstag, 12. August
Ab 7.00 Uhr sind wir ablegeklar, um die Straßenbrücke zu passieren. Wir sollen warten und beinahe alle verlassen das Schiff, um mit dem Bus nach Petersburg zufahren und den Tag dort zu verbringen. Um 7.50 Uhr heißt es, die Brücke könne heute leider nicht öffnen. Unser Lotse fängt hektisch an zu telefonieren und meint, wir sollten trotzdem ablegen und zur Brücke fahren. Hinter der nächsten Flussbiegung sehen wir eine hochgeöffnete Brücke, mit kilometerlangen Staus zu beiden Seiten und können ohne Schwierigkeiten passieren. Niemand hatte uns informiert. Wir ankern bis zum frühen Nachmittag, passieren dann komplikationslos eine Eisenbahnbrücke und die Stromschnellen der Newa bei Iwanowski. Um 16.30 Uhr ankern wir vor den Brücken von Sankt Petersburg, die nachts ab 2.00 Uhr für den durchfahrenden Schiffsverkehr geöffnet werden.

Mittwoch, 13. August
Nachts um 1.30 Uhr beginnt unsere Durchfahrt durch die Brücken von Petersburg. Etwa 25 Frachtschiffe in jeder Richtung müssen in 3 Stunden die 8 geöffneten Brücken passieren. Bei starkem mitlaufenden Strom sausen wir mit bis zu 9 Knoten durch die hell beleuchtete Millionenstadt. Eine Brücke ist schöner als die andere, alle öffnen pünktlich auf die Minute und super professionell werden alle Passagen und Überholmanöver der 50 beteiligten Schiffe vereinbart. Um 3.30 Uhr passieren wir den Winterpalast und die Peter-Paul-Festung. Kurz vor 4.00 Uhr machen wir in der Großen Newa gleich hinter der Leutnant-Schmidt-Brücke fest. Den Tag verbringen alle in der Stadt verbringen und um 19.00 Uhr ist Termin mit dem Zoll. Das zieht sich alles bis 22.30 Uhr hin mit der Begründung, um 21.00 sei Schichtwechsel. Dann verlassen wir St. Petersburg und Russland mit Kurs West.

Donnerstag, 14. August
Nachts passieren wir die Festungsinsel Kronstadt bei dichtem Schiffsverkehr in engem Fahrwasser. Morgens können wir alle Segel setzen und zum Abschied gibt es einen herrlichen, entspannten Segeltag vor dem Wind. Wir passieren etliche russische Inseln und um 19.00 Uhr verlassen wir die russischen Hoheitsgewässer, manche mit Wehmut, aber dem Käptn fallen mehrere Steine vom Herzen.

Freitag, 15. August
Im ersten Morgengrauen um 5.00 Uhr legen wir vor Helsinki auf der Schäre Suomenlinna an. Uns empfaengt ein freundlicher Grenzer, leise Klaviermusik aus einem der Häuser und ein prächtiger Sonnenaufgang. Um 12.00 Uhr verholen wir ins Zentrum und alle schwärmen aus in die Stadt.

Eine Woche auf See: Zurück über die Ostsee.

Samstag, 16. August
Die Russlandreisenden verlassen uns um 18.00 Uhr und treten ihre Heimreise an. Um 19.00 Uhr ist die Gruppe der Ostseesegler vollzählig an Bord. Überraschenderweise sind viele zum ersten mal auf einem Segelschiff. Und dann wollen sie gleich die ganze Ostsee in einer Woche durcheilen? Mutige Leute! Um 21.00 Uhr legen wir in Helsinki ab und tuckern südwärts durch die vorgelagerten Schären. Um 23.00 Uhr setzen wir die Segel und nehmen bei mäßigem Nordwestwind Kurs Südwest auf die zentrale Ostsee

Sonntag, 17. August
Dies wird ein wunderschöner Segeltag bei Sonnenschein und halbem Wind. In den ersten Nachtstunden passieren wir die letzten finnischen Schären bei Porkkala, am frühen Nachmittag sehen wir an Backbord die estnische Insel Hiumaa. Der Leuchtturm Köpu, der älteste in der ganzen Ostsee, begleitet uns in der Dunkelheit bis nach Mitternacht.

Montag, 18. August
Um 2.00 Uhr sehen wir am nördlichen Himmel Nordlicht! Es ist das erste mal, dass von Bord der Petrine Nordlicht zu sehen ist. Stundenlang begleiten uns die ständig wechselnden Lichtkaskaden, mal kaum zu sehen, mal deutlich und hell. Nach Sonnenaufgang schläft der Wind ein und wir fahren weiter nach Südwesten unter Maschine. Um 17.00 Uhr machen wir in Lauterhorn auf der schwedischen Insel Faarö fest. Am Strand entlang wandern wir zu den Raukars, 12 Meter hohen, aufrecht stehenden Felsen am Strand.

Dienstag, 19. August
Um Mitternacht legen wir ab, tuckern durch sternenklare Nacht an der Westküste Gotlands entlang. Um 3.00 Uhr können wir Segel stzen und um 6.00 Uhr machen wir in Visby fest. Schönste Stadt Nordeuropas, Traum aller Ostseesegler, heute morgen ganz einsam und verlassen. Im Nieselregen haben wir die Stadt beinahe für uns alleine. Leider nicht für lange: Der Wetterbericht verlangt, dass wir bereits um 10.30 Uhr wieder ablegen mit Ziel Kalmarsund. Bald soll es Westwind geben.

Um 10.30 Uhr legen wir in Visby ab, setzen vor dem Hafen alle Segel und nehmen Kurs auf den nördlichen Kalmarsund. Um 18.30 Uhr haben wir die Nordspitze Ölands an Backbord und segeln in den 90 Seemeilen langen Sund. Kurz nach Sonnenuntergang verlässt uns die westliche Brise und wir müssen die Maschine starten.

Mittwoch, 20. August
Um 3.45 Uhr unterqueren wir die Ölandsbrücke und eine halbe Stunde später können wir wieder Segel setzen. Mit der Sonne kommt auch der Westwind zurück. Mittags dreht er immer weiter südlich und nimmt erheblich zu. Um 14.40 Uhr fahren wir in das Schärengebiet bei Karlskrona ein. Hier ist es wieder ruhiger und die wunderschönen Felseninselchen erfreuen das Auge. Leider versperrt uns eine neu gebaute Brücke das Fahrwasser nach Karlskrona. Um 16.40 Uhr machen wir an einer kleinen Schäre fest und feuern den Saunaofen an. Abends brennt ein gemütliches, wohlriechendes Wacholder-Feuerchen an Land. Wir grillen und machen Musik bis nach Mitternacht.

Donnerstag, 21. August
Früh um 5.30 Uhr räumen wir die Feuerstelle auf, legen ab auf der besonders schönen Schäre Svenör und suchen uns einen Weg durch die Felsen auf die offene See. Hier bläst uns dann ein frischer Südwest genau entgegen. Mit Maschine tuckern wir gegenan und machen um 13.00 Uhr auf der Insel Hanö fest. Hier warten wir auf günstigeren Wind. 130 Seemeilen sind es noch bis Stralsund… Auf der Insel Hanö finden wir neben vielen Brombeeren, einem Leuchtturm und einem hübschen Dörfchen vor allem einen Zauberwald. Unter knorrigen Bäumen liegen riesige Findlinge, moosbewachsen und moderduftend. Die Sage geht von einem Drachen, der hier gelandet sei, aber niemand wäre überrascht, hier Trolle oder Nissen zu sehen. Kein Sonnenlicht würde sie verschrecken, ihnen leuchtete nur flimmerndes Grünlicht, von Nadeln und Blättern gemildert. Um 21.00 legen wir bei ruhigem Wetter ab und motoren durch die Dunkelheit nach Süden.

Freitag, 22. August
Um 6.00 Uhr entscheiden wir uns, nicht in Schweden zu bleiben, sondern die Überfahrt nach Rügen zu wagen. Der wetterbericht droht mit Südwest 6 bis 7, noch ist es ruhig. Ab 10.00 Uhr machen wir noch 2 bis 3 Knoten gegen eine beeindruckende Welle. Wir setzen gerefftes Groß und gerefften Besan, um etwas mehr Fahrt zu machen und etwas weniger zu schaukeln. Am frühen Nachmittag, bei satten 7 Windstärken reißt das Schothorn des neuen Großsegels ab. Zweifach gerefft können wir es erneut setzen und uns mühsam nach Süden vorwärtskämpfen. Um 18.00 Uhr erreichen wir den Landschutz der Stubbenkammer und um 19.30 Uhr machen wir in Sassnitz fest. Auf dem Schiff gibt es einiges zu reparieren, aber die Besatzung ist wohlauf, alle haben die Gewalttour gut überstanden und sind froh, es trotz widrigen Wetters bis Deutschland geschafft zu haben.

Samstag, 23. August
Heute wird gearbeitet auf der Petrine. Klar Schiff, Segel nähen, Großklau neu vernieten, Antennenkabel neu verlegen. Alle Ostseesegler und die verbliebenen Russland- und Norwegensegler reisen im Laufe des Tages heim. Dann denken wir nicht mehr an den Bruch von gestern, dann träumen wir von Mitternachtssonne und Nordlicht, von schneebedeckten Bergen, unbewohnten Küsten und einer sternenklaren Nacht über der Ostsee. Ich würde monatelang nicht müde, von diesen 3 Monaten zu träumen und alles noch einmal zu erleben.