Hamburg, Amsterdam, London

Samstag, 14. Juni 2008

Um 15.20 Uhr legt die Petrine in Hamburg St. Pauli ab. 18 Segelfreunde sind an Bord, die das Wattenmeer, Holland, Amsterdam und London kennenlernen wollen. Auf der Pier bleiben einige Petrinefreunde zurück, die extra gekommen sind, um die Leinen los zu werfen und eine gute Reise zu wünschen. Sicherheitseinweisung und Wacheinteilung haben wir bereits hinter uns, unser Schiff ist voll bebunkert mit Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff. Wir sind bereit. Allerdings: Das Wetter ist uns nicht gewogen. Ganz und gar nicht. Für die kommenden Tage ist strammer Wind aus West und Nordwest angekündigt. Da kann sich die Petrine nicht auf die offene Nordsee hinauswagen. Nun denn, wir tuckern erstmal mit günstigem Gezeitenstrom (und strammem Gegenwind) elbabwärts durch den Hamburger Hafen. Das sieht schon mal ganz gut aus. Später werden die Ufer grüner und die Sonne kommt durch. Die Küche arbeitet sich bestens ein, nachmittags gibt es Erdbeerquark und abends eine kräftige Suppe. Um 19.50 machen wir in Glückstadt fest, denn jetzt setzt der Flutstrom ein. Einige von uns verholen sich ins schöne Städtchen – Glückstadt ist die dänischste Stadt in Deutschland – andere gehen früh schlafen.

Sonntag, 15. Juni 2008

Um 4.00 morgens starten wir in Glückstadt. Elbäbwärts geht es zügig voran, immer schön außerhalb der Fahrwassers, denn der Schiffsverkehr ist beeindruckend.Containerriesen von mehr als 300 Metern Länge fahren an uns vorbei. Darum verholen wir uns in den Seitenarm der Medemrinne, wo wir um 8.00 zu Anker gehen. Frühstückszeit, anschließend machen wir uns mit den Segeln vertraut. Um 13.00 setzen wir die Segel und kreuzen mit dem beginnenden Ebbstrom dem Wattenmeer entgegen. Leider zeigt es sich von der tückischen Seite: Um 14.40 fahren wir uns auf dem Kratzsand fest. Die Rinne zwischen den Sandbänken hat sich verlagert. Um 18.20 ist Niedrigwasser und Spaziergänge im knietiefen Wasser rings um das Schiff sind möglich. Zum Glück keine Gefahr: Wind und Strom lassen uns um 20.50 wieder aufschwimmen. Unter Maschine motoren wir gegen die Tide elbabwärts um  nach Mitternacht bei Hochwasser den Neuwerker Wattrücken zu queren.

Montag, 16. Juni

Kurz bevor es Ernst wird schiebt sich eine dicke Regenwolke vor den Mond. Im Lichtkegel des Suchscheinwerfers finden wir dennoch die Pricken und bringen das Wattenhoch hinter uns. Um 1.00 fällt der Anker in der Ostertelte. Weiter gehts um 9.45; mit diesem Hochwasser müssen wir 2 Wattenhochs überqueren, um in die Weser zu kommen. Bei feinstem Sonnenschein können wir sogar segeln und schaffen beide Barren! Der Wetterbericht verspricht weiterhin westliche Winde von 5 bis 7 Beaufort, aber nach unserem Wattenerfolgserlebnis wächst wieder die Zuversicht. Wir kommen trotzdem vorwärts!
Nachmittags tuckern wir bei Sonnenschein und Gegenwind weserabwärts. Unterwegs haben wir es bereits mit bemerkenswerten Wellen zu tun, aber draußen auf den Außensänden zwischen Weser und Jade machen wir ganz neue Erfahrungen. Mit gerefftem Groß und Fock geht es durch die Brandung. Nach 10 Minuten sind wir über die Sandbank, aber an Deck ist nichts mehr trocken. Beeindruckt blicken wir zurück auf das schäumende Wasser. Wir segeln südwärts in der Jade.
Vor dem Wattfahrwasser der Minsener Oog warten wir auf die Flut und um 22.00 geht es Anker auf. Im letzten Büchsenlicht, unterstützt vom fast vollen Mond passieren wir die beprickten Wattfahrwasser hinter den Inseln Minsener Oog und Wangerooge. Kurz nach Mitternacht machen wir im Fährhafen von Wangerooge fest. Wir sind in Ostfriesland, dahinter kommt schon Holland und dort liegt unser Ziel Amsterdam. Der Westwind macht uns Schwierigkeiten, aber er soll uns nicht aufhalten.

Dienstag, 17. Juni

Zum Frühstück gibt es frische Brötchen. Auf Wangerooge scheint die Sonne. Der Westwind hat nachgelassen. Mit dem 12.00-Hochwasser fahren wir durch das Seegatt auf die Nordsee hinaus und weiter nach Westen. Der Westwind ist heute moderat, die Sonne scheint den ganzen Tag. Um 18.00 machen wir auf Norderney fest. Fast alle nutzen den Zwischenstop für einen Spaziergang über die Insel in der Abendsonne. Um 21.30 fahren wir weiter. Überraschenderweise weht der Wind aus Südost, kein Wetterbericht hatte davon gesprochen. Im Memmert-Wattfahrwasser können wir Segel setzen und um Mitternacht passieren wir südlich der kleinen Insel Memmert. Jetzt segeln wir mit dem Ebbstrom in der Ems, der Vollmond scheint aufs Schiff und auf eine zufriedene Mannschaft. Morgen sind wir in Holland!

Mittwoch, 18. Juni

Bis um 7.00 morgens segeln wir mit rauschender Fahrt nördlich der westfriesischen Inseln. Dann kommt uns der Gezeitenstrom entgegen und der Wind dreht von Süd auf Südwest. Zunächst kreuzen wir noch dagegen an, in der Hoffnung es möge besser werden. Um 11.30 starten wir die Maschine um bis zum Abend das Seegat westlich von Terschelling zu erreichen. Der Wind nimmt jedoch zu, die See wird grob und um 14.00, noch 18 Seemeilen vom Seegat entfernt, drehen wir um. Es gibt noch ein anderes Mauseloch, in dem wir verschwinden können: Das Lauwersmeer südlich der Insel Schiermonnikoog. Wieder geht es mit brausender Bugwelle durch die See, nur diesmal leider den Weg zurück, den wir heute morgen nach Westen gesegelt sind. Um 17.00 sausen wir durch das Seegat zwischen Ameland und Schiermonnikoog und 2 Stunden später sind wir fest in Lauwersoog. Von hier ist es möglich, über die friesischen Kanäle ins Ijsselmeer zu gelangen. Angesichts des Wetterberichtes (SW 6 bis 7) ist eine Kanalfahrt durch Friesland genau das richtige Programm. Heute sind wir jedenfalls lange und sehr flott gesegelt und wir belohnen uns mit einem Grillabend.

Donnerstag, 19. Juni

Um 9.30 ist die Robbengatschleuse klar für uns und wir werden ins Lauwersmeer abgeschleust. Dieser kleine See begrüßt uns mit jaulendem Gegenwind und Gischt an Deck. Wie schön, dass wir bei diesem Wetter nicht auf der Nordsee sind. Nur mühsam kommen wir vorwärts zum Kanal Dokkumer Grootdijp, aber wir werden von schöner Schilflandschaft ringsumher bei Laune gehalten. Der Kanal ist überraschend klein und an manchen Stellen nur 15 Meter breit. Trotzdem macht sich hier anscheinend niemand etwas aus Begegnungsverkehr. Alles wird ruhig und unspektakulär abgewickelt. Ortsdurchfahrten schlängeln sich durch die Vorgärten, rechts und links im Kanal liegen alle möglichen Böötchen vertäut, sodass kaum noch Platz für die Durchfahrt ist. Aber irgendwie geht es dann doch. Mittags fahren wir in strömendem Regen durch das Städtchen Dokkum. Vier Brücken müssen passiert werden. Der Brückenwärter radelt an Land nebenher, um die Brücken für uns zu bedienen. Geduldig warten die vielen Radfahrer und wenigen Autos. Am Nachmnittag pausieren wir in Burdward, einer Idylle aus dem Bilderbuch mit kleinen Häuschen, die längs des Kanalufers aufgereiht sind und einer Windmühle, die ein Sägewerk antreibt. Weiter geht es nach Leeuwarden durch die sich windende Dokkumer Ee. Mitunter hat man das Bedürfnis, sich bei den Leuten am Ufer zu entschuldigen, dass man so dicht an ihren Fenstern vorbeifährt. In Leeuwarden kommt Mark aus Amsterdam an Bord und hält in Landesprache den Funkkontakt zu den Brückenwärtern. 11 Brücken passieren wir allein ein Leeuwarden und mit Marks Unterstützung klappt alles bestens. „Kein Wunder“, sagt Mark, „wenn die Deutschen weiterfahren wollen, helfen wir Holländer gerne.“
Abends machen wir bei einem kleinen Hafen am Ufer des Princes-Margriet-Kanals fest, gerade noch rechtzeitig zur zweiten Halbzeit von Portugal gegen Deutschland. Oh je, alles geschlossen, keine Kneipe in der Nähe und kein Fernseher. Wie gut, dass es in Holland keine Gardinen gibt. Aus einer betont unauffälligen Gruppe heraus lugt einer mit dem Fernglas auf den Bildschirm und kommentiert das Geschehen für die Umstehenden. Nach dem glücklichen Ausgang von Fußballspiel und Kanalfahrt ist noch lange was los an Deck.

Freitag, 20. Juni

Ein sonniger Morgen am Princes-Margriet-Kanal. Ab 9.30 motoren wir gegen starken Südwestwind. Um 11.40 erreichen wir das Sneekermeer. Schiffe sind hier überall unterwegs. Es überrascht uns nicht mehr, wenn Masten neben Kirchtürmen aufragen oder mitten in einer Wohnsiedlung ein Jachthafen liegt. Autobahnen werden gern unter den Wasserstraßen durchgeführt, Schienenwege bereitwillig für den Freizeitverkehr unterbrochen. Tonnenschwere Berufsschifffahrt fährt gemächlich mittenmang und alles klappt doch irgendwie und ohne Aufregung. Am frühen Nachmittag pausieren wir im schönen Dorf Heeg, wo ebenfalls Segelboote direkt vor der Kaufhalle liegen. Um 19.00 lassen wir in Stavoren die Kanäle hinter uns: Wir segeln über das Ijsselmeer. Dieses widerlegt gleich ein paar Vorurteile, indem es erstens auch bei viel Wind (West 6) schön ruhig bleibt, zweitens (wegen viel Wind?) keineswegs überfüllt ist und drittens überhaupt einen einladenden Eindruck auf uns macht. Wir sind froh, mal wieder segeln zu können und dann auch noch so flott. Kurz vor Mitternacht machen wir in Lelystad fest. Unsere holländischen Freunde haben Bier, Käse und friesische Wurst mitgebracht. Die Nacht wird lang.

Samstag, 21. Juni

Vormittags besichtigen wir die Batavia, einen riesengroßen originalgetreuen Nachbau des holländischen Ostindienseglers aus dem 17. Jahrhundert. Das Achterkastell der Batavia hat etwa die Höhe der Petrinemasten; die Unterkünfte der Soldaten und Matrosen sind dagegen skandalös knapp dimensioniert. 1800 Kubikmeter Eiche wurden für diesen Nachbau verwendet. Nach dem Mittagessen tuckern wir über das Markermeer die letzten Meilen nach Amsterdam. Kurz vor den Oranjeschleusen bunkern wir Diesel und essen zu Abend.  Gegen 20.00 machen wir fest und verholen in die Kneipen. Wir wollen mal eine zünftige Siegesfeier und eine rauschende Party in Oranje live erleben. Aber daraus wird nichts: Die Holländer verlieren gegen Rußland.
Wir dagegen haben unser Etappenziel erreicht: Amsterdam nach einer schönen Woche, trotz maximalem Gegenwind.

Sonntag, 22. Juni

Heute bleiben wir in Amsterdam. Grachtenrundfahrten, Rembrandt, U-Bahn Baustelle angucken, Rijksmuseum, Shoppen, Pommes essen.

Montag, 23. Juni

Wir bleiben noch einen Tag in Amsterdam. Hier ist es nämlich aussergewöhnlich schön. Seefahrt überall in der Stadt. Und für Dienstag versprechen die Wetterberichte Ostwind. Um 19.30 fahren wir mit Maschine ostwärts auf dem Nordseekanal nach Ijmuiden. Dort werden wir in die Nordsee geschleust und machen um 22.45 fest. Morgen früh soll uns dann der Ostwind nach England in die Themsemündung herüberwehen.

Dienstag, 24. Juni

Holland wird uns als ein wunderschönes Seefahrerland in Erinnerung bleiben. Schiffe und Wasserwege sind hier prima in den Alltag integriert. Menschen fahren zur See und auf den Kanälen, wohnen auf Schiffen in den Grachten, arbeiten im Schiff- und Wasserbau. Ein Extrem haben wir auf den letzten 10 Meilen im Nordseekanal erlebt: Raffinerie, Kraftwerke, Containerterminal, Fährterminals, 5 Schleusen nebeneinander und ein unglaublicher Betrieb. Das andere Extrem war die Dokkumer Ee. Hier und dort eine Windmühle am Kanalufer, ansonsten Kühe, kleine Böötchen, beschauliche Dörfer. Dazwischen schönes Segeln auf dem Ijsselmeer und 2 Tage in Amsterdam, der Wasser- und Seefahrerstadt überhaupt.

Um 5.00 starten wir die Maschine und verlassen den Hafen von Ijmuiden. Das dauert eine gute halbe Stunde, denn der Hafen ist riesig und auch zu dieser Uhrzeit sehr betriebsam. Vor den Molen dann Windstille und mäßige Dünung aus Norden. Wir tuckern erstmal weg von der Küste und raus aus dem Fahrwasser. Guten Mutes tuckern wir dem Ostwind entgegen. Um 9.00 sind alle Segel gesetzt und wir machen flotte Fahrt über die südwestliche Nordsee. Nachmittags laufen wir über 7 Knoten und die Dünung macht niemandem mehr Schwierigkeiten. An Bord wird viel gegessen und geschlafen, gelegentlich gespielt oder gelesen.

Mittwoch, 25. Juni

Um Mitternacht lässt der Wind nach, aber wir können immer noch mit 3 bis 4 Knoten nach Südwesten segeln. Bei Sonnenaufgang dann Windstille und die Maschine wird gestartet, um nicht in das Verkehrstrennungsgebiet Sunk hineinzutreiben. Kurs West in der Morgensonne, unter uns die äußeren nordöstlichen Sandbänke des Mündungsgebietes der Themse, voraus noch keine Küste in Sicht. Mittags fahren wir in die Walton Backwaters, ein Wattengebiet südlich von Harwich. Diese sind einerseits Naturschutzgebiet, andererseits aber gibt es hier überall, wo es befahrbares Wasser gibt, ausgedehnte Mooringanlagen. Wir schlengeln uns also durch die vermoorten Jachten, bis sich ein Stück freies Wasser auftut, gerade groß genug, um dort zu ankern. Der Landgang von hier ist mit einem kleinen Beibootausflug verbunden, anschließend sind etwa 3 km ins Zentrum der kleinen Stadt Walton On The Naze zurückzulegen. Aber eigentlich gibt es kaum einen Grund, so viel Aufwand zu treiben, denn über den Backwaters scheint die Sonne, bald baden einige von uns, ringsumher Vogelgezwitscher und schöne Wattenlandschaft. Bei Niedrigwasser fallen große Schlickflächen trocken und wir können sehen, wo sich unser Anker eingegraben hat. Die Petrine selber schwimmt im tiefen Priel. Gut erholt von der langen Segelei über die Nordsee machen wir in der Abendsonne den Fernseher klar und erleben den EM-Sieg der deutschen Mannschaft über die Türken.

Donnerstag, 26. Juni

A jolly good day of sailing on the banks of the Thames Estuary. So – oder so ähnlich – würden es die Engländer vielleicht sagen. Schon morgens um 8.00 in den Prielen der Backwaters können wir Segel setzen. Mit frischem Südwest runden wir The Naze nördlich und segeln dann Richtung Themsemündung. Ab spätem Vormittag müssen wir zwischen den Sandbänken kreuzen und tun dies auch mit Begeisterung bis kurz vor dem Abendessen. Dann müssen wir die Maschine starten, um das Hauptfahrwasser zu kreuzen und einen guten Ankerplatz zu erreichen. Der Südwest weht mittlerweile recht kräftig mit 6 bis 7 Beaufort. Um 20.30 ankern wir nördlich der Insel Sheppey, noch etwa 7 Seemeilen von der eigentlichen Themsemündung entfernt. Aber Wind und Ebbstrom lassen uns nicht mehr weiter vorankommen. Ab Mitternacht soll uns der Flutstrom bis nach Greenwich bringen.

Freitag, 27. Juni

Stattdessen prasselt um Mitternacht erstmal ein kräftiger Regenguß auf das Schiff und wäscht das Salzwasser fort. Um 2.00 gehen wir in finsterster Nacht Anker auf und fahren unter Maschine gegen starken Westwind themseaufwärts. Schon bald wird es hell und wir schlengeln uns am nördlichen Flussufer entlang, vorbei an Containerterminals, Docks, Raffinerien, Kraftwerken, Klärwerken. Zur Hochwasserzeit um 8.30 machen wir an einem Leichter fest, in Greenwich, direkt vor dem Naval College. Hier sind die ehemalige Sternwarte, das British National Maritime Museum, ein Riesenrad, wunderschöne Parks, Einkaufs- und Vergnügungsgelegenheiten innerhalb eines Kilometers zu finden. Die ersten hundert Meter gestalten sich allerdings sehr schwierig. Der Außenborder will heute nicht und paddeln wird bei 2 Knoten Ebbstrom und vorbeifahrenden Schnellfähren zum Abenteuer. Abends haben wir alles wieder im Griff: Außenborder läuft, Museen sind ausgiebig besichtigt,  Bier ist wieder an Bord und wir genießen eine laue Nacht auf dem Nullmeridian, dazu flotte Musik aus der Trafalgar Tavern.

Samstag, 28. Juni

Um 6.40 werfen wir die Leinen los am gastlichen Leichter und tuckern die restlichen 4 Seemeilen zur Tower Bridge. Hier waren vor 3 Jahren noch die letzten verfallenen Lagerhäuser entlang des Flussufers zu sehen. Alles verschwunden, piekfeine Wohn- und Büroanlagen sind entstanden. London sieht von der Themse her betrachtet sehr aufgeräumt und modern aus. Dann kommt voraus die Tower Bridge in Sicht und sieht aus wie seit Jahrhunderten. Um 9.00 fahren wir in das St. Katherine´s Dock ein, nobelste Londoner City.

Wir haben es geschafft, nach 641 Seemeilen und 14 erlebnisreichen Tagen auf dem Wasser: Hamburg, Amsterdam, London, bei viel Westwind und Sonnenschein, wenig Regen, vor allem aber mit viel guter Laune und Kameradschaft auf dem Schiff.

Von London nach Brest

Sonntag, 29. Juni 2008

London, St. Katherine´s Dock. Alle Mitsegler für den Törn von London nach Brest sind an Bord, Sicherheitseinweisung und Wacheinteilung sind erfolgt. Um 10.30 werden wir ausgedockt und fahren auf der Themse nach Greenwich. Dort genießen wir einen schönen Sonntag im Park und in den Museen, bevor uns das Endspiel der Fußball-EM einen Dämpfer verpasst. Um 23.00 legen wir ab und fahren flußabwärts auf der Themse.

Montag, 30. Juni

Entlang der Themse gibt es beidseitig allerhand Lichter, die allerdings mit der Seefahrt meist nicht viel zu tun haben. Dort, wo man sich Lichter wünschen würde, auf den Mooringbojen oder auf vor Anker liegenden Leichtern, da fehlen sie meistens. Schön aufmerksam fahren wir, von anderen Schiffen unbehelligt, der Nordsee entgegen. Um 3.30 haben wir die Themsemündung erreicht und gehen auf einer Reede vor Anker. Wir warten auf Tageslicht und das Wiedereinsetzen des Ebbstromes. Um 10.30 setzen wir Segel, aber mit dem Kentern der Tide schläft der Wind ein. So motoren wir mit Kurs Ost aus den Sandbänken der Themsemündung heraus. Nachmittags weht dann ein zunächst angenehmer, dann zunehmend heftiger Südwind um das Kap von North Foreland herum. Wir kreuzen tapfer gegenan, aber Seegang und Sandbänke machen es gegen Abend notwendig, den Hafen von Ramsgate anzulaufen.  Dort machen wir um 19.00 fest und verholen uns wenige Stunden später in die Pubs des Städtchens.

Dienstag, 1. Juli

Heute scheint die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel. Vormittags bummeln wir durch Ramsgate, spielen am Strand, Proviantieren das Schiff oder erholen uns. Um 13.00 legen wir ab und fahren südwärts zu den Klippen von Dover. Diese schimmern schön weiß im Gegenlicht, kaum ein Wölkchen ist zu sehen. Dazu weht ein sanfter Südostwind, der abends auf ganz respektable Stärke zunimmt. So segeln wir sehr bequem westwärts durch die Nacht entlang der englischen Südküste und kommen gut voran.

Mittwoch, 2. Juli

Nach Mitternacht ist es vorbei mit dem günstigen Wind und wir passieren unter Maschine Beachy Head. Um 7.30 machen wir in der Marina von Brighton fest. 1500 Liegeplätze gibt es hier, eine größere Marina hat die Petrine nie gesehen. Platz zum Anlegen muss jedoch erst geschaffen werden, denn die Marina ist natürlich ganz auf Jachten eingestellt. Hier gibt es jeden erdenklichen Service, Läden, Restaurants, Bars, Hotels etc. Was es nicht gibt sind Gemütlichkeit und ein noch so kleiner Kinderspielplatz. So fahren wir mittags weiter, bei Nieselregen und schwachem Gegenwind, mit knatternder Maschine, der Isle of Wight entgegen. Am Nachmittag wird es dann doch noch ein schöner Segeltag. Die Sonne strahlt, Kuchen ist gebacken, ein moderater Südwind bringt uns in eine schöne Bucht an der Ostküste der Isle of Wight. Um 21.00 fällt bei wunderschönem Abendlicht der Anker auf den Strand von Bembridge Point. In der lauen Abendluft bleibt es noch lange gesellig an Deck.

Donnerstag, 3. Juli

Morgens um 3.00 wird es schon wieder gesellig an Deck. Das Knallen der Mooringleine hat einige aufgeschreckt. Die neue Lage: Der Ebbstrom hat Petrine am Rande eines tiefen Prieles festgesetzt. Nach einer halben Stunde haben wir eine beängstigende Schräglage und nach einer weiteren halben Stunde können wir an Backbord direkt in den Sand springen. An Steuerbord ist das Wasser noch 3 Meter tief. Und das Wasser läuft weiter ab. Eine ganz missliche Lage. So könnte man in einer windstillen, sternenklaren Nacht das Schiff verlieren. So weit kommt es aber nicht. Petrine krallt sich auf der Sandkante fest, ab 6.00 kommt langsam das Wasser zurück, ab 8.00 wagen sich einige Artisten an das Frühstück und um 8.30 schwimmen wir wieder. Glück gehabt!
Bembridge Town erfreut das Auge mit schönen Häuschen und blühenden Gärten im Sonnenschein, das versöhnt uns wieder mit dem Tag. Mittags segeln wir auf den Solent hinaus, der Wasserstraße zwischen der Isle of Wright und den Hafenstädten Southampton und Portsmouth. Hier tummeln sich bei starkem Wind hunderte von Schiffchen, es finden mehrere Regatten statt. Und wir ganz sportlich mittenmang. Den ganzen Nachmittag kreuzen wir mit gerefften Segeln gegen 6 Windstärken Westwind. Je besser es klappt, desto mehr Spaß dabei, desto vertrauter wird die ganze Mannschaft mit dem Schiff. Der sonnige, muntere Solent, der uns gelegentlich mal einen Eimer Gischt an Deck spritzt, ist genau das richtige Gebiet dafür. Um 17.00 gehen wir im Newtown River zu Anker. Eine ländliche Idylle mit Wäldern, Feldern, Marschlandschaft und einem kleinen grauen Dörfchen in der Ferne.

Freitag, 4. Juli

Der Newtown River zeigt sich am Morgen von seiner schönsten Seite. Weiße Reiher stehen am Ufer, die Marschen laufen langsam voll Wasser und einige von uns gehen in einem nahen Wald spazieren. Am späten Vormittag gehen wir Anker auf, fahren auf den heute ruhigen Solent hinaus und nehmen Kurs auf die Needles, eine bizarre Felsformation am Westkap der Isle of Wright. Die ruhige Szenerie ringsumher steht in scharfem Kontrast zu den Starkwindwarnungen, die alle paar Stunden neu herausgegeben werden: Südost bis Südwest, 6 bis 7, weiter westlich auch 8 bis 9 Beaufort. 12 Stunden brauchen wir bis zu den Kanalinseln im Süden und zunächst ist es ja noch ruhig, das Barometer steht stabil und wir können prima südwärts segeln. Also los. 7 bis 8 Knoten Fahrt machen wir mit frischem Südostwind und mitlaufendem Ebbstrom. Der gefürchtete Schiffsverkehr im Ärmelkanal macht anscheinend heute ein Päuschen für uns und so wird es feiner Segeltag. Spät abends beginnt dann das Barometer zu fallen und es gibt eine weitere Starkwindwarnung für das gebiet der Kanalinseln: Süd bis Südwest 7, expected soon. Also laufen wir nicht weiter bis Guernsey, sondern nehmen Kurs auf Alderney. Dabei müssen wir quer zum Gezeitenstrom laufen, dem „Alderney Race“, der mit bis zu 8 Knoten an der Insel vorbeiläuft.

Samstag, 5. Juli

Nach Mitternacht starten wir die Maschine und kämpfen uns die letzten 2 Meilen quer zum Strom in den großen Hafen von Braye auf Alderney, der nördlichsten, sehr ländlichen Kanalinsel. Um 1.00 gehen wir dort zu Anker. Morgens weht es dann auch heftig, man sieht hohe Wellen vor der Hafeneinfahrt und wir sind froh, den Kanal hinter uns gebracht zu haben. Zum Glück scheint die Sonne, genau richtig für einen Hafentag. Auch für Sonntag sagt der Wetterbericht Starkwind voraus, wir werden Alderney wohl ein paar Tage genießen. Schön ist es hier, aber schwierig ist der Landgang mit dem Beiboot und schwierig das Ankern im steinigen Hafen. Im 3. Versuch hält dann endlich der Anker.

Sonntag, 6. Juli

Heute stürmt es auf Alderney. Es ist unbequem auf dem schaukeligen Schiff, dennoch mag kaum jemand an Land gehen, denn obendrein regnet es. Wir backen: Sonnenblumenkernbrote, chiabattabrötchen mit Oliven, Nussecken. Und wir essen alles auf. Nachmittags stürmt es immernoch, aber die Sonne kommt durch. Abends wird die Sauna geheizt und weil wir inzwischen an einer Mooringboje festgemacht haben, gehen bals alle in die Kojen und schlafen.

Montag, 7. Juli

Es stürmt nicht mehr auf Alderney, aber es weht immer noch kräftig. Wenn es etwas abnimmt, wollen wir am frühen Nachmittag losfahren. Daraus wird aber nichts. Weder dreht der Wind, noch nimmt er ab. Wir liegen also noch einen dritten Tag und eine vierte Nacht auf Alderney. Üblicherweise haben solche Hafenliegetage ja auch Vorteile: Alle erholen sich, die Wäsche wird gewaschen, die Umgebung wird gründlich erkundet, Schiffsarbeiten können erledigt werden. Auf Alderney aber gestaltet sich alles schwierig bis unmöglich. Wir liegen nicht fest an einer Pier, wir liegen im äußeren Teil des Hafens vor Anker, denn eine andere Möglichkeit gibt es hier nicht (sagt der Hafenmeister). Das Schiff schaukelt wie auf hoher See, der Landgang mit Hilfe des Beiboots verlangt umfangreiche Vorbereitung und ist ein echtes Abenteuer. Wir haben natürlich weder Landstrom noch können wir Frischwasser bunkern. Täglich läuft 2 Stunden die Maschine zum Laden der Batterie. Aber alle diese Sorgen sind ganz erträglich, wenn man beim Landgang einen Blick auf die aufgewühlte See wirft. Da bleibt man doch gerne hier. Und heute erkunden auch alle stundenlang die schöne Insel, auf der man gern ein paar mehr Tage verbringt. Trotzdem hoffen wir auf günstigen Wind am Dienstag.

Dienstag, 8. Juli

Um 14.00 ist die Stunde des Stillwassers. Dann halten die kräftigen Gezeitenströme um Alderney, genannt The Race und The Swinge, für kurze Zeit den Atem an bevor sie wieder mit bis zu 8 Knoten zu brausen beginnen. Um 14.00 wollen wir also losfahren, kurz bevor der Ebbstrom nach Südwesten einsetzt. Der Wind hat auf West gedreht und wenn man genau schnuppert, könnte er auch etwas abgenommen haben. Wir kämpfen uns pünktlich zur Zeit des Stillwassers durch The Swinge. Dort treffen wir auf 3 Meter hohe Wellen, die sich freundlicherweise aber nicht brechen. Gerefftes Großsegel und gereffter Besan werden unter Mühen gesetzt, so werden Kurs und Schiff etwas stabiler. Wir können auf die südwestlich gelegene Insel Guernsey zulaufen und je näher wir der Insel kommen, desto ruhiger wird die Fahrt. Um 19.00 haben wir es geschafft, St.Peter Port, Haupthafen der Insel, liegt voraus. Leider bekommen wir keinen Liegeplatz und müssen südlich der Molen zu Anker gehen. Das Schiff schaukelt, aber es schaukelt immerhin schon etwas weniger als im Hafen von Alderney.

Mittwoch, 9. Juli

Zum Diesel- und Wasserbunkern dürfen wir morgens früh St.Peter Port anlaufen. Einmal im Hafen, bekommen wir Erlaubnis, bis 13.00 liegen zu bleiben. Unser Glück wird durch den Nieselregen nur unwesentlich getrübt: Endlich ein richtiger Liegeplatz mit unkompliziertem Landgang, endlich eine Stadt mit Läden, Cafes und Trubel. Um 13.00 sind trotzdem alle wieder an Bord. Kurs Südwest, nächster Hafen in der Bretagne!
Zunächst müssen wir aber wieder gegenanbolzen. Wind aus Südwest, Stärke 5, dazu 2 bis 3 Meter Welle. Schön ist das nicht. Nachmittags kommen wir noch einigermaßen voran, aber nach Einbruch der Dunkelheit und gegen den Flutstrom, der in die Bucht von St. Malo setzt, ist vorwärtskommen kaum noch möglich.

Donnerstag, 10. Juli

Nach Mitternacht ändert sich die Lage. Jetzt ist der Gezeitenstrom uns wieder wohl gesonnen. Dichter unter der Küste der Bretagne ist Petrine auch nicht mehr so sehr dem Seegang ausgesetzt. Morgens um 4.00 passieren wir in stockdunkler Nacht den Canal des Sept Iles, der die gleichnamige Inselgruppe vom Festland trennt. Mit gut 7 Knoten kommen wir nun vorwärts. Allerdings: Immer noch mit Maschine, immer noch weht uns der Wind stumpf ins Gesicht. Pünktlich zum Frühstück erreichen wir Roscoff. Hier sieht es schon so richtig wie in der Bretagne aus. Überall Felsen, die manchmal aus dem Wasser ragen, manchmal nur von ein wenig Brandung an der Oberfläche gekrönt werden, manchmal ganz im Wasser verborgen lauern. Das Land ist grün, mit kleinen steingrauen Häuschen getupfert. Die Stadt Roscoff lädt zum Landgang ein. Das tut uns allen gut. Nach dem Mittagessen geht es aber auch schon weiter. Durch den Canal de Ile de Batz nach Westen. Wir nutzen die günstige Tide und erreichen am frühen Abend L´Aber Wrach, eine Flussmündung vor dem Kap Finisterre, nur noch 40 Meilen von Brest entfernt.

Freitag, 11. Juli

Viele geschützte Häfen gibt es nicht an der Küste der Bretagne. L`Aber Wrach liegt etwa 5 Meilen flußaufwärts, ein nettes Örtchen gehört auch dazu. Vor allem aber erstaunt uns, was hier alles auf dem Wasser unterwegs ist. Gleich mehrere Jungendgruppen segeln mit Opties oder kleinen Katamaranen. Oder sie paddeln, rudern, tauchen. In dieser Gegend muss man das Segeln früh lernen, sonst wird es schwierig. Jenseits der Flußmündungen fängt sogleich der Atlantik an. Schönwettersegler kommen hier nicht weit, hier wird es schnell und häufig rauh. Wie wir an Bord der Petrine ja auch bereits erfahren haben…
Wir schauen uns das muntere Treiben eine Weile an, kaufen Lebensmittel ein, essen ein Crepes oder drei. Mittags geht es wieder raus auf den Atlantik. Nordwest 5 bis 6 ist für heute angesagt, aber es werden nur 3 Beaufort daraus. Wir können wieder segeln! Zum ersten Mal nach einer trostlosen Maschinenwoche. Nachmittags geht es südwärts durch den Chenal de Four, schöne, ruhige Fahrt mit 5 bis 7 Knoten. Wir können zum ersten  Mal auf dieser Reise die Topsegel setzen. An Steuerbord liegt die Ile d´Ouessant, an Backbord die äußersten Klippen der Bretagne, alles ist wie es sein soll an einem schönen Segeltag. Am Abend decken und dekorieren wir den Tisch mit französischen Käse- und Wurstspezialitäten, dazu Salate und Obst. Draußen genießen wir den großartigen Ausblick auf die Küsten der Rade de Brest. Glattgeschliffene, von der Atlantikbrandung ausgehöhlte Steilküste mit grünen Feldern und Wiesen darüber. Um 21.00 machen wir fest an unserem Liegeplatz in Brest. Wir liegen vor dem Nationalen Seefahrtsmuseum, zwischen den Schulschiffen der rumänischen und der brasilianischen Marine. Was mindestens genauso wichtig ist: Wir kommen bequem an Land, wir haben Wasser- und Stromanschluss, Petrine liegt ruhig. Dann gehen wir zum Rotwein über.

Samstag, 12. Juli

Heute wechselt die Crew. Die London-Brest-Mannschaft verlässt das Schiff, nach 497 Seemeilen und 2 Wochen mit vielen schönen Stunden, aber überwiegend sehr widrigem Wetter. Nie war so viel Gegenwind auf einer Sommerreise. Danke allen, die die Stimmung an Bord hoch gehalten haben!

Das Festival

Samstag, 12. Juli

Abends um 20.00 sind alle Festivalsegler an Bord eingetroffen.

Sonntag, 13. Juli

Heute ist unser erster richtiger Festivaltag. Wie es sich gehört, legen wir um 10.00 ab und schließen uns der Parade der Großsegler, Kleinsegler, Motorboote, Paddelboote und anderer Schwimmgeräte an, die sich heute auf der Rade de Brest tummelt. Nach bestem Wissen und Können kreuzen wir ein paar Stunden bei mäßigen Winden und freuen uns an der Vielfalt der Fahrzeuge. Um 15.30 machen wir wieder an unserem Liegeplatz in der Mündung des Penfeld fest, zu Füßen einer Burganlage, die das Nationale Marinemuseum Frankreichs beherbergt. Hunderte von angereisten Schiffen sind in Brest, aber hier vor dem Nationalmuseum liegen im Wesentlichen 3 Schiffe: Mircea, 3mastiges Schulschiff der rumänischen Marine, Cisne Branco, das Flaggschiff der brasilianischen Marine und Petrine, ein 2mastiger See-Ewer aus Deutschland. Wir wissen nicht, was sich die Festivalleitung dabei gedacht hat, aber vorsichtshalber hängen wir keine Wäsche an Deck auf.
Geschätzt mehrere zehntausend Menschen pilgern heute auf der Promenade an den Schiffen vorbei. Es bereitet einige Schwierigkeiten, sich in den Massen einen Weg zu bahnen. Aber es ist auch gut möglich, sich an Deck zu legen und einfach zu genießen, was ringsherum geboten wird: Eine Tanzperformance an den senkrechten Wänden der Burganlage (die Tänzer angeseilt an Gummibändern), ein lebendes Segel von Kletterern seilt sich an einer Brücke über den Penfeld ab, ein riesengroßer Drache speit Feuer und Rauch (das Innenleben ein Kran), eine brasilianische Trommlergruppe macht Stimmung mit Sambarhythmen, im vietnamesischen Viertel gibt es Musik, Tanz und kreisrunde Hüpfboote, auf denen einige von uns probeweise fahren dürfen (der Muskelkater bleibt tagelang). Und die ganze Zeit fahren Schiffe vorbei. Das schönste Schiff: die bretonische Cancalaise, die auch beim Segeln auf der Rade alle anderen blass aussehen lässt. Beeindruckend auch, was hier so an seemännischen Fertigkeiten versammelt ist. Ein vollbesetztes offenes Fischerboot wriggt (!) zügig vorbei und die Frau am Ruder wriggt so lässig mit einer Hand, als drehte sie einen Schleifstein. Familien in offenen Segelbooten ohne Motor kreuzen flußaufwärts durch das Gewühl. Und so vieles mehr passiert den ganzen Tag, ohne dass wir vom Schiff weggehen müssen. Was wir aber trotzdem gelegentlich tun, denn man will ja nicht nur zuschauen.

Montag, 14. Juli, Französischer Nationalfeiertag

Für heute Abend ist ein großes Feuerwerk angekündigt. Beim Frühstück beschließen wir, uns heute ein wenig abseits des Trubels zu vergnügen und abends zum Feuerwerk zurückzukehren. Wir segeln südostwärts auf der Rade de Brest, um den Point de Armorique herum, in die Mündung des Flusses L`Aulne hinein. Es ist sehr schwierig, in diesen Fluß hineinzusegeln, denn man kommt kaum an der Mündung vorbei: Es gibt hier ein bretonisches Bilderbuchdörfchen mit benachbarter Klosteranlage, wunderschönem Kirchlein nebst blumenbuntem Friedhof, vielen grauen Natursteinhäusern inmitten blühender Gärten, dazu eine verfallene Ruine, darüber ein dichter grüner Wald. Landevennec heißt dies kleine bretonische Paradies, an dem wir kaum vorbeikommen. Der L`Aulne windet sich durch bewaldete Hügellandschaft landeinwärts, dem höchsten Berg der Bretagne entgegen, dem Mermoz Rom. Wir treiben ein knappes Stündchen in Sichtweite des Berges. Wir schwimmen, trinken Kaffee, essen Nußkuchen, bevor wir uns wieder auf den Weg zur Mündung machen. Landgang in Landevennec.  Das abendliche Feuerwerk erleben wir während unsrer Anfahrt auf Brest. Eine gute halbe Stunde feiert der Himmel ein Farbenfest: Fete Maritime, plus Nationalfeiertag, plus Hochsommer. Um 23.30 sind wir wieder fest an unserem Liegeplatz.

Dienstag, 15. Juli

Heute bleiben wir in Brest und stürzen uns ins Festgetümmel.

Mittwoch, 16. Juli

Nach dem Frühstück setzen wir im Penfeld Segel und tuckern sehr langsam an der Burg bei der vorbei, aus dem Hafen heraus. Abschied von der Fete Maritime. Bald setzen wir alle Segel, um bei Westwind um die Halbinsel Crozon zu kreuzen. Eine wilde Steilküste, mit vorgelagerten, ganz unzugänglichen, extrem zerklüfteten Felsinseln. In einige von ihnen hat die Brandung große Löcher geschlagen. Ein Riese könnte dort hindurchgehen oder über die Steinbrücke von einer Insel zur nächsten gelangen. Das schönste Stück Küste, das wir bislang auf dieser Reise sahen. Und es scheint die Sonne.
Zur Kaffeezeit machen wir in Douarnenez fest. Normalerweise ein lebendiger Fischereihafen mit einem schönen Städtchen dahinter. Dieses blickt von den Hügeln auf die große, blaue Bucht herunter, der es seinen Wohlstand verdankt. Überall ist hier die bretonische Küstenkultur präsent: Fische, Meeresfrüchte, Seefahrt, Segelschiffe. Heute bereiten sich Stadt und Hafen auf die morgige Ankunft der Schiffe aus Brest vor. Überall wird aufgebaut, abgesperrt, geschmückt, organisiert. Wir bekommen einen schönen, ruhigen Liegeplatz im Port de Rosmeur und schauen uns alles an.

Donnerstag, 17. Juli

Vormittags haben wir Zeit für die Stadt und das Festivalleben am Hafen, das nun schon munter auflebt. Alles kleiner als in Brest, aber auch uriger, selbstgemachter, lebhafter. Hier feiert die ganze Stadt. Um 13.30 legen wir ab und segeln der Regatta entgegen. Diese läuft bei frischer Brise vor achterlichem Wind mit vollen Segeln in die Bucht von Douarnenez ein. Das mögen so um die tausend Schiffe und Schiffchen sein, der ganze Horizont ist bunt. Turmhoch wird alles überragt von der viermastigen Krusenstern, die mehrere tausend Quadratmeter Segel gesetzt hat. Wir kreuzen auf und ab, ein wenig jenseits des dicksten Getümmels. Hier treibt nicht der Regattaehrgeiz. Wir wollen nur, wie die anderen Schiffe auch, einen Beitrag leisten zum schönen Bild, das Nordeuropas versammelte Segelschiffe hier bieten. Heute lebt die Seefahrtstradition, heute brennt das Feuer, heute wollen wir nicht daran denken, dass dies in ein paar Jahren wahrscheinlich Vergangenheit sein wird.
Beim Einlaufen in den Hafen bricht erwartungsgemäß das Chaos aus, aber um 19.00 sind wir irgendwo fest, verkeilt zwischen anderen Schiffen, vermoort an irgendwelchen Bojen und irgendwo liegt auch unser Anker aus, der fallen musste, um Bruch zu vermeiden. Bald ist auch ein Landgang organisiert: Temps Fete in Douarnenez, dem südlichsten Hafen, den die Petrine in 99 Jahren sah.

Freitag, 18. Juli

Morgens bedeckt, mäßiger Nordwest. Fast alle Schiffe schlafen noch, als die Petrine sich ab 9.00 aus dem Gewühl herausarbeitet. Wir tuckern dem Kap de la Chevre entgegen, aus der Bucht von Douarnenez heraus. Camaret-sur-Mer ist unser Ziel und um die Mittagszeit können wir Segel setzen. Noch einmal umrunden wir die wunderschöne Halbinsel Crozon, bevor der Anker fällt vor dem Hafen von Camaret. Der Landgang mit dem Beiboot ist einfach und unkompliziert. Gleich an der Landestelle erfreuen uns eine kleine Festung und ein Kirchlein mit Schiffsmodellen und einem Altar, der von Rettungsringen, Anker und Steuerrad geschmückt wird. Auch das Städtchen, welches den Hafen umrahmt, erfreut Auge und Herz. Kleine Läden und Galerien, eine belebte Promenade, gemütliche, stille Gassen in der zweiten Reihe, Cafes, Creperies und Restaurants. Auch im Nieselregen ein Genuß. Abends ist es dann wieder trocken und wir grillen an Deck. Wir prosten diesem wunderschönen Stück Bretagne zu.

Samstag, 19. Juli

Früh morgens um 5.30, in stockfinsterer Nacht und im Regen gehen wir Anker auf. 2 Stunden später machen wir in Brest fest. Eine schöne Segelwoche mit 2 einmaligen Maritimen Festen ist zuende. Wir klaren das Schiff auf, waschen und trocknen den ganzen Tag bei Sonnenschein, stauen die neue Ankerkette fachmännisch in den Kettenkasten und kaufen Lebensmittel für die Überfahrt nach Irland ein.

Die Irlandreise

Samstag, 19. Juli

Wir klaren das Schiff auf, waschen und trocknen den ganzen Tag bei Sonnenschein, stauen die neue Ankerkette fachmännisch in den Kettenkasten und kaufen Lebensmittel für die Überfahrt nach Irland ein.
Abends um 19.00 sind alle Irlandsegler gesund und munter an Bord eingetroffen. Abendessen, Wacheinteilung.

Sonntag, 20. Juli

Um 9.00 Los in Brest, um 10.00 setzen wir Segel und hoch am Wind schaukeln wir auf den Atlantik hinaus. Nordwind. Es sieht so aus, als blieben wir der Bretagne noch ein wenig treu. Erstmal üben wir uns im Wenden und nutzen den Ebbstrom, um im Kanal du Four nordwärts voran zu kommen. Bei Sonnenschein und guter Sicht auf die umliegenden Felsen, Inseln und Steilküsten ist das ein Vergnügen. Wir kommen den ganzen Tag mit 3 bis 6 Knoten vorwärts und um 20.30 fällt der Anker in Portsall. Damit sind wir bereits an der Nordküste der Bretagne angekommen. Im Hafen steht ein Festzelt, aber wir sparen uns den Landgang. Um Mitternacht liegen wir hoch und trocken vor dem Hafen auf Sand.

Montag, 21. Juli

Der Wetterbericht sagt, wir sollen noch bis Dientagabend in der Bretagne bleiben. Danach bekommen wir idealen Wind für Irland! Also wollen wir heute zur Ile d`Ouessant segeln. Aber erstmal müssen die frischen Croissants aufgegessen werden. Anschliessend verlassen wir unter Maschine die Felsen vor Portsall, an denen in den siebziger Jahren die Amoco Cadiz gescheitert ist. Bald können wir Segel setzen und mit gemächlicher Fahrt und bei Sonnenschein werden wir von den Gezeitenstrudeln der Passage du Fromveur angezogen. Die Passage rauscht durch den Sund zwischen den Inseln Ouessant und Molene. Wir laufen zeitweilig mit über 10 Knoten und haben mittags Schwierigkeiten, den Gezeitenstrom zu verlassen und uns Insel und Hafen zu nähern. Welch ein Spaß bei diesem ruhigen Wetter. Aber wie gefährlich wäre es hier bei 5 Windstärken.
Um 15.00 erreichen wir die Bucht von Lampaul und wollen Ankern. Aber eine freundliche Besatzung auf dem Seenotretter stellt uns eine Mooringboje direkt vor dem Hafen zur Verfügung. Wir hätten es ahnen sollen: Auch hier ist heute Hafenfest. Später am Nachmittag werden wir in den winzigen Fischereihafen hineingelotst, um das Hafenfest optisch zu bereichern. Mit Lotsen und 2 Schleppern bugsiert man uns, wie in Douarnenez die Krusenstern, rückwärts durch die enge Hafeneinfahrt. Plötzlich sind wir Mittelpunkt einer kleinen, aber feinen Fete Maritime. Man lädt uns zum Abendessen ein. Wundervolles Abendlicht und Livemusik bis nach Mitternacht runden einen sehr gelungenen Montag ab.

Dienstag, 22. Juli

Morgens weckt uns ein strahlend blauer Himmel über der Ile d´Ouessant. Es ist windstill und die Überbleibsel des Hafenfestes sind bereits beseitigt. Vormittags wandern wir über die Insel, bestaunen die Felsen, die besonders an der Nordküste weit in den Atlantik hinausreichen. Noch in 20 Meter Höhe sind sie glattpoliert von der Brandung. Heute aber herrscht Stille auf der Insel, nur langsam kommt ein leichter Ostwind in Gang. Der lockt uns aber noch nicht fort, denn Petrine liegt wieder hoch und trocken im Hafen und erst das Abendhochwasser wird sie wieder flott machen für die große Überfahrt nach Irland, 300 Seemeilen. Einstweilen besichtigen wir die Nr. 1 unter den europäischen Leuchttürmen, den Creach. Nr. 1 weil er der lichtstärkste Leuchtturm ist, weil er das erste Stück Europas ist, das Schiffe auf der Reise über den Nordatlantik zum Kanal in Sicht bekommen. Denn die Ile d´Ouessant liegt zualleräußerst im Meer. Und dem Anspruch, die Nr. 1 zu sein, wird auch das Bauwerk selbst gerecht. 70 Meter ragt es  in den blauen Himmel, umrahmt von einem Gebäude, welches selbst ein Herrenhaus sein könnte und welches man unmöglich ein Leuchtturmwärterhaus nennen kann. Heute beherbergt es ein Museum für die Leuchttürme der Bretagne, die unter schwierigsten Bedingungen Anfang des 19. Jahrhunderts inmitten reißender Gezeitenströme auf Felsen weit draußen im Meer errichtet wurden. Noch heute sind sie der Stolz der Küstenbewohner.
Mittags im Hafen werden alle Mitwirkenden des Hafenfestes, darunter netterweise auch wir, abermals zum Essen eingeladen. Ein langer Tisch im Sonnenschein für 70 bis 80 Personen, Huhn und Reis schmecken lecker, der Shantychor singt bretonische Lieder, dazu Gitarre und Akkordeon. Die Welt zeigt sich heute von ihrer allerschönsten Seite. Der Austausch von Freundlichkeiten und Geschenken setzt sich am Nachmittag fort und der Ostwind wird beständig. Der Wetterdienst verspricht für die kommenden 3 Tage ideales Wetter für die Überfahrt nach Irland. Nach dem Abendessen verlassen wir mit viel Hallo und Gewinke diesen unglaublich freundlichen Hafen. Alle Segel werden gesetzt und in einer freundlichen achterlichen Brise schaukeln wir sanft auf den Atlantik hinaus. Gegen Mitternacht sind wir bereits mit mehr als 6 Knoten Fahrt unterwegs.

Mittwoch, 23. Juli

Windzerfurchtes Grau
Lächelt heute freundlich
Im Sonnenlicht schläft Nordwest
Der grimmige Herrscher des Nordatlantik
Lässt heute Ostwind gewähren
Der bastelt eifrig Flügel für das grüne Schiff
Und sieben Segel fliegen mühelos
Dem hochgesteckten Ziel entgegen

Donnerstag, 24. Juli

Gelegentlich bergen wir heute die Topsegel, weil wir nicht schneller als 8 Knoten segeln wollen. Die Schiffsbewegungen halten sich in Grenzen und für unser Fortkommen müssen wir nicht mehr tun, als aufmerksam Ruder zu gehen. Das Wetter ist wie für uns persönlich bestellt. Um 15.45 kommt Steuerbord voraus Land in Sicht. Die Südwestspitze Irlands. Wir stürmen mit mehr als 9 Knoten auf die Felsen von Skellig Michael und Little Skellig zu. Auf diesen völlig unzugänglichen Felsen bauten im 6. Jahrhundert frühchristliche Mönche ein Kloster und missionierten die Iren. Landen können wir nicht, aber wir wollen es uns einmal anschauen. Um 20.00 segeln wir zwischen den Inseln durch. An Backbord das ehemalige Kloster, an Steuerbord Little Skellig mit tausenden von brütenden Basstölpeln. Beide Inseln extrem steil, zerklüftet und unzugänglich. Unser erster Hafen soll Dingle sein und nach 320 Seemeilen und einer der schnellsten Reisen, die die Petrine je gesegelt ist, laufen wir kurz vor Mitternacht dort ein.
Wir sind in Irland! An der Westküste!!

Freitag, 25. Juli

Dingle verwöhnt uns heute mit irischem Wetter von der angenehmen Art: Erst Nieselregen, dann Sonnenschein. Die Stadt lockt mit bunten Fassaden, zahlreichen Pubs, schönen Schaufenstern und touristischem Angebot. Einige von uns spazieren zum Leuchtturm, andere radeln in die umliegenden Berge. Abends musiziert die eine Hälfte der Crew an Bord, die andere Hälfte besucht ein Folkkonzert in der Kirche und erlebt dort, wie vital die irische Volksmusik ist. Die meisten Musiker sind keine 30 Jahre alt, beherrschen das traditionelle Repertoir und bringen es doch auf eine Weise zu Ohr, die es so vor 10 Jahren noch nicht gab. Besonders begeistert uns ein Akkordeonspieler, eher 20 als 25 Jahre alt, der so virtuos und fetzig spielt, dass die ganze Kirche vibriert. Seine Mine dagegen bleibt so ausdruckslos, als gucke er einen  besonders langweiligen Film und alle Begeisterungsstürme des Publikums können daran nichts ändern. Schon während die anderen Musiker sich  nach der Zugabe verbeugen und freundlich winken, packt er sein Akkordeon in den Kasten und verlässt grußlos den Saal. Als wir uns nach kurzem Luftholen in der Abendsonne noch auf ein Guinness in den Pub verholen – sitzt er dort schon wieder mit gleicher Mine und spielt Akkordeon, diesmal im Duett mit einer Akustikgitarre. So werden aus einem Guinness viele, denn solange Damien Mullane Akkordeon spielt, verlassen wir nicht den Pub. Er dagegen geht schon mal zwischendurch raus oder schreibt eine SMS, während das Publilkum applaudiert. Dies ist zwar nicht irgendein Pub, sondern der An Droichead Beag, stolz auf tolle Sessions an jedem Abend des Jahres und Dingle ist auch nicht irgendein Ort in Irland, sondern bekannt für gute Musik während der Touristensaison, aber dass wir heute dieses spezielle Musikerlebnis zweier Konzerte eines so besonderen Musikers haben, ist schon ein ganz außergewöhnliches Glück. Damien Mullane. In 5 Jahren kennt ihn die Welt.

Samstag, 26. Juli

Um 10.00 verlassen wir den Hafen von Dingle und setzen in der Bay Segel. Zum Slea Head , dem westlichsten Punkt der Insel Irland, kreuzen wir auf und dann geht es mit achterlichem Wind nordwärts durch den Blasket Sound. Eine tolle Felsküste zu beiden Seiten erfreut uns, später begleiten Delfine das Schiff und wir machen flotte Fahrt unter vollen Segeln. Achteraus das spektakuläre Bergpanorama der Dingle Halbinsel mit bizarren Steilküsten, sandigen Buchten und dem Mount Brendan, dessen Gipfel in knapp 1000 Metern Höhe heute in den Wolken liegt.  An den atlantischen Schwell haben sich mittlerweile alle gewöhnt und allerleckerstes  Irish Stew mit Lamm, Kartoffeln, Kohl und Zwiebeln runden einen weiteren gelungenen Segeltag ab.

Sonntag, 27. Juli

Um 6.30 fällt der Anker in der Hafenbucht von Inishmore, der größten der Aran Islands. Die Maschine müssen wir bis hierher nicht benutzen. Das Sonntagsfrühstück zieht sich bis halb 11 in die Länge; heute wollen wir hier bleiben. Die Aran Islands wurden in den 30er Jahren bekannt durch den Film „The Men Of Aran“. Das traditionelle, überaus harte und arbeitsreiche Leben der Menschen an der Westküste, damals bereits im Schwinden begriffen, wurde hier dokumentiert und für die Nachwelt festgehalten. Von diesem Ruf zehren die Insulaner bis heute und übersetzt in heutige Verhältnisse bedeutet dies: Zur Hochsaison etwa 2000 Tagestouristen. Die Insulaner stechen weder Torf, noch düngen sie ihre Felder mit Seetang. Vielmehr betreiben sie alle Arten von Beförderungsmitteln von basic (Kleinbus) bis luxury (Eselskarren), Restaurants, Kebabbuden, Unterkünfte. In ganz großem Stil werden auch Original Sweater verkauft, auf Aran gesponnen und gestrickt. Trotz dieses Auftriebs ist die Insel eine wunderschöne, auf der man sich nach Belieben in die alte Zeit zurückträumen darf so lange keine Gefahr besteht, dort zu erwachen. Jenseits des Touristenpfades begegnet einem kein Mensch. Wer sich nicht scheut, hunderte von Steinwällen zwischen den Weiden und Feldern kletternd zu überqueren, der wird mit wunderschöner Aussicht aufs Meer belohnt. Hoch oben steht man auf der Steilküste und hört die Brandung des Atlantik tosen. Auch an einem windstillen Tag wie heute. Dies alles können wir heute schön einfach erleben, denn wir liegen fest an einer Pier und bei Sonne scheint. Vorher müssen wir uns allerdings wenige hundert Meter durch einen Trubel kämpfen, der einer belebten Fußgängerzone in Deutschland gleicht.

Montag, 28. Juli

Verspätet kommen wir heute los, denn morgens liegen wir an der Pier auf Grund. Um 10.00 motoren wir südwärts durch George´s Channel, denn wir wollen uns die Steilküste von Inishmore von See aus angucken. Daraus wird aber nichts Rechtes, denn es setzt Dauerregen ein, verbunden mit entsprechender Sichtverschlechterung. An Deck hockt einsam eine eingeplünnte Wache, der Rest fleetzt sich unter Deck in unterschiedlichsten Wachzuständen. Mittags können wir Segel setzen. Es regnet weiterhin, aber im Osten kommen die Berge Connemaras in Sicht. The Twelve Pins heißt eine Gruppe etwa gleich hoher Berge. Und voraus sehen wir Slyne Head, eine Kette kleiner Inseln und Felsen, auf deren westlichstem Ende ein schöner Leuchtturm trohnt. Um 19.00 gehen wir vor Clifden Castle zu Anker, werden vom hiesigen Jachtclub freudig begrüßt und starten alsbald die Sauna.

Dienstag, 29. Juli

Wer trotz des Nieselwetters den Landgang per Beiboot und 2 km Fußweg nach Clifden nicht scheut, der wird belohnt mit saftigen grünen Wäldern und Weiden, einem malerischen Tal, dessen Fjord heute Vormittag kaum Wasser führt und einem ansehnlichen, munteren Kleinstädtchen. Nach dem Mittagessen ist das Wasser zurückgekehrt in den Fjord und wir können mit Petrine bis an die Pier von Clifden fahren. Wir füllen Lebensmittelvorräte, Wasser- und Dieseltank auf und verlassen mit demselben Hochwasser wieder die Pier. Um 16.00 segeln wir im feinsten Sonnenschein vor der Küste Connemaras nordwärts. Im Osten die Twelve Pins, weiter nördlich der Heilige Berg Irlands, der Croagh Patrick, um uns herum Inseln und Felsen, im Norden lockt Achill Island, County Mayo, unser nächstes Ziel.
Am späten Nachmittag erleben wir einen eindrucksvollen Frontaufzug, der sich von Süden nähert. Dicke schwarze Wolken rollen heran und wir reffen schon mal vorsorglich das Groß, bergen Top- und Vorsegel in Erwartung des Windes, der unterhalb solcher Wolken oft weht. Diesmal aber nicht, es trübt sich nur generell das Wetter ein. Also wird alles wieder hochgezogen und mit moderater Fahrt segeln wir auf das Westkap von Achill Island zu. Um 23.00 reffen wir dann abermals und diesmal frischt es schnell auf. Eine halbe Stunde später, mit gerefftem Groß und Besan und Fock laufen wir in stockdunkler Nacht und Regenschauern mit 10 Knoten um Achill Head herum.

30. Juli, Mittwoch

Herzlichen Glückwunsch, lieber Horst, lieber Jochen. Heute ist Doppelgeburtstag an Bord und auch bei 7 Windstärken wird er mit einem Geburtstagsständchen und bunten Lichtern eingeleitet. Nachdem wir Achill Head gerundet haben, segeln wir schnell und in ruhiger See die Nordküste von Achill entlang und um 2.00 fällt der Anker vor Bull´s Mouth, der Nordeinfahrt in den Achill Sound. Dieser ist flach und steinig und Bull´s Mouth beheimatet den stärksten Gezeitenstrom in Irland: Bis zu 8 Knoten. Um 5.20, bei Hochwasser, fahren wir hindurch und suchen uns einen Ankerplatz im flachen Wasser. Dummerweise schlippt der Anker und um 7.00 sitzen wir fest, vermutlich auf Steinen. Ganz ungemütlich. Das Wasser läuft zügig ab und auf Steuerbordseite ist ganz dichte bi Schrott zu erkennen. Wir feiern erstmal weiter die Geburtstage; ein ausgiebiges, schönes Frühstück im geschmückten Salon. Anschließend sehen wir klarer: Wir sind auf einer Muschelzucht gelandet und der Schrott an Steuerbordseite ist ein von unserm Anker zerstörter Austernkäfig. Auch das Schiff selbst steht mit seinen 100 Tonnen auf Austernkäfigen. Es wird uns etwas plümerant. Eine Landerkundung mit dem Beiboot ergibt, dass wir an einer einsam gelegenen Pier in einer Flussmündung bei Hochwasser festmachen können. Die Insassen des dort parkenden Autos fragen, wie wir dorthin gekommen sind, wo wir uns jetzt befinden und ob Schaden entstanden sei. Ja, ein Austernkäfig ist mindestens kaputt. Nein, ob Schaden am Schiff entstanden sei. Nein, kein Schaden am Schiff. Den Anker, der sich im Käfig verfangen hatte, haben wir herausgesägt und der Stahlrumpf soll es wohl vertragen können. Sie fahren von dannen mit dem Auftrag, dem Eigner der Austernbänke Bescheid zu sagen. Um 15.00 schwimmen wir von den Austernbänken auf. Wir gehen zu Anker, kontrollieren, ob die Schraube frei dreht und starten die Maschine. Um 15.45 nehmen wir Kurs auf die zuvor erkundete Pier von Bunacurry. Von weitem ist bereits deutlich zu erkennen, dass dort jetzt eine ganze Reihe von Autos herumstehen und ein Pulk Menschen außerdem. Je näher wir kommen, desto deutlicher ist zuerkennen, dass sich unter den Menschen auch eine Anzahl Uniformierter verschiedener Couleur befindet. Auf den letzten Metern vor der Pier fahren wir uns fest, wie es zu erwarten war, aber mit dem Bug liegen wir an der Pier, was den Uniformierten das Übersteigen ermöglicht. Zoll, Grenzbeamte und Polizei sind vertreten. Was ist passiert? Schaden? Ja, mindestens ein Austernkäfig. Nein! Ob Schaden am Schiff entstanden sei. Dann verläuft sich das Gespräch in Anekdoten aus dem Polizistenleben. Wir landen bei einem vor 30 Jahren untergegangenen Fischkutter aus Keel auf Achill Island. Ich war 1978 dort, als das ganze Dorf trauerte. Der Polizist ebenfalls, denn er ist aus Keel. By the way, um was geht es eigentlich bei dieser Kontrolle? Oh, nichts besonderes, ob ich nicht auch in Deutschland gehört habe, dass vor 2 Jahren bei Cork an der Südküste ein Kokainschmuggler geschnappt worden sei, Gesamtwert des Kokains 1,2 Milliarden Euro? Nee, nicht gehört. Seitdem kontrolliere man öfter mal Schiffe und unseres sei ja nun mal was besonderes, so ein Schiff sei noch nie in Bunacurry eingelaufen. Ob wir nicht an die Pier verholen möchten, das Wasser sei gestiegen. Polizei, Zoll und aufgelaufene Menschenmenge packen mit an, ein Fischer spielt Schlepper und so liegen wir um 16.30 längsseite. Das ermöglicht dem örtlichen Kindergarten das Übersteigen und die mutigeren Besucher nehmen ebenfalls die Gelegenheit wahr. Wir sind mitten in Irland, das beweist ein Blick in die Menschenansammlung auf der Pier: Kleine, rothaarige, sommersprossige Kinder, junge Männer mit freundlichen Augen und energischem Kinn, alte Männer im Ausgehanzug mit Krückstock und karierter Mütze. Sie mustern mit schief gelegtem  Kopf und kritischem Blick wohlwollend das Segelschiff. Das größte Schiff, das je in Bunacurry eingelaufen sei. Und überhaupt wonderful. Als die Polizei sich verabschiedet kommen wir nochmal auf die Austernbänke zu sprechen. Schaden? Ja, mindestens ein Austernkäfig. Nein! Ob Schaden am Schiff entstanden sei. Nein, aber…. Don´t worry, good bye. Etwas verwirrt wenden wir uns wieder den Geburtstagen zu. Das Wetter ist mittlerweile recht freundlich geworden, der starke Südwestwind hat nachgelassen. Wir wollen grillen. Aber wo? Auf der Pier ist eigentlich kein Platz mehr. Überall sind Menschen, denn die Kindergartenkinder sind mit Familie und Nachbarn zurückgekehrt. Mit dem Auto muss man jetzt schon weit vor der Pier am engen Weg parken, was wiederum das Wegfahren erschwert. Wir bauen den Grill auf, schleppen Salate und Bier heran, was allgemeine Zustimmung hervorruft. Alle, die mögen, besichtigen das Schiff, wir erzählen nebenbei von unserer Reise und beantworten Fragen. Was für ein Segelschiff dies sei und warum wir damit einen so weiten Weg nach Bunacurry gesegelt seien. Eine Stunde vor Sonnenuntergang, das Licht hat genau die richtige magische Färbung, wird es völlig windstill. Im Osten sind die Berge von Mayo, im Süden und Westen die Berge von Achill Island zu sehen. Der Besucherstrom ebbt etwas ab. Unsere Frauen üben sich im Chorgesang, der Grill arbeitet auf Hochtouren, Salatschüsseln und Bierkiste leeren sich. Als es dunkel wird, verholt sich ein Teil von uns der Mücken wegen in den Salon zum Musizieren. Ein anderer Teil bleibt satt, zufrieden und etwas betüdelt auf der Pier sitzen. Da nähert sich ein letztes Auto, der Fahrer steigt aus und schlendert auf uns zu. Michael sein Name, er sei der Besitzer der Austernbänke. Ob Schaden entstanden sei. Ja, mindestens ein Austernkäfig sei zerstört, weil unser Anker… Nein, ob Schaden am Schiff entstanden sei. Wohl nicht, soweit haben wir bislang nichts bemerkt. Ob wir die Austern mitgenommen hätten? Nein! Nicht doch! Er verdreht etwas genervt die Augen. Dann müsse er wohl welche holen. Als Michael zurückkehrt, hat er einen Sack voll Austern und ein Werkzeug zum Öffnen dabei. Ausführlich bekommen wir erklärt, wie so eine Auster fachmännisch geöffnet wird  und tatsächlich klappt es danach auch ganz gut. Wir bedanken uns ausführlich und mit einer Flasche edlem Hochprozentigen, bevor Michael sich fröhlich winkend verabschiedet. Wir sitzen noch eine Weile auf der Pier herum, schlürfen Austern und versuchen zu begreifen, was passiert ist.

Mittwoch, 31. Juli

Heute verteilt sich die Crew auf Achill Island. Strandwandern, Bergsteigen auf den Slievemore (668m), Sightseeing (Heinrich Bölls Ferienhaus), Pubs, verlassene Dörfer. Thomas will PJ Gallagher besuchen, auf dessen Campingplatz er mit einer Gruppe von Freunden vor 30 Jahren einen denkwürdigen Sommer verbracht hat. Inzwischen hat PJ seinen Campingplatz aufgegeben und das ganze Gebiet an Investoren verkauft, die dort Ferienhäuser errichten. PJ ist jetzt ein schwerreicher Mann. Damals haben sie einen Sommer lang gemeinsam eine Sause nach der anderen gemacht, ob er sich noch erinnert? Thomas steigt vor PJs altem Laden aus dem Bus, wir fahren weiter zum Slievemore. Der Aufstieg ist anstrengend und schweißtreibend trotz bedeckten Himmels. Oben angekommen genießen wir zunächst eine tolle Aussicht bis nach Connemara im Süden, auf die vorgelagerten westlichen Inseln im Atlantik, auf die Buchten und Berge von County Mayo im Norden und Osten. Dann ziehen langsam Wolken den Berghang hinauf und es trübt sich ein. Das ist nicht minder schön, denn wir haben immer mal wieder Fernsicht zwischen den Wolkenvorhängen bis hin zur Petrine an der Pier in Bunacurry. Im Nieselregen steigen wir ab über einen beeindruckend schmalen Berggrat und landen schließlich direkt vor dem ehemaligen Laden von PJ Gallagher, der inzwischen von Ferienhäusern umgeben ist, die sich vergeblich bemühen, wie ein Original Irish Cottage auszusehen. Thomas ist nicht mehr dort. Im Laden sitzt ein alter Mann im Dunkeln zwischen Konservendosen und Keksen. Nachdem sich unsere Augen an das Schummerlicht gewöhnt haben, kaufen wir jeder ein Eis und paar Kekse. Vor dem Laden setzen wir uns im Regen auf Bänke, schlabbern unser Eis, genießen den Blick auf den Slievemore sofern die Wolken das zulassen und freuen uns, so rechtzeitig losgegangen zu sein und die schöne Aussicht erlebt zu haben. Zurück auf dem Schiff schwärmt Thomas vom Wiedersehen mit PJ. Der habe sich auch gleich erinnert und gemeinsam habe man eine Karte an einen Freund von damals geschrieben. PJ und dieser Freund haben über 30 Jahre Briefkontakt gehalten. Nun, wir waren auch dort, im Laden sogar, haben PJ aber nicht getroffen. Wieso nicht? PJ, das ist der alte Mann, der dort Kekse und Konserven verkauft.

Um 17.30 sind alle wieder an Bord. Es nieselt und es weht kaum Wind. Wir wollen aufbrechen Richtung Donegal. Das hat sich herumgesprochen und die Menschenansammlung auf der Pier wird schon wieder größer, trotz des Regens. Das mag auch daran liegen, dass das lokale Radio über uns berichtet hat. Unter viel Gewinke und Gerufe verlässt die Petrine die Pier von Bunacurry,  dieses gastfreundlichsten aller Häfen. Um auch etwas beizutragen, setzen wir Groß und Fock und nehmen Kurs auf die Engstelle von Bull´s Mouth. Noch lange sehen wir die zugeparkte Pier von Bunacurry achteraus, dann wird es dort wieder leer, wie vor 2 Tagen. Als wir uns Bull´s Mouth nähern, setzen wir noch mehr Segel. Der Wind kommt zwar von vorne, aber es steht dort eine Menschenmenge mit Fähnchen, geschwenkten Hüten, Gewinke, darunter auch viele bekannte Gesichter aus Bunacurry. Es ist nur schwer zu fassen… Dann setzt Nordwind ein, wir können tatsächlich segeln, die Maschine schweigt. Um nach Donegal zu segeln, müssen wir allerdings auf West- oder Südwestwind warten. Also fällt der Anker um 21.30 östlich der Insel Inishkea.

Freitag, 1. August

Inishkea ist heute unbewohnt. Eine ansehnliche Zahl verfallener Häuser steht rings um die Bucht, hier haben bis vor 70 Jahren mehrere hundert Menschen gelebt. Diese haben sich im Zuge des irischen Bürgerkriegs in den zwanziger Jahren so verfeindet, dass die Insel evakuiert wurde. Heute werden einzelne wenige Häuser wieder als Sommerhaus genutzt. Ungenutzt seit 100 Jahren verfällt außerdem eine ehemalige norwegische Walfangstation. All dies schauen wir uns im Laufe des Vormittages an, klettern über Feldmauern, stören ein wenig die Schafe, die Inishkea beweiden und suchen gelegentlich Schutz vor den Regenschauern.  Nachdem der Wind auf West gedreht hat, gehen wir zur Mittagszeit Anker auf. Wir segeln aus den Felsen heraus auf den Atlantik. Um 16.00 runden wir im Sonnenschein Erris Head, die Nordwestecke von County Mayo. Recht bequem und vor dem Wind nehmen wir Kurs auf den Slieve League, eine 600 Meter hohe Felswand an der Nordküste der Donegal Bay.

Samstag, 2. August

Eine gute Stunde nach Mitternacht liegen wir fest an der Pier von Teelin. Morgens stelt sich dann heraus, dass es hier alles gibt, was wir brauchen: Frischwasser, elektrischer Strom und Müllentsorgung sind unsere mittlerweile allerdringlichsten Anliegen. Weiterhin gibt es nahebei das schöne Dörfchen Carrick, noch näher bei einen Pub mit abendlicher Musik und für die Bergwanderer gibt es den Slieve League. Wir bleiben also heute liegen.

Sonntag, 3. August

Um 6.00 legen wir ab und können vor dem Frühstück alle Segel setzen. Kurs Nord entlang der Küste von Donegal. Zunächst regnet es ein wenig, dann regnet es in Strömen. Nach dem schönen Wetter der vergangenen Tage darf es das gerne einmal. Es ist nur schade, dass gerade diese wundervolle Küste, vielleicht die schönste, auf jeden Fall die vielfältigste Küste in ganz Irland, nur gelegentlich und schemenhaft als graue Silhouette an uns vorbeizieht. Wir passieren The Rosses, eine wunderschöne Heidelandschaft mit vielen Seen, vorgelagerten Schäreninseln. Wir passieren die Insel Aranmore und um 15.00 Bloody Foreland. Dieses Kap schimmert in der Abendsonne in allen Schattierungen von Rot. Daher der Name. Heute liegt es grau hinter einem Regenschleier. Wir segeln weiter, nutzen den Südwestwind und wollen am Abend in einem der Fjorde an der Nordküste Donegals ankern. Hier gibt es alles, was eine schöne Küste ausmacht: Steile, felsige Abbrüche, dazwischen schneeweiße Sandstrände, kleine Inselchen zur Zierde und hohe Berge, die alles überschauen. Zu unserer Freude bricht sogar die Sonne durch. Um 16.00 passiert es dann: Der Wetterbericht droht mit starkem Ostwind für die kommende Woche. Genaue Recherche ergibt: Wir müssen weitersegeln, den Westwind nutzen, solange er uns erhalten bleibt. Auf Wiedersehen Donegal, dieser überstürzte Abschied tut weh. Etwas versüßt wird er uns durch den kräftigen Wind, der uns mit bis zu 9 Knoten vorantreibt, um Horn Head, Melmore Head, Fanad Head und schließlich um das irische Nordkap, Malin Head.

Montag, 4. August

Nach Mitternacht schläft der Wind ein und die Tide wird ungünstig. Wir wechseln die Gastlandflagge von irisch zu britisch und motoren ein letztes Stückchen bis in den Hafen von Portrush. Am Vormittag geht es weiter, bei Windstille und strahlendem Sonnenschein fahren wir ostwärts an der Küste von Antrim. Um 14.00 machen wir auf Rathlin Island fest und werden so freundlich und zuvorkommend empfangen wie überall in Irland. Dazu heißen uns Sonnenschein und Wärme willkommen und nach dem Mittagessen leert sich das Schiff zügig. 3 grosse Leuchttürme gibt es hier zu bewundern, ungezählte Vogelfelsen, Klippen, Berge, Weiden, saftiges Grün im Sonnenschein überall. Dennoch beschliessen wir beim Abendessen, noch heute Abend abzulegen. Der Ostwind ist uns auf den Fersen, morgen soll er mit Macht kommen. Zuvor wollen wir noch die Einfahrt in die Irische See und den Mull Of Kintyre hinter uns bringen. Die Tide ist günstig und bei Windstille motoren wir zunächst in Sichtweite der Antrim Küste und dann – leider im Dunklen – um den viel besungenen Mull Of Kintyre herum. Jetzt sind wir in Schottland!

Dienstag, 5. August

Um 1.00 machen wir in Campbeltown fest. Schon bald merken wir, dass die Schotten den Iren in Sachen Freundlichkeit nicht nachstehen. Hilfe aller Art bekommen wir angeboten, viele Leute interessieren sich für Schiff, Segelei und bisherige Reise. Ort und vor allem Umgebung bieten uns viele Möglichkeiten, den segelfreien Tag zu gestalten. Eindrucksvoll für das mitteleuropäische Auge sind Ladensortimente und Schaufensterdekorationen in dieser Kleinstadt. So viele kreischende Farben, gnadenlos nebeneinander präsentiert, sieht man anderswo in Europa nicht. Am Abend fahren einige mit dem Kleinbus zum Mull Of Kintyre. Bei zur Landschaft passendem Wetter – Regen, Dunst, 12 Grad – können wir durch die Heidelandschaft laufen. Es ist wunderschön hier, so wie Paul McCartney es besungen hat. Far have I Travelled, much have I seen, Nothing to compare to the Mull Of Kintyre. Abends an Bord allerdings wird ein anderes Lied zur Nr.1 der Schiffshitparade. Kathy´s Song von Simon and Garfunkel:

I hear the drizzle of the rain
Like a memory it falls
Soft and warm continuing
Tapping on my roof and walls

Der Wetterbericht hat es so ausgedrückt: Heavy rain, later becoming occasional for a time.

Mittwoch, 6. August

Um 9.00 verlassen wir den gastlichen Hafen von Campbeltown mit Kurs Nord. Wind weht heute keiner, später wird er von Norden kommen. Wir fahren also mit Maschine durch die schottischen Lochs, so heißen hier die Fjorde. Diese werden im Laufe des Tages immer enger und schöner. Die Berggipfel, bis zu 800 Meter hoch, sind meist in Wolken gehüllt, aber Felsküste, Sandstrände, dahinter Weiden und Heidelandschaft sind heute unser Programm. Um 16.30 haben wir den perfekten Platz gefunden: Ein kleines Inselchen zum Festmachen an den Bäumen, ein Leuchttürmchen in der Nähe zur Freude des Auges, Mischwald bis hinauf auf 300 Meter, danach kahle Heidelandschaft bis in die Wolken. Dazu das Wetter aus Kathy´s Song. Wir saunieren bis es dunkel wird, dann verholen wir an die Pier von Tighnabruaich im Kyle of Bute.

Donnerstag, 7. August

Wir verleben einen faulen Vormittag am Kyle of Bute (Engstelle bei der Insel Bute). Bei Spaziergängen stellen wir fest, dass dies eine bevorzugte Wohngegend sein muss, vielleicht auch für Leute, die in Glasgow arbeiten. Oder zumindest Geld verdienen. Fischerhütten gibt es hier keine, eher Herrenhäuser, manchmal Paläste, Villen sind das mindeste, was hier aufs Wasser schaut. Am Nachmittag motoren wir ostwärts weiter durch wunderschöne Lochs. Segelversuche misslingen, aber die Bilderbuchlandschaft ringsherum entschädigt uns mehrfach. In Rothesay auf der Isle Of Bute finden wir keinen Platz im Hafen und so fahren noch ein Stückchen auf dem Firth Of Clyde Richtung Glasgow. Um 18.00 machen wir im Holy Loch fest. Schiffe aller Art liegen hier vertäut und vermoort. Dazu haben wir eine verlockend schöne Aussicht auf die Berge im Westen. Ein abendliches Fisch-Festessen mit Original portugiesischen Bacalau (von portugiesischen Fischern gefangen, eingesalzen und uns geschenkt in Dingle) rundet den Tag ab.

Freitag, 8. August

Vormittags machen wir Klar Schiff, denn das Ende dieses Törns rückt unerbittlich näher. Währenddessen übertreffen sich die Beschäftigten der Marina im Holy Loch gegenseitig durch Hilfeleistungen und Gefälligkeiten aller Art. Gas und Karten werden besorgt und auch ein Liegeplatz in Glasgow wird arrangiert. Um 12.00 legen wir ab und nehmen Kurs auf die Mündung des Clyde. Greenock war jahrzehntelang der Hafen von Glasgow, ist es auch noch heute, aber nur noch als Schatten seiner selbst. Es gibt hier keine Werften mehr, nicht mehr viel Warenumschlag und so sind überall Verfall und Niedergang zu sehen. Flußaufwärts wandelt sich die Szenerie und wir wähnen uns wieder in den Lochs. Grüne Hügel, ab und zu ein Castle und bunte, kleine Städtchen säumen den nunmehr schmalen Flusslauf. Um 15.00 fahren wir unter der Erskine Brücke durch und haben die Vorstädte von Glasgow erreicht. Überall ist der Clyde im Wandel: Werften, Verladekräne und Piers verschwinden, es entstehen Hotels, ein College und vor allem Apartments mit Blick aus Wasser. So wird das 21. Jahrhundert aussehen, hier, wo die Wiege der schottischen Seefahrt stand und Britannias Herrschaft über die Meere eingeläutet wurde. Um 18.00 machen wir in Glasgow vor dem Scottish Maritime Museum fest. Dies liegt praktischerweise direkt beim riesigen Braehead Shopping Center, das auf jedem Stadtplan leicht zu finden und mit Bussen und Wassertaxis bestens zu erreichen ist. Die Sonne kommt durch und der Kulturschock, den uns das große Einkaufszentrum verpasst, wird schnell überwunden. Man kann hier fantastisch einfach und schnell einkaufen, Lebensmittel für die kommenden 3 Wochen zum Beispiel. Und abends an Deck, bei Musik, Wein und Bier, haben wir die Abenddämmerung, den halben zunehmenden Mond, die Lichter von Glasgow, die sich im Wasser des langsam dahinfließenden Clyde spiegeln, schon wieder ganz für uns. Shopping Center und Museum liegen verlassen im überirdisch schönen Licht.

Samstag, 9. August

Heute liegen wir den ganzen Tag in Glasgow beim Braehead Shopping Center, vor dem Scotish Maritime Museum. Morgens um 7.00 reisen die ersten Irlandsegler ab nachhause.

Was für eine schöne Reise haben wir hinter uns! 2 Wochen lang immer der günstige Wind, Landschaften, Menschen, was wir in den Häfen erlebt haben… Hätten wir es uns vorher so schön gewünscht, wäre das sehr unverschämt gewesen. Diese Reise war ein Traum. 936 Seemeilen haben wir seit Brest zurückgelegt, allermeistens begünstigt von Wind und Tide. Wen schert das bischen Regen, wen schert es, dass in den letzten 5 Tagen nur Flaute war, wenn wir Irland auf so großartige Weise genießen durften.

Die Schottlandreise

Samstag, 9. August 2008

Im Laufe des Tages reisen immer mehr Schottlandsegler an und um 20.00 ist die Crew komplett. Wir essen zu Abend, stellen uns vor und teilen die Wachen ein. Außerdem einigen wir uns darauf, dass wir nach Möglichkeit nördlich um Schottland segeln möchten und nur notfalls durch den Kaledonischen Kanal fahren möchten. Gegen Mitternacht ist immernoch viel Betrieb auf dem Schiff.

Sonntag, 10. August

Um 8.30 machen wir die Leinen los in Glasgow am Braehead Pontoon und tuckern den Clyde abwärts. Sicherheitseinweisung, Verklarung der Segel. Um 14.00 gehen wir vor Rothesay zu Anker. Währtend der 3stündigen Pause wird die Stadt in Augenschein genommen, Unmengen von Wäsche in der Sonne getrocknet und: Es werden erstmals Fische gefangen! Heute Abend wird es Makrelen geben. Um 17.00 gehen wir Anker auf und setzen alle Segel. Hoch am Wind und mit flotter Fahrt segeln wir südwärts im Firth Of Clyde. Unser erstes Ziel ist Islay, aber dafür muss morgen erst noch – wie vom Wetterbericht versprochen – der Wind auf Südost drehen. Für heute begnügen wir uns mit einem schönen Segelabend, der eine halbe Stunde vor Mitternacht in der Lamlash Bay endet. Zwischen der großen Insel Arran und dem kleinen Holy Island liegen wir zu Anker.

Montag, 11. August

Um 5.00 rauscht die Ankerkette aus. 120 Meter, dann wird sie abgebremst. Das wird uns morgen eine Weile beschäftigen. Nach dem Frühstück stellen wir fest, dass wir reichlich weit von Land entfernt liegen und es zweitens in Strömen regnet. Wir bleiben also an Bord, vorzugsweise unter Deck. Geangelt wird, erfolgreich sogar, es gibt Makrelen. Um 11.20 beginnen wir, die Ankerkette hochzukurbeln und um 12.00 segeln wir aus der Bucht. Hoch am südlichen Wind mit Kurs Südost, denn der Wind hat noch nicht gedreht. Im  Laufe des Nachmittags nimmt der Wind zu. Die dazugehörige Welle bekommt nicht allen gut. Nach einer Wende können wir in der Abenddämmerung knapp südlich an der kleinen Insel Sanda und am Mull Of Kintyre vorbeisegeln. Die Tide läuft nun zügig mit, die Seekranken genesen recht schnell, denn der Wind weht nun von achtern. Wunderbar bequem segeln wir durch die Nacht, an Steuerbord schottische, an Backbord achteraus irische Leuchtfeuer in Sicht. Mit gut 7 Knoten eilen wir auf Port Ellen zu, den Hauptort der Insel Islay.

Dienstag, 12. August

Um 2.00 machen wir in Port Ellen fest. Heute wollen wir den ganzen Tag hier liegenbleiben und studieren, welchem Gewerbe die Insulaner auf der Insel Islay in Besonderheit nachgehen. Nach dem verspäteten Frühstück stellen wir erst einmal fest, dass wir in einem wunderschönen Dorf gelandet sind. Die Häuser ducken sich kreisförmig um den Hafen herum, weiss und grau und ganz wunderbar einfach. Auch, oder gerade, weil sie durch einen dichten Schleier von Regentropfen zu sehen sind. In schlichter Schönheit umstehen sie dicht gedrängt das Hafenbecken. Die Fassaden werden nicht von Schaufenstern, die Straßen nicht allzu sehr von Autos verunstaltet. Der Tourismus beschränkt sich auf ein gelegentliches Bed & Breakfast, viele davon auch im August mit Schild „vacant“. Wovon lebt die Insel? Sie lebt von der Verarbeitung von Gerste, Torf und Wasser. Die Gerste wird alle 14 Tage mit einem Frachter nach Port Ellen angeliefert. Die frischen Keimlinge werden am Hafen im Torfrauch nach uraltem Rezept getrocknet und an die 8 ansässigen Verarbeitungsbetriebe ausgeliefert. Torf gibt es auf Islay überreichlich, beim derzeitigen Abbautempo noch für ein paar Jahrhunderte. Nachmittags fahren wir mit dem Bus zum Getränkehersteller „Ardbeg“. Hier wird Wasser über die geschroteten und gerösteten Gerstenkeimlinge gegossen. Das Wasser auf Islay wird noch mehrere Jahrtausende reichen, gerade heute fällt es wieder frisch und reichlich auf Moor und Heide. Aus 9 Tonnen Schrot wird täglich 25 Kubikmeter schmackhafte, süße, malzhaltige Flüssigkeit gewonnen, die die Insulaner nicht trinken. Diese wird 5 Tage lang durch Zusatz von Hefe vergoren. Hierbei entsteht ein recht schmackhaftes Starkbier, womit sich die Insulaner gleichwohl noch nicht zufrieden geben. Zweifach destilliert verwandelt Ardbeg das Starkbier in so genanntes „Newmake“. Nachdem es in alten Fässern 3, 10 oder 12 Jahre lang gelagert wurde, heißt das Getränk „Single Malt Whisky“. Dieser wird auf Islay nicht nur bei Ardbeg, sondern auch bei Lagavulin, Laphroaig, Port Ellen, Bowmore, Bruichladdich, Bunnahabhain und Caol Ila hektoliterweise hergestellt und in alle Welt verkauft. Am Ende unserer Besichtigung dürfen wir das Getränk verkosten und käuflich erwerben. Auch Textilien, Bücher, DVDs, Trinkgefäße, Puzzels, Seife, Schmuck undsoweiterundsofort werden hier verkauft. Dies ist der Whisky-Kult.

Mittwoch, 13. August

Die Sonne scheint! Es ist nicht zu glauben, denn wir befinden uns mitten in einem Tiefdruckgebiet. Bei blauem Himmel und Windstille verlassen wir um 9.30 den schönen Hafen von Port Ellen. Wir setzen das Großsegel, um vorbereitet zu sein, falls Wind aufkommen sollte. Dann tuckern wir südlich und östlich der Insel Islay gen Norden. Wir haben wunderbare Fernsicht auf die 800 Meter hohen Berge von Jura, den Mull Of Kintyre und im Süden bis zum 100 km entfernten Irland. Mittags stoppen wir zum Angeln, leider erfolglos. Unser Ziel ist Jura, die wildeste der kaledonischen Inseln. 400 Quadratkilometer groß, 180 Einwohner, 5500 Stück Rotwild. Um 15.30 machen wir dort fest. Wir finden hier nicht nur eine Pier vor, nein, an der Pier liegt auch noch ein besonders interessantes Schiff: Das letzte schottische „Pufferboat“. 50 Stück davon wurden im 2. Weltkrieg gebaut. Das Design ist allerdings gut 30 Jahre älter und angetrieben wird das schöne Schiff mit dem poetischen Namen VIC 32 auch heute noch von einer Dampfmaschine. Der große kohlebefeuerte Kessel betreibt Hauptmaschine, Generator, Pumpen und mittels Wasserdampf auch eine einoktavige Orgel. Sogleich kommt wechselseitiger Besichtigungsverkehr zwischen den Schiffen in Gang. Einige von uns wagen den Aufstieg zu den 800 Meter hohen Gipfeln der „Paps of Jura“. Es geht durch einmalig schöne Hochmoore, die allerdings auch einmalig tief sind. Man sackt hier teilweise bis zu den Knien ein. Die Vegetation, ein rosaroter Sonnenuntergang und ein milchigweißer Mondaufgang, dies alles bereichert durch den Anblick des zahlreichen Rotwilds in den Bergen. Der Gipfel bleibt den Wanderern allerdings verwehrt, die Dämmerung zwingt sie um 20.30 zum Umkehren und erst um 23.00 sind alle wieder wohlbehalten an Bord. Später kommen nur diejenigen, die sich in den 300 Meter entfernten Inselpub begeben hatten.

Donnerstag, 14. August

Die Sonne hat sich heute wieder hinter einen Vorhang zurückgezogen. Aber es bleibt trocken. Vormittags bewundern wir das lautlose Ablegemanöver des Pufferboats. Ein Kohlefeuer macht eben kaum Geräusche. Anschließend wandern die meisten von uns zu den Walled-in-Gardens beim Herrenhaus. Einmalig schön, mal abgesehen von den Mücken. Einige andere erledigen Schiffsarbeiten oder machen einen Tag Urlaub. Jedenfalls bleiben wir heute auf Jura, denn der Wind macht heute Pause, nicht ein Lüftchen regt sich. Die Inseln und Halbinseln jenseits des Sundes verschwinden im Dunst, der von der spiegelglatten Wasserfläche kaum zu unterscheiden ist. Jura ist heute der Welt entrückt.

Freitag, 15. August

Nach dem Frühstück legen wir ab. Der Südwind weht mal mäßig, mal schwach und mal garnicht. Mit Unterstützung der Tide  segeln wir nordwärts im Sund zwischen den Inseln Islay und Jura. Hier ist kaum ein Haus zu sehen, es sei denn in der Umgebeung der Destillerien: Caol Ila und Bunna-habhein passieren wir bis mittags. Die größte Freude für das Auge sind die umliegenden Berge. Nur spärlich beweidet, von Tälern tief eingeschnitten, von Heide und Mooren bedeckt. Menschen sind hier kaum zu sehen. Am Nachmittag verlässt uns der Wind wieder. Wir stehen eine Zeit in der Flaute herum. Dann starten wir die Maschine und nehmen Kurs auf Colonsay, die pflanzenreichste Hebrideninsel; es gibt über 500 verschiedene Arten.
Was eigentlich nur eine Notlösung sein sollte, stellt sich schon bald als möglicher Hauptgewinn heraus. Es gibt hier wenige, aber hübsche Häuschen, die in die wilde Landschaft eingestreut liegen. Ein kleiner Laden gleich am Hafen ist voll von nützlichen Dingen und tratschenden Insulanern. Hier gibt es keine Destillerie, aber gleich neben dem Hafen wird in einer kleinen (sehr kleinen) Brauerei ein, wie sich bald herausstellt, recht schmackhaftes Bier gebraut. Um 6.00 heute Abend soll auf der Landebahn ein Rugbymatch stattfinden. Morgen früh dann an gleicher Stelle ein Golfturnier. Die spielen Rugby auf dem Golfplatz? Nein, die Golfer spielen auf dem Rugbyplatz, weil auf dem Golfplatz kürzlich ein Cricketturnier stattfand. Und die Flugzeuge landen sowieso dort, wo es ihnen passt. So geht es zu auf Colonsay. Die größte Nachricht aber und der Grund, warum wir morgen hier bleiben wollen: Morgen Abend wird es einen CEILIDH geben!!!

Samstag, 16. August

Die große Pier von Colonsay, an der wir liegen ist leider sehr dem Schwell ausgesetzt, den der Südostwind über Nacht aufgebaut hat. Nun ja, es lässt sich aushalten. Außerdem ist die unternehmungslustige Crew auch schon bald auf verschiedenen Wegen über die Insel unterwegs. Eine Furt verbindet die Insel im Süden mit der Nachbarinsel Oronsay und diese hat eine alte Klosterruine anzubieten. Dort hat der Heilige Oron, ein Zeitgenosse des schottischen Nationalheiligen Columban (Colonsay wurde von den Wikingern Colums Öy, also Colums Insel genannt), im Jahre 563 ein Kloster gegründet. Nach einer Stunde Fahrradfahren oder zwei Stunden Wandern durch den Regen muss ein knapper Kilometer feste, sandige Furt gequert werden. Dann sind wir spätestens klitschnass, aber auf Oronsay. Die Klosterruinen übertreffen alle Erwartungen: Wände und Giebel, Teile des Kreuzganges sind erhalten. Ein neues Dach über der Kapelle bewahrt etwa 20 alte, steinerne Grabsteine, reich verziert und beschriftet, vor weiterem Verwittern. Vor der Kapelle steht auf einem Hügel ein beinahe 4 m hohes Keltisches Kreuz. Die Überraschung über den erstaunlich guten Zustand der Ruinen relativiert sich allerdings, wenn man erfährt, dass die Originalgebäude im 16. Jahrhundert entstanden sind, an der Stelle, an der im 6. Jahrhundert Columban und Oron ein Kloster gegründet hatten. Dennoch kann ich mich lange nicht von dem Anblick der grauen Ruinen trennen. Eine Feldmauer bietet leidlich Schutz vor dem strömenden Regen, hinter den Ruinen liegt grau der Atlantik, gesprenkelt mit ein paar schwarzen Inseln (Eilean Dubh), auf denen Robben liegen, Schwärme von Seevögeln, kaum etwas in dieser Landschaft hätte nicht auch vor 500 Jahren so ausgesehen haben können. Und ein Schluck Wasser aus der Plasteflasche schmeckt wie der köstlichste Wein.
Am späteren Nachmittag sind alle wieder zurück an Bord. Wir müssen üben für den Ceilidh! Canadian Barndance, Gay Gordon und Strip-The-Willow klappen nach einem Übestündchen auf der Pier schon ganz gut. Und siehe da, am Abend beginnt der Ceilidh auch genau mit diesen Tänzen. Wir waren wohl nicht ganz unbeobachtet am Nachmittag. Schon bald merken wir, dass es ganz nützlich ist, so ungefähr die Schrittfolge zu kennen. Vor allem aber kommt es darauf an, nicht schüchtern zu sein. Hier tanzen alle mit, vom Zweijährigen bis zum Uropi und die Hauptsache ist, dass man sich trifft und Spaß hat miteinander. Für die Kleinsten werden Spiele veranstaltet, die Großen hatten ja am Vormittag ihr Golfturnier und heute Abend werden die Preise verteilt. Es gibt viele verschiedene Kategorien, in denen ab dem 3. Platz alle nach demselben Schema geehrt werden. Die Dritten erhalten eine Handvoll Golfbälle, die zweiten Golfbälle und eine Flasche Whisky, die Sieger eine Flasche Whisky und einen Pokal. So langsam kennen wir auch die Leute hier, denn Golfspieler, Musiker auf der Bühne, Gesprächspartner von der Pier, es sind doch im Großen und Ganzen immer dieselbe Handvoll Leute. Einmal muss sich der Ansager sogar selber einen Preis überreichen. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Colonsay, wo allein an diesem Wochenende ein Rugbyspiel, ein Golfturnier und ein Ceilidh stattfinden, wo im Herbst ein 4tägiges Celtic Music Festival stattfinden wird und wo die Flugzeuge dort landen, wo es ihnen gerade passt, 80 Einwohner hat. Eine Flasche Whisky und ein Pokal für die aktivste Inselgemeinde, die wir je sahen!

Sonntag, 17. August

Die Sonne scheint! Segel hoch gleich nach dem Frühstück und Kurs Nord auf Iona. Ein letztes Mal bewundern wir bei guter Sicht und Sonnenschein das wilde Inselpanorama: Islay, Jura und die Paps, Scarba im Norden mit dem Corryvreckan, dem extremsten Gezeitenstrom Europas und im Norden die Berge der Insel Mull. Farethewell, Ihr schönen Inseln von Argyll and Clyde, wo wir 2 wunderschöne Wochen verbrachten. Vormittags nehmen wir uns noch Zeit für eine Badepause im mäßig warmen Wasser. Eine Stunde später umkreisen mehrere Heringshaie das Schiff. Sie sind offensichtlich am Fressen, wohlmöglich wirkten unsere Schwimmerinnen appetitanregend. Um 14.00 ankern wir vor Iona, der ältesten bekannten christlichen Klostergründung in Nordeuropa. Seit dem 6. Jahrhundert lebten hier Mönche, zwischenzeitlich wurden sie von den Wikingern vertrieben oder ermordet, auch heute gibt es hier eine christliche Gemeinschaft. Die Spiritualität solcher Plätze erschließt sich allerdings kaum, wie wir auf Iona erfahren, wenn tausende Tagestouristen sich dort tummeln und schon für die Besichtigung des Klosters 6 Pfund Eintritt verlangt wird. Um 17.00 segeln wir weiter, nordwärts an der Westküste von Mull. Gleichzeitig trifft der Wetterbericht für uns die Entscheidung, dass wir nicht nördlich um Schottland, sondern durch den Kaledonischen Kanal fahren werden. Die Vorhersage für die Nordküste lautet nämlich auf 6 Windstärken Nordwind. Das brauchen wir nicht. Stattdessen passieren wir die Insel Staffa. Sie besteht zu großen Teilen aus 15 Meter hohen sechseckigen Basaltsäulen, die begehbare Höhlen formen. Toller Anblick, normalerweise ebenfalls mit vielen Tagestouristen, heute aber ganz einsam, weil die Insel bei Ostwind unzugänglich ist. Wir freuen uns über den tollen Segelwind, der uns bis zur Dämmerung treu bleibt. Dann starten wir die Maschine und tuckern durch den Sound of Mull.

Montag, 18. August

Um 7.00 fällt der Anker vor Fort Williams. Nach einem gründlichen Lebensmitteleinkauf fahren wir um 11.00 in die Seeschleuse des Kaledonischen Kanals ein. Ein Teil der Crew ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zum Gipfel des Ben Nevis (1300 Meter hoch), ein Teil fährt mit der Museumseisenbahn von Fort Williams nach Mullaigh. Diese Strecke ist die Filmkulisse für Harry Potters Eisenbahnfahrten nach Hogwart und eine der schönsten Strecken der Welt. Der dritte Teil erklimmt mit der Petrine die 10 Schleusen von Neptun´s Staircase, einer langen Schleusentreppe gleich am Beginn des Kanals. Danach wird das Schiff mit allem versorgt, was es lang vermisst hat: Frischwaser, elektrischer Strom, Lebensmittel. Wir ruhen aus.

Dienstag, 19. August

Nach einer wunderbar ruhigen Nacht starten wir um 9.00 auf unsere erste Kanalstrecke. Diese ist an einem Berghang angelegt worden, mehrere Bachläufe werden per Aquadukten unter dem Kanal durchgeführt. Nach 180 Jahren sind die Ufer schön zugewachsen und zusammen mit den beweideten Berghängen ergibt sich ein tolles Panorama. Gemächlich fährt die Petrine nach Nordwesten, dem Loch Lochy entgegen. Dort haben wir leider Gegenwind und müssen weiter mit Maschine fahren. Um 16.00 machen wir am Kanalufer fest, an einer Stelle mitten im Wald. Überall ist es grün, dunkelgrüne Fichten, lindgrüne Laubbäume, hellgrünes Gras, mit Blumen gesprenkelt, finstergrünes Kanalwasser. Wir grillen heute Abend und den Mitches zum Trotz bleiben wir bis Mitternacht draußen sitzen.

Mittwoch, 20. August

Wir fahren halbes Stündchen über das Loch Oich, dann fällt der Anker vor Invergarry Castle und wir machen Landgang für Castle, Wald und Örtchen bis zum Mittagessen. Ganz entspannt geht es ab mittags weiter durch die besonders hübschen Schleusen von Cullochy und Kytra auf besonders dicht zugewachsener Kanalstrecke. Um 15.00 machen wir vor der Schleusentreppe von Fort Augustus fest. Hier herscht großer Touristenauftrieb, u.a. weil heute am späten Nachmittag ein großes Segelschiff durch die Schleusen gezogen wird. Von Hand natürlich. Um 18.00 sind wir durch und fest und nass, weil es angefangen hat zu regnen. Nichtsdestotrotz wird der Grill nochmal gestartet, denn es ist noch viel übrig von gestern. Am Abend ist für die meisten Livemusik im Pub angesagt.

Donnerstag, 21. August

Es hat die ganze Nacht geregnet. Und es wird auch den ganzen heutigen Tag regnen. Irgendwie passt das ja ganz gut zum Loch Ness, aber irgendwie würde man auch gerne mehr sehen von den Berghängen ringsherum. Vor allem würde man sich häufiger an Deck aufhalten, wenn es nicht so in Strömen regnen würde. Der Wind kommt auch von vorne. Ab 9.30 tuckern wir über das regenwolkenverhangene, torfdunkle Loch Ness. Bei diesem Wetter lässt sich natürlich auch kein Ungeheuer blicken. Um 13.30 gehen wir am Nordende des Lochs zu Anker. Mittagsschlaf. Kuchenbacken, Kuchenessen. Am späten Nachmittag heizen wir die Sauna und machen das Beste aus diesem Tag. Nur die mutigsten springen nach dem Saunieren ins Wasser. Erstens ist es bitterkalt, weil Loch Ness 300 Meter tief ist und zweitens, wer weiß, was dort unten so alles herumschwimmt…

Freitag, 22. August

Die letzte kurze Kanalstrecke vom Loch Ness bis Inverness beschäftigt uns mit Schleuse, Brücke und Schleusentreppe etwa 3 Stunden. Landschaftlich ist es schon der Abspann, sozusagen. Alles ganz nett, aber eben eindeutig nicht die Westküste. Am Nachmittag nutzen wir intensiv alle Vorteile, die eine mittelgroße Stadt zu bieten hat und auch abends zieht es den Großteil der Crew ins Nachtleben von Inverness, der Hauptstadt der Highlands. Übrigens war es heute überwiegend trocken.

Samstag, 23. August

Bis zum Nachmittag bleiben wir in Inverness liegen. Um 15.00 sind wir fertig bebunkert mit Wasser und Diesel, um 18.00 ist der Bugsprit wieder gerichtet, den hatten wir ja für die Schleusen hochkurbeln müssen. Die Sonne scheint und wir segeln mit flotter Fahrt aus dem Firth of Inverness heraus. Delfine tauchen auf und begleiten uns durch die Engstelle auf offene See hinaus. Immer wieder tauchen sie unter dem Schiff hindurch, eine ganze Herde tummelt sich um uns herum. Ein gutes Omen für unsere Überfahrt! Draußen sehen wir dann auch noch Seehunde auf einer Sandbank liegen. Und achteraus verschwinden die Highlands und das Great Glen, die Kette von Lochs, die durch den Kaledonischen Kanal miteinander verbunden sind.

Sonntag, 24. August

Der Wetterbericht für die kommenden Tage verspricht ein bisschen viel Wind. Um die ersten Fronten des herannahenden Tiefs erst einmal passieren zu lassen, machen wir mittags in Fraserburgh fest, der grauen Stadt am Moray Firth. Im sonntäglichen Sonnenschein ist diese Satdt auf besonders graue Art schön. Und in der Umgebung gibt es schöne Strände und ein Leuchtturmmuseum. Die meisten von uns ruhen sich an Deck in der Sonne aus. Wer weiss, was die nächsten Tage bringen… Ein Fischer schenkt uns filetierte Makrelen und abends gibt es ein großes Fisch-Schottland-Abschiedsessen. Nun müssen wir nur noch passablen Wind bekommen… Nach jetzigem Stand der Dinge werden wir hier übernachten und Montag früh zum Großen Sprung ansetzen.

Montag, 25. August

Ab 5.00 hauen bemerkenswerte Böen in die Takelage. Die hätten eigentlich bereits im Laufe der Nacht durchziehen sollen. Der geplante Frühstart wird verschoben. Wetterrecherche ergibt, dass ab mittags der Wind sich beruhigen soll und von Süd auf Südwest drehen wird. Also legen wir erst um 9.00 ab. Sofort vor dem Hafen können wir Segel setzen: gerefftes Groß und Besan und die Fock. Im Schutz der Küste stürmen wir auf die Nordsee hinaus. Aber die Küste ist bei Rattray Head zu Ende, was erwartet uns dort? Dort erwarten uns 3 Meter hohe Wellen aus Süd, die das Leben an Bord für alle schwierig und für einige unmöglich machen. Zu allem Überfluss schläft mittags der Wind ein. Bäume, Gaffeln und Segel werden uns gehörig um die Ohren gehauen. Wir binden alles gut fest und fahren mit langsamer Maschinenfahrt gegen die Welle an. Zum Glück kommt nach einer Stunde der Wind wieder: Segel wieder hoch, Maschine aus und der Kurs wird so gewählt, dass das Leben an Bord einigermaßen erträglich wird. Das Abendessen findet dennoch kaum Abnehmer. In der Nacht klart es auf und über uns wölbt sich ein wunderbarer Sternenhimmel mit mehr als tausend Lichtern.

Dienstag, 26. August

Die Welle beruhigt sich, das Leben normalisiert sich. Das Sturmtief, dessen südlichste Ausläufer wir zu spüren bekamen, bleibt bei Island liegen und füllt sich. Kraftlos wirft es ein paar Randtiefs gegen die Highlands und über die Nordsee. Wir bekommen graues Wetter, rain and drizzle at times, das sind wir ja bestens gewöhnt. Der mäßige bis frische Wind kommt aus Südwest oder etwas westlicher und wir segeln den ganzen Tag mit 4 bis 6 Knoten und Kurs auf Helgoland. Am Abend sehen wir die ersten Bohrinseln des schottischen Fulmar Oil Fields. Inzwischen sind alle an Bord wieder gut dabei. Das Abendessen ist einfach, aber schmackhaft und was das Wichtigste ist: Es wird von allen mit Genuss verspeist.

Mittwoch, 27. August

Ab Mitternacht nimmt der Wind zu und den ganzen Tag fliegen wir mit 7 bis 8 Knoten über die Nordsee. Die mäßige Welle kommt leicht von achtern, auf dem Schiff lässt es sich gut leben. Das denkt sich auch eine Taube und richtet sich häuslich auf dem Achterdeck ein. Bei Regen verkriecht sie sich unter das Relingprofil und erholt sich ansonsten von einem bestimmt ungemütlichen Flug über die Nordsee. Als uns am Nachmittag eine Fähre passiert, fliegt sie grußlos davon. Mittags erreichen wir die Nordostecke der Doggerbank, bald müssten an Backbord die Bohrinseln des dänischen Gormfeldes in Sicht kommen. Die Inseln sind alle nach berühmten seefahrenden Wikingern benannt: Ragna, Tyra, Valdemar, Gorm, Rolf. Wenn die wüssten, dass sich ihre Nordsee in ein Industriegebiet verwandelt hat… Ansonsten verläuft der Tag ereignislos, die Sonne lässt sich nur sehr kurz blicken, rain and drizzle at times. Aber die flotte Fahrt beschert uns eine neue persönliche Petrine-Bestleistung. Am Mittwoch, dem 27. August legen wir in 24 Stunden 173 Seemeilen zurück. Das entspricht einem Schnitt von über 7 Knoten und das gab es noch nie.

Donnerstag, 28. August

Bei ruhiger See und normal schneller Fahrt zwischen 5 und 6 Knoten kommt noch in der Nacht der Leuchtturm von Helgoland in Sicht. Um 11.00 machen wir dort fest. In 3 Tagen haben wir die Nordsee überquert. 410 Seemeilen sind wir gesegelt von Fraserburgh bis Helgoland und die Maschine mussten wir gar nicht benutzen. Abgesehen von der Welle zu Beginn und trotz gelegentlichem rain and drizzle hatten wir eine schöne, schnelle Überfahrt. Bedauerlich ist nur, dass wir jetzt nicht mehr in Schottland sind. Es war so schön dort.
Wehmütig kaufen wir beim nachmittäglichen Shopping auf Helgoland vor allem Produkte aus Islay, Jura und von der Speyside, dem Gebiet zwischen Inverness und Fraserburgh.

Freitag, 29. August

Früh um 4.30 machen wir uns auf die letzte Etappe. Die Tide will es so. Der frische Wind weht uns ins Wattenmeer. An Seehundsbänken und Krabbenfischern vorbei segeln wir zum Eidersperrwerk. Kurz die Segel runter, dann gleich wieder hoch. Ab Tönning müssen wir mit Maschine fahren, denn der Fluss wird hier zu schmal. Um 13.30 kommen wir in Friedrichstadt an. Hier, durch Sperrwerk und Treeneschleuse vom offenen Meer getrennt, zwischen Schilfgras, Bäumen und Eiderwiesen, nach 3076 Seemeilen, endet eine wunderbare Seereise.
Wir nehmen einmalig schöne Bilder mit nachhause, von denen wir im Winter träumen können. Waren wir wirklich auf der Ile d`Ouessant, beim Hafenfest im Sonnenschein? Sind wir an den Skelligs vorbeigesegelt? Sind wir wirklich mitten durch die schottischen Highlands gefahren? Ja. Da waren wir. Und davon können wir ein Leben lang erzählen.