1. Nordmeertörn – Die Fjorde

Samstag, 20. Mai 2006

Die Petrine liegt in Lögstör im Limfjord, fertig bebunkert mit allem, was man braucht, um über die Nordsee nach Norwegen zu segeln. Warum in Lögstör? Weil für die kommenden Tage Westwind angesagt ist und wir uns im Limfjord westwärts verholen werden, bevor wir die Reise übers offene Meer wagen. Viel Wind ist außerdem angesagt…

Lögstör ist aber auch ein sehr schöner Ausgangshafen: Der „norwegischste“ Hafen in Dänemark, die ganze Stadt ist zum Wasser hin gebaut, mit vielen kleinen und großen Piers für Fischer, Berufsschiffe und Segelboote. So werden wir es in Norwegen noch oft sehen.

Um 20.00 Uhr kommt der Bus aus Flensburg an und wir verstauen Gepäck und Lebensmittel und verteilen die Kojen. Nach Abendessen, Wacheinteilung und Sicherheitseinweisung sind wir eigentlich klar zum Auslaufen. Aber erst wird ausgeschlafen!

Sonntag, 21. Mai

Um, 6.00 Uhr verlassen wir bei völliger Windstille den schönen Hafen von Lögstör. Durch diesiges Wetter tuckern wir westwärts über den Limfjord zur Nordsee. Die breiteren Teile des Fjordes nutzen wir zum Segeln Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. Wir üben Knoten, Manöver und den Umgang mit dem Schiff. Zeitweise weht es ordentlich aus Westen und so können wir auch das Reffen üben.

Leider kündigt der Wetterbericht auch für die kommenden Tage ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen an. Ständig starker Wind aus West. Die beste Möglichkeit nach Norwegen zu kommen haben wir ab heute Abend: Südliche Winde um 6 Bft für mindestens 24 Stunden!

Um 18.00 Uhr machen wir in Thyborön fest und werfen von den Dünen einen Blick auf die Nordsee. Sieht gut aus. Der Wind dreht so langsam auf Südwest. Um 21.00 Uhr verlassen wir unseren letzten dänischen Hafen. Ziel ist die norwegische Westküste. 160 Seemeilen bis Jaerens Rev.

Montag, 22. Mai

In der Nacht beginnt es heftig zu regnen, der Wind nimmt ordentlich zu und in den ersten Morgenstunden machen wir rasante Fahrt mit Nordwestkurs. Der Seegang ist leider entsprechend und so manche Wache ist nur eingeschraenkt einsatzfähig. Am Nachmittag nimmt der Südwind ab und der Wetterbericht droht für die kommende Nacht mit Starkwind aus Nordwesten. Das können wir nun gar nicht gebrauchen und so nutzen wir die letzten Abendstunden, um in der Flaute nach Egersund zu motoren. um 21.30 Uhr machen wir dort im Hafen fest. Es ist diesig, es regnet, aber es duftet wunderbar nach Norwegen: Wacholder, Fischkutter, Felsen ringsumher, dazu hört und sieht man ueberall das Wasser gurgeln und gluckern. Wir sind angekommen.

Dienstag, 23. Mai

Wir bleiben heute in Egersund, denn selbst hier in der Stadt, zwischen hohen Bergen, pfeift uns ein kräftiger Wind um die Ohren. Wir waschen uns, das Schiff und die Wäsche, bummeln durch die Stadt Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster und warten auf besseren Wind zur Weiterfahrt an die Westküste. Der ist für heute Nacht angekündigt und so laufen wir um 21.00 Uhr aus mit Ziel Bergen. Auf See erwartet uns eine moderate Dünung, was ein Glück, nachdem es doch heute den ganzen Tag so geweht hat!

Mittwoch, 24. Mai

Um Mitternacht setzen wir Segel und machen besonders in den frühen Morgenstunden flotte Fahrt in sicherer Entfernung von der Küste. Mittags passieren wir die Insel Utsira und nachmittags segeln wir platt vorm Laken in den Bömlafjord hinein Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. Für uns ein erster Eindruck von Fjorden und Bergen. Abends lässt der Wind nach, Abendsonne scheint gelegentlich. Gemütlich segeln wir nach Norden mit Abendsonne bis kurz vor Mitternacht.

Donnerstag, 25. Mai

Um 6.45 Uhr machen wir in Bergen fest. Bei ungewöhnlich schönem Wetter schauen wir uns die Stadt an Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. Nachmittags gibt es Rhabarberkuchen, weil Agge heute Geburtstag hat und um 16.30 Uhr legen wir ab und segeln im Byfjord nach Norden. Bei feinstem Sonnenschein und wunderbarer Aussicht verkraften wir es leicht, dass zum Abendessen die Maschine gestartet werden muss um die Sunde und Engstellen auf dem Weg zum Sognefjord zu passieren. Wir sitzen an Deck und freuen uns an der schönen Landschaft und den Häuschen am Ufer. Um Mitternacht fällt der Anker in der Wikingerbucht, einem baumlosen Naturhafen eben südlich des Sognefjord.

Freitag, 26. Mai

Morgens um 6.00 Uhr gehts weiter. Heute weht es aus Norden und wir müssen mit Maschine fahren. Um 9.30 Uhr machen wir Päuschen an einem kleinen, verlassenen Fischanlandeplatz auf einer kleinen, idyllischen Schäre. Wir trocknen Wäsche, backen Kuchen und liegen auf der Schäre zwischen den Felsen im Gras. Mittags gehts weiter zum Norske Hesten, dem „norwegischen Pferd“, einer 480 Meter hohen Insel, deren Geröllfelder zu allen Seiten steil ins Meer herabfallen. Es gibt einen Naturhafen an der Südküste, wo wir prima windgeschützt liegen können Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. Beinahe alle unternehmen den mühsamen Aufstieg auf das Hochplateau und werden dort mit einer sagenhaften Fernsicht belohnt Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. 200 km ringsum können wir das Inselmeer und die 2000 Meter hohen Berge im Osten sehen. Schneefelder, Gletscher, dazwischen die Schluchten der Fjorde. Und nach Westen hin das Inselgewirr von Vaerlandet, der westlichsten Inselgruppe Norwegens.

Samstag, 27. Mai

Ein leichter Wind weht aus Südost und ab 6.00 Uhr segeln wir mit 3 bis 5 Knoten sehr gemütlich zwischen den Inseln nach Norden. Gegen Mittag passieren wir Florö und so langsam kommt das berüchtigte Kap Stattland in Reichweite. Heute könnte es dort ruhig genug sein, um es zu umfahren… Zunächst bewwundern wir noch das Fjell des Bremangerlandes, knapp 1000 Meter hoch ragt es aus dem Fjord hinaus, oben liegt Schnee und viele Wasserfälle rauschen die Wand hinunter Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster.

Am späten Abend umrunden wir das gefährliche Kap Stattland, das heute Nacht in tiefem Schlaf liegt und uns ohne größere Schaukelei passieren lässt.

Sonntag, 28. Mai

Um 3.15 machen wir in Aalesund fest. Stadt und Umgebung sind besonders einladend und wir beschliessen beim Frühstück, heute hier zu bleiben. Einige unternehmen einen Busausflug zum Geirangerfjord, die anderen sehen sich die Stadt Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster an und besteigen den Hausberg. Der Blick von dort zeigt uns alle Schönheiten Norwegens: Fjorde, Gletscher, Inseln und Schären, Wasser von blau über grün bis schwarz gefärbt, Heide und Birkenwälder und nicht zuletzt die Stadt Aalesund selber, die nach einem Stadtbrand Ende des 19. Jahrhunderts komplett im Jugendstil neu gebaut wurde. Um 22.00 Uhr sind alle Ausflügler vom Geirangerfjord begeistert wieder an Bord und wir legen ab. Die Fjorde von Möre und Romsdalen sind unser Ziel.

Montag, 29. Mai

In den frühen Morgenstunden können wir ein paar Stunden segeln, was sonst in den Fjorden ja meistens nicht möglich ist. Ganz am Ende des Romsdalfjordes liegt das Städtchen Andalsnes. Hier beginnt die berühmte Trollstigen-Passtraße und nachmittags fahren fast alle mit dem Bus die Passtraße hinauf. Die vielen gewagt in den Felsen gehauenen Kehren, der tosende Wasserfall Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster und die steile Wand des Trollveggen werden bewundert, oben auf dem Gipfel sind wir dann aber in dichten Nebel gehüllt. Imposante Schneemassen türmen sich meterhoch auf beiden Seiten der Straße und auch der Souvenirladen ist ein Opfer der Schneemassen geworden. Eine Lawine hat ihn im vergangenen Winter fortgerissen.

Um 19.00 Uhr können wir tatsächlich tief im Fjord die Segel setzen und kommen flott in Richtung See vorwärts. Ein paarmal schläft der Wind ein, kommt kurzfristig von vorne und dann wieder böig von achtern. Aber Hauptsache, wir können segeln und dazu scheint die Sonne ringsum auf die großartige Hochgebirgslandschaft.

Dienstag, 30. Mai

Um 3.15 Uhr fällt der Anker in einer umwaldeten Bucht im Julssund. Die Ankerwache freut sich an der Umgebung, besonders am Vogelzwitschern in der Morgendämmerung, bevor es um 7.00 Uhr weiter geht, nordwärts im Julssund. Um 10.00 Uhr machen wir in Bud fest, zum Bunkern und für Spaziergänge in die nähere Umgebung. Nachmittags verholen wir wenige Meilen nach Björnsund, einer kleinen, verlassenen Fischersiedlung auf mehreren Felsen draußen im Meer Klick auf die Kamera öffnet das Bild in neuem Fenster. Heute gibt es hier nur noch Ferienhäuser und eine Sommer-Fischereischule für Schüler. Die alten Häuschen sind aber schön erhalten. Bunt angemalt bieten sie einen tollen Kontrast zum grauen Meer dahinter und zu den ständig wechselnden Wolken über uns. Innerhalb von Minuten wechseln sich strahlende Sonne und Regenschauer ab, jedesmal werden See, Insel und Häuser in ein anderes Licht getaucht. Am schönsten ist es in der Abenddämmerung, die hier ab etwa 21.00 Uhr beginnt und beinahe bis Mitternacht dauert.

Mittwoch, 31. Mai

Für heute ist Nordwind angesagt, nicht das Richtige für uns. Wir frühstücken lange und werden dann von einem Arbeitsboot freundlich darauf hingewiesen, dass es nun Zeit für uns ist auszulaufen, damit sie den Anleger nutzen können. Kein Problem, wir fahren in den Sund hinaus zum Angeln, leider ohne Erfolg. Mittags machen wir in Haröysund an der Pier vor einem alten Kaufmannsladen fest. Meist scheint die Sonne, der Kaufmann vertreibt Postkarten und Kekse, wir betreiben unseren Backofen und nachmittags um 16.00 Uhr sind wir beinahe schon zu träge, um noch aufzubrechen. Aber wir raffen uns auf: Die 30 Meilen bis Kristiansund wollen wir heute noch schaffen, trotz Nordwind und Schaukelei in der Hustadvika. Leinen Los, Tische und Bänke festgezurrt und hinaus gehts in die Hustadvika. Bis 21.00 ist es reichlich unbequem an Bord, dann sind wir wieder im Schutz der Fjorde. Gemütlich tuckern wir in der Abendsonne, im Süden das Hochgebirge mit Gletschern und Neuschnee oberhalb von 700 Metern. In Fjordnähe hat der Frühling längst begonnen, es blüht auf allen Wiesen, Vieh steht auf der Weide und die Wälder stehen in sattem Grün. Um Mitternacht fällt der Anker vor der Stabkirche von Kvernes.

Donnerstag, 1. Juni

Es ist windstill, die Sonne lacht, der Fjord lockt blau, wir setzen über, um einen Spaziergang zur Stabkirche zu machen. Gegen Mittag tuckern wir ein kleines Stückchen nach Kristiansund. Die Stadt ist auf vielen Inseln um den Hafen herum angelegt und besonders wegen dieser Lage lohnt sich der Besuch. Es ist ein ungewöhnlich geschäftiger Hafen mit Fischern, Fähren, Schnellbooten, Versorgern von Ölbohrinseln, Schleppern und Baggern und stets gibt es was zu gucken. Im Laufe des Tages trübt es sich erfreulicherweise ein, das Barometer fällt moderat. Alles Zeichen dafür, dass der versprochene Westwind kommen wird und uns vielleicht bis zum Polarkreis wehen wird. Um 20.00 Uhr verlassen wir den schönen Hafen und ausserhalb des Schutzes der Inseln von Kristiansund bläst uns ein frischer West in den Nacken. Die Segel hoch und Kurs Nordost in der Trondheimsleia!

Freitag, 2. Juni

In der Nacht zeigt sich der Wind zunächst noch unbeständig und wechselhaft; dennoch haben wir bis zum Frühstück die Trondheimsleia achteraus. Ab mittags beginnt ein strammer Südwest mit dem dazugehörigen Regen. Wir flitzen um die kahlen Inseln, die hier bereits wie im hohen Norden baumlos und kahlgewaschen im Dunst liegen. Bis zum Abend können wir noch ungerefft segeln, dann packen wir alles ein bis auf die Fock und das gereffte Groß. Um 19.00 Uhr geht es raus aus dem Inselschutz ins Follahavet. 3 Meter Welle, heftige Schaukelei und mit bis zu 8 Knoten Fahrt stürmen wir auf den Sund von Rörvik zu. Um Mitternacht halsen wir uns durch die Engstelle, die geografische und meteorologische Grenze zwischen Süd- und Nordnorwegen.

Samstag, 3. Juni

Der Nordteil der norwegischen Küste empfängt uns standesgemäß mit Regen und Kälte. Aber auch mit stürmischem Südwest, der uns wunderbar vorankommen lässt. Die Nacht ist hier nur noch eine vier-, fünfstündige Dämmerung. Beim Wachwechsel um 4.00 Uhr verlassen wir den Schutz der Insel Leka. Immer wieder gießt es in Strömen und alle sind froh, sich in Egersund, Bergen oder spätestens in Aalesund teures, supergutes norwegisches Regenzeug gekauft zu haben. Um 7.30 Uhr segeln wir durch den Hafen von Brönnöysund. Uns tröstet eine Meldung aus der Heimat: Bei Rock am Ring in der Eifel Regen und 3 Grad. Da haben wir es bestimmt 2 Grad wärmer. Auf den letzten Meilen werden wir noch einmal richtig schnell und um 13.30 Uhr nehmen wir vor Sandnessjöen die Segel weg. Die berühmten Sieben Schwestern, sieben eindrucksvolle Berggipfel oberhalb der Stadt, haben heute ihre Häupter zünftig verhüllt. Aus den tiefhängenden Wolken regnet es in Strömen. Wir machen die Heizung an, bunkern Trinkwasser und verholen uns abends an einen kleinen Steg ausserhalb der Stadt zum Saunieren. Nach 2 schwierigen Segeltagen und über 250 Seemeilen haben wir uns das redlich verdient.

4. Juni, Sonntag

Heute Morgen bleibt es lange ruhig auf der Petrine. Das Frühstück beginnt zögerlich um 10.00 Uhr, der Dauerregen hat anscheinend aufgehört und es beginnt aufzuklaren. Mittags setzen wir die Fahrt nach Norden fort, zunächst unter Maschine, dann kreuzen wir nordwestwärts zu den äußeren Inseln. Um 18.30 Uhr machen wir auf Lovunda fest. Die Insel umfasst eine Fläche von gerade mal 2 km im Quadrat, der Gipfel ragt 620 Meter aus dem Meer heraus. An den Geröllhängen nistet die größte Papageientaucherkolonie Europas und diese wird von uns noch bis nach Mitternacht ausgiebig beobachtet. Häufig wendet sich der Blick aber auch nach Norden, wo die Sonne bis Mitternacht nicht verschwinden will und das ganze Panorama der Inseln in wunderbares Licht taucht.

5. Juni, Montag

Auch heute lassen wir es ruhig angehen, es weht ein leichter, widriger Nordwind, die Sonne scheint. Bis Mittags bleiben wir auf Lovunda, das auch abseits der Papageientaucherfelsen viel schönes zu bieten hat: Bunte Häuschen, direkt ans Meer gebaut und mit Anlegesteg vor der Terrasse, liebevoll angelegte Gärten mit Blumen aller Art und ständig wechselnde Ansichten der Inselwelt ringsherum. Besonders der bizarre Kegel der vorgelagerten Insel Traena versetzt alle in Erstaunen. Ab 14.00 Uhr segeln wir mit Kurs Ostnordost auf die Küste zu. Der Polarkreis rückt nun in Sichtweite. Leichter Wind, strahlender Sonnenschein, dazu immer wieder neue Inselpanoramen. Hier hat die Natur wie ein Bildhauer gearbeitet und ihrer Phantasie dabei freien Lauf gelassen.

Um 18.30 Uhr naht der große Augenblick: Neptun und seine Gattin Thetis erscheinen festlich gekleidet an Deck und unterziehen die Neuankömmlinge im Reich der Mitternachtssonne diversen Prüfungen. Schwierige Fragen werden dank gründlicher Vorbereitung korrekt beantwortet, kulinarische Spezialitäten aus den finstersten Ecken von Neptuns Reich werden klaglos verspeist, Gattin Thetis wird durch Küssen des Fußes die gebührende Ehre erwiesen und zuletzt erhalten alle Täuflinge die Erlaubnis, die nördlichen Polargewässer zu befahren. Ein neuer, passender Name wird sie an ihre Taten und Untaten auf der bisherigen Reise erinnern.

Ab 20.00 Uhr schläft der Wind ein und es zeigen sich sogleich die positiven Folgen der Polartaufe: Die Angler holen endlich mal richtige Fische an Deck. Bis nach Mitternacht stehen wir vor der Mündung des Melfjordes herum, kleinerenteils um zu Angeln, größerenteils um das Licht der Mitternachtssonne auf den Berggipfeln und auf dem Gletscher des Svartisen zu bewundern.

6. Juni, Dienstag

Um 3.00 Uhr fällt der Anker in einer kleinen Ankerbucht im Nordfjord. So heißen in Norwegen mindestens 4 Fjorde, aber dieser hier ist trotzdem etwas ganz und gar besonderes. Die Berge steigen auf allen Seiten steil auf 1000 Meter auf, oben liegt der Svartisengletscher in der Sonne. Keine Siedlung, keine Straße, nicht einmal ein einzelnes Haus stehen an den Ufern dieses Fjordes. Obwohl wir schon einige hundert Meilen norwegische Küste achteraus haben, verschlägt es doch beim morgendlichen Aufstehen so manchem die Sprache angesichts der gewaltigen Bilder um uns her. Ab 9.00 Uhr tuckern wir langsam fjordeinwärts, vorbei an Seehunden oder Ottern, an den Hängen sind hin und wieder Adler zu sehen. Im Innersten des Fjordes: Ein Kreuzfahrschiff. Obwohl dieser Fjord in keinem Reiseführer Erwähnung findet, ist er natürlich kein Geheimnis und ein kundiger Blick auf die Karte verrät, dass hier besonderes zu sehen sein wird. Es ist auch ein besonderes Kreuzfahrtschiff. Die Explorer fährt mit nur 100 Gästen (Expeditionsteilnehmern) von hier weiter nach Spitzbergen und in die kanadische Arktis. Zunächst aber nehmen sie einige von uns in ihren Beibooten mit, damit sie die Petrine vor dem Panorama des Nordfjordes fotografieren können. Wir haben die Maschine gestoppt und lassen uns langsam aus dem Fjord treiben. Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum Svartisen-Gletscher. Zunächst begleitet uns noch ein wenig die Sonne, dann trübt es sich langsam wieder ein. Um 21.20 machen wir im Holandsfjord fest, ganz in der Nähe eines Seitenarms des Svartisen.

7. Juni, Mittwoch

Heute ist Tag des Berges, des Gletschers und des Wanderns. Und für manche auch Tag des Ausschlafens. Berge und Eis hüllen sich teilweise in Wolken, aber man kriegt doch einen schönen Eindruck von den gewaltigen Eismassen, besonders, wenn man darauf zu geht. Das Eis sieht zunächst sehr nah aus, weicht aber bei Annäherung immer weiter zurück, um einen dann, in die Nähe gelangt, mit seinen riesigen Ausmaßen zu überraschen. Alle, die nicht bis zum Eis kommen, erfreuen sich an den Birkenwäldchen, die hier als Schaf- und Kuhweide genutzt werden, am Gletschersee und am eisgrünen Wasser des Fjordes, der sogenannten Gletschermilch. Wir bleiben bis abends an diesem schönen Platz. Dann tuckern wir zur Insel Bolga, wo ein ausgezeichneter Blick auf die Mitternachtssonne möglich ist.

Donnerstag, 8. Juni

Um 1.30 Uhr steigt die Sonne wieder, ohne den Horizont berührt zu haben. Das ist die Mitternachtssonne. Den Vormittag verbringen wir auf Bolga und gewöhnen uns an den Gedanken, bei Starkwind aus Südwest, Regen, Schauerböen, die letzten 40 Meilen nach Bodö in Angriff zu nehmen. Ab mittags stürmen wir mit Fock und gerefftem Groß nach Nordosten. Die Silouetten der Inseln und Berge sehen auch hinter Regenfetzen und Nebelschwaden sehr eindrucksvoll aus. Schauerwolken brechen sich an den Berggipfeln wie Wellen am Strand. Dass solch schrecklich-schöne Landschaft auch entsprechende meteorologische Phänomene produzieren kann, sollen wir heute noch lernen. Gegen 15.00 Uhr fegen wir mit über 8 Knoten um das Vorgebirge von Stött. Wir nehmen die Fock weg, Geschwindigkeit bleibt. Der Kapeffekt verstärkt den Südwest hier zum Sturm. Um 15.15 Uhr fällt uns das Raubtier an. Ein nie zuvor gehörter heulender Basston in den Wanten, das Schiff ruckt zur Seite und alle an Deck halten sich an irgendetwas fest, um nicht fortgeweht zu werden. Danach wieder Ruhe. Was war das? Warum ist der Mast nicht gebrochen? Dann erneut das Heulen, tiefer als alles, was ich zuvor gehört habe. Wieder geht ein Ruck durchs ganze Schiff. Wieder bleibt der Mast wunderbarerweise stehen. Fallböen vom Vorgebirge vereinigen sich mit dem Sturm, der zwischen den Bergen durchpfeift. Ich denke an ein Gewitter vor vielen Jahren, als wenige Seemeilen von uns entfernt ein Fischkutter von einer Bö zum Kentern gebracht wurde. Also runter mit dem gerefften Großsegel! Das Segel liegt schon komplett an Deck, da reisst das Raubtier es uns wieder aus den Händen. 8 Leute sind nicht in der Lage, das zusammengerollte Segel in einer Böe festzuhalten. Als schließlich alles geborgen und angebunden ist, können wir uns die Wasserhosen ringsumher genauer ansehen. Da steigen richtige Figuren von Gischt aus dem Wasser auf und tanzen über den Fjord. Ohne Segel machen wir 5 Knoten Fahrt und bleiben sogar steuerfähig zwischen den Schären. Nach einer Stunde trauen wir uns in respektvoller Entfernung vom Vorgebirge bei Stött, die gereffte Fock zu setzen. Mehr wird heute nicht mehr hochgezogen. Um 19.15 Uhr machen wir an einem maroden Holzsteg in Söranöya fest. Es stürmt, es regnet, unter Deck läuft die Heizung. Der Mast steht noch.

Freitag, 9. Juni

Letzte Etappe nach Bodö, noch 15 Seemeilen. Starkwind aus Südwest, Regen, Schauerböen. Kein Vorgebirge in der Nähe, wir setzen gerefftes Groß und gereffte Fock. Nach gut 2 Stunden segeln wir in den Hafen von Bodö. Die erste Etappe des Nordlandtörns ist zuende, heute und morgen gehen alle wohlbehalten und gesund von Bord. Wir hatten Tage mit Sonnenschein und widrigem Wind, wir hatten Tage mit Regen und Südwest, der uns wunderbar vorwärtsgeweht hat. Sonnenschein und günstiger Wind ist an der norwegischen Küste auf Nordkurs wohl nicht zu haben.

Samstag, 10. Juni

Morgens um 6.00 Uhr fahren die meisten sturm-, regen- und schaukelerprobten, aber auch sonnenbeschienenen Norwegensegler zum Flughafen.

2. Nordmeertörn – Die Lofoten

Samstag, 10. Juni

Die neue Crew kommt im Laufe des Tage vollzählig und wohlbehalten in Bodö und an Bord der Petrine an.

Sonntag, 11. Juni

Still und ruhig ruht das Nordmeer. Die Sonne arbeitet sich langsam durch den Dunst. Nach Frühstück, Sicherheitseinweisung und Wacheinteilung tuckern wir um 10.30 Uhr aus dem Hafen von Bodö. Südlich der Insel Landegode stoppen wir die Maschine. Segeleinweisung, Mittagessen, warten auf Wind. Um 16.30 Uhr machen wir an einer Pier zwischen den Felsen fest. Von hier kann man durch einen kleines Fischerdörfchen zu einem Strand gehen, der neben allerlei Treibholz und nützlichen Dingen auch viele verschiedene Muscheln zu bieten hat. Um 20.00 Uhr entschließen wir uns, den aufkommenden Südwestwind zu nutzen und die Überfahrt zu den Lofoten zu wagen. Die südlichste Insel Moskenes, nah beim Malstrom, ist unser Ziel. Bei leider unsichtigem Wetter kommen wir schnell voran. Nicht allen gefällt allerdings das kabbelige Wasser des Vestfjordes.

Montag, 12. Juni

Um 5.00 Uhr machen wir in Reine auf Moskenes fest. Viel ist nicht zu sehen, weder von der Lofotenwand, noch vom berühmten Postkartenpanorama von Reine und so gehen zunächst mal alle in die Kojen. Nach dem Frühstück entschließen sich viele, den 600 Meter hohen Reinebringen trotz der schlechten Sicht zu besteigen. Im Laufe des Vormittags klart es auf und sie werden mit tollem Sonnenschein, blauem Himmel und einer grandiosen Aussicht auf die Berge von Moskenes belohnt. Auch die Angler haben heute Glück und wer nur schwer in Bewegung kommt, für den gibts auch im Dorf selbst etwas zu sehen. Heute ist der Tag, an dem überall auf den Lofoten der getrocknete Dorsch von den Gestellen genommen wird. Zufrieden machen wir uns um 18.00 Uhr auf den Weg nach Å. Dort können wir um 19.30 Uhr vor dem Trockenfischmuseum festmachen. In der Abendsonne gehen wir im Dorf spazieren, danach wird an Deck gegrillt.

Dienstag, 13. Juni

Das Trockenfischmuseum wird extra für uns geöffnet und Direktor Steinar erzählt aus seinem Leben als Trockenfischhändler, -verarbeiter und -sortierer. Wie alle Lofotenjungs hat er natürlich als Zungenabschneider angefangen. Wie er sagt, die wichtigste Arbeit beim Kabeljaufang. Es ist traditionell die Arbeit der Schuljungen und wichtig ist sie, weil so die Jugend in die Küstenkultur eingeführt wird. Sie lernen den Umgang mit Fischen, deren Blut und Innereien und sie lernen, dass hier auf den Lofoten alles mit dem Kabeljaufang beginnt und endet. Wir setzen um 11.30 gerefftes Groß und Fock und machen uns auf den Weg nach Nordost, diesmal mit herrlichem Blick auf die Berge der Lofotenwand. Vor einer besonders dramatischen Bergkulisse liegt das ehemalige Fiskevaer Nusfjord, wunderbar bewahrt und restauriert und deshalb UNESCO-Weltkulturerbe. Besonders nach Abfahrt der zahlreichen Busse ist es hier sehr beschaulich und auch dank der guten Sicht auf die Berge ist praktisch jede Blickrichtung ein lohnendes Fotomotiv. Dennoch beschließen wir beim Abendessen, heute noch in die Nähe des Wikingermuseums von Borg zu segeln. Die Wellen des Vestfjords bleiben schnell achteraus, im Nappstraumen segeln wir auf Schmetterlingskurs nordwärts, in ruhigem Wasser, ausgerefft, mit 4 bis 5 Knoten. Nach einer Stunde nähern sich Von Süden dunkle Wolken, aber sie sehen gutartig aus, kaum Wolkenfetzen oder andere Zeichen von Starkwind. Wir segeln mit 6 bis 7 Knoten. Ob sich das Raubtier hinter der dunklen Wand versteckt hält? Das Großsegel wird geborgen und schon zeigt das Raubtier die Krallen. Wütend, weil sich die Beute entzieht, hauen die Böen in Besan und Fock. Die Wellen im trichterförmigen Nappstraumen werden immer chaotischer, weil hier zwei Gezeitenströme aufeinandertreffen. In einer Halse versuchen wir, den Besan zu reffen. Jetzt wird das Raubtier richtig ärgerlich, haut uns den Besan um die Ohren, wir segeln praktisch nur mit Fock und machen 7 Knoten Fahrt. Nach einer halben Stunde ist der Besan gerefft und wir segeln wieder in ruhigerem Wasser. Das Raubtier hat sich zurückgezogen. Die Anfahrt zum Steinfjord wird zu beiden Seiten von hohen Vorgebirgen bewacht, entsprechend nimmt hier der Wind wieder zu und voraus sind tanzende Gischtfontänen im Fjord zu sehen. Das kennen wir schon: Weg die Segel! Die letzten Meilen nach Tangstad fahren wir unter Maschine, das Raubtier zieht sich schmollend zurück, schlägt ab und zu halbherzig mit dem Schwanz nach uns. Kurz vor dem Hafen trifft uns dann noch einmal kurz und heftig seine ganze Wut. Eine Böe fegt über das unbesegelte Schiff, Wasser fliegt durch die Luft, macht nix, wir legen kurz vor Mitternacht wohlbehalten und ohne Schäden in Tangstad an.

Mittwoch, 14. Juni

Die Wanderung zum Wikingermuseum, gerüchteweise 3 km entfernt, kommt heute wegen schauerartigem Dauerregen nur zögerlich in Gang. Im Laufe des Vormittags machen sich die meisten dennoch auf den Weg, schließlich ist dies ja typisches Museumswetter. Leider sind das wikingerzeitliche Langhaus, mit 83 Metern Länge das längste je nachgebaute und das ebenfalls nachgebaute Gokstadschiff 7 km entfernt und auch das Gelände des Museums ist sehr weitläufig. Macht aber nix, im Langhaus brennen mehrere Feuer und es ist warm und trocken. Zurück geht es auf einem Wanderpfad durch die Berge und pünktlich zur Ankunft der Wanderer auf dem Schiff stehen Kaffee, Tee und Möhrenhaselnusskuchen auf dem Tisch. Draußen pfeift es mit Sturmstärke. Den Rest des Tages bleiben wir hier liegen. Ein Mann im Hafen warnt uns: Morgen soll es schlechtes Wetter geben.

Donnerstag, 15. Juni

Um 6.00 Uhr legen wir in Tangstad ab und tuckern aus dem Steinfjord. Viel Wind ist heute angesagt und wir wollen ihn nutzen, um durch den Raftsund zum Trollfjord zu segeln. Weitere Begegnungen mit dem Raubtier sollen vermieden werden, darum bemühen wir uns um Abstand zur Küste, denn die ist hier bis zu 800 Meter hoch und aus den Tälern könnte es uns wieder erwischen. Vorsichtig werden gerefftes Groß und Fock gesetzt, wir machen zunächst nur mäßige Fahrt. Nach dem Frühstück gehen wir auf Kurs Nordost entlang der Nordküste der Lofoteninsel Austvaagöy und bald weht es so stark, dass wir auch die Fock reffen. Wir laufen zeitweilig mit 10 Knoten, aber das Raubtier lässt uns heute in Ruhe. Wir haben es fürchten gelernt (Freitag, 9.6.), wir haben gelernt, ihm auszuweichen (Dienstag, 13.6.) und wir haben den nötigen Respekt bewiesen, indem wir gestern im Hafen geblieben sind. Jetzt toben wir gemeinsam die Lofotenküste entlang wie in einem wilden, ungestümen Spiel. Wir bleiben aber misstrauisch, luschern ständig nach Luv, ob es plötzlich seinen Sinn ändert und wieder anfängt auf das Schiff einzudreschen. Das bleibt aber aus, es bleibt ein toller, unvergesslicher Sturmsegeltag und um 15.00 machen wir auf der Insel Hanöy am Nordende des Raftsundes fest. Im Raftsund selbst ist gegen Strom und Sturm kein Vorwärtskommen möglich. Auch Landspaziergänge sind bei diesem Wind ein Abenteuer. Ab 20.00 ist zumindest der Strom im Raftsund mit uns, ein wenig hat es auch abgeflaut. Wir tuckern südwärts zum Trollfjord. Immerhin lüftet sich der Wolkenvorhang ein wenig und uns wird ein Blick auf das großartige Bergpanorama gewährt. Krönender Abschluss des tollen Tages, obendrein ist es hier, zwischen 700 bis 1000 Meter hohen Bergen, schön windgeschützt. Ab 22.30 Uhr genießen wir die Ruhe im menschenleeren Trollfjord.

Freitag, 16. Juni

Ab 10.20 Uhr tuckern wir weiter südwärts durch den Raftsund. Ziel ist Svolvaer, wir müssen unbedingt einkaufen, Müll entsorgen, duschen, kurz, wir brauchen die Zivilisation. Um 14.00 Uhr machen wir in Svolvaer fest, Hauptstadt der Lofoten. Es nieselt und die schöne Umgebung des Ortes bleibt heute im Nebel verhüllt. Um 21.00 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Henningsvaer. Unterwegs können wir das abwechslungsreiche Spiel der Wolken mit den Bergspitzen beobachten. Um 23.20 Uhr sind wir fest in Henningsvaer, vielleicht der schönste Fischerort der Lofoten.

Samstag, 17. Juni

Nebel und Niesel in Henningsvaer, wir schlendern durch den Ort und warten auf Besserung. Mittags kommt Wind auf und die Sicht wird besser. Ab 14.00 Uhr segeln wir erstmals mit Topsegeln nordwärts durch den Gimsöystraumen. Dies ist unser Abschied von den Lofoten. Wir haben alle vier großen Inseln besucht und alle drei befahrbaren Sunde durchsegelt. Nun geht es weiter zu den Vesteraalen. Deren Westküste liegt ab 20.00 Uhr voraus und schon werden wir den Lofoten untreu. Hier sind die Berge nicht ganz so hoch, dafür grüner, runder, weniger schroff. Vielleicht liegt es auch am Sonnenlicht, vielleicht an den hunderten von Papageientauchern, die das Schiff umflattern, vielleicht am schönen, gemächlichen Segeln in der nächtlichen Sonne: Die Vesterlen gefallen sofort. Um Mitternacht machen wir im kleinen Fischerort Nykvaag fest. Nyk heißen die zuckerhutförmigen Hügel rings um den Ort: Fuglenyken, Gaardsnyken, Kvalnyken. Heute Nacht sind sie von der Mitternachtssonne beschienen.

Sonntag, 18. Juni

Vormittags kommt nur langsam Schwung ins Schiff. Die Dorsche, von den Anglern während der Nacht gefangen, werden gebührend bewundert, Rezepte werden diskutiert. Ein Gang durch den Ort ergibt: Wenige Menschen, viele, laute, brütende Möwen. Da außerdem kaum ein Lüftchen weht, wird heute vor allem der Verdauungstrakt vor Herausforderungen gestellt. Mittags werden schon mal die Dorsche als Backfisch gereicht. Dann legen wir ab und tuckern gemütlich Richtung Boröyfjord. Unterwegs gibt’s Kaffe und Kuchen und um 16.00 Uhr fällt der Anker in einer sehr einsamen Bucht der Insel Tindsöya. Es regnet, die Landschaft ist grandios. Die Sauna wird geheizt und ausgiebig benutzt. Der Tag geht zuende mit diversen Salaten, die zu gegrillten Koteletts verspeist werden. Um 22.30 Uhr kommt jedoch mehr Wind auf, als an diesem Ankerplatz gut ist und so verholen wir uns in den Hafen von Tangstad auf Skogsöya. Dort fallen alle erschöpft in ihre Kojen.

Montag, 19. Juni

Um 7.00 Uhr geht’s bei Sonnenschein weiter, nordwärts im Prestfjord, leider ohne Wind und darum mit Maschine. Die steilen Hänge der Inseln sind so grün und überwältigend schön, dass die Augen feucht werden und einige sind der Meinung, diese Gegend sei die bislang schönste, die wir auf dieser Reise gesehen haben. Und wir waren immerhin schon auf den Lofoten. Nach 2 Stunden machen wir in Nyksund fest, ein ehemals verlassenes Fischerdorf, das jetzt von verschiedenen Initiativen zu neuem, touristisch geprägten Leben erweckt wird. Die Mischung aus altem und neuem, Verfall und Aufbau hat ihre Reize, findet aber bei uns ein sehr geteiltes Echo. Einige sind abgeschreckt, andere wollen gar nicht wieder weg. Also fahren wir um 13.30 Uhr weiter. Weiterhin wiegt sich die See in einer sanften Dünung, kein Wind kräuselt die Oberfläche. Wir stoppen bei der Insel Anda zum Angeln. Nach einer Stunde müssen wir abbrechen: Mehr Fisch können wir unmöglich in den beiden nächsten Tagen aufessen. Segelversuche bleiben dagegen erfolglos, auch Wale können wir keine erspähen und so fahren wir ab 18.00 Uhr unter Maschine weiter nach Nordosten. Um 21.00 Uhr machen wir in Nordmela fest. Die Sonne scheint.

Dienstag, 20. Juni

Heute schieben wir eine ruhige Kugel. Von 7.00 Uhr bis 10.30 Uhr tuckern wir über spiegelglatte See an der Westküste von Andöya nach Andenes. Hier starten die berühmten Walsafaris mit garantierter Walsichtung. Wir sehen aber nichts und im Ort erfahren wir auch warum: Die Wale treiben sich am Rande des Kontinentalschalfs herum. Unter Maschine wären wir etwa 10 Stunden dorthin unterwegs und das ist uns zu weit. Stattdessen gucken wir heute anderen bei der Arbeit zu: Das Fußball-WM-Fieber greift nun auch aufs Schiff über.

Mittwoch, 21. Juni

Gleich nach dem Ablegen in Andenes können wir Segel setzen. Hoch am Wind geht es über den Andfjord auf die Insel Senja zu. Leider schläft der Wind im Laufe des Vormittags ein. Die Sonne verzieht sich, es beginnt zu nieseln. Um 10.50 fällt der Anker vor Meby im Veimannsfjord. Beim Mittagessen kommt Westwind auf. Als wir ihm entgegenfahren, legt er sich wieder, obendrein zieht Nebel auf und die tolle Außenküste von Senja entzieht sich allen Blicken. Nur gelegentlich ist ein überspülter Felsbrocken in den Brandung zu sehen, denn die Küste ist hier sehr unrein. Vor dem Abendessen laufen wir in den Mefjord ein, da klart es schlagartig auf und obendrein kommt achterlicher Wind. Segel hoch, Maschine aus. Lange bleibt der Wind uns nicht treu, dann dümpeln wir in der Flaute. Um 20.00 liegen wir in Mefjordvaer. Schöne, kleine Ortschaft vor hochdramatischer Bergkulisse. Die Sicht bleibt gut und gleich nach der Linsensuppe ziehen verschiedene Wandergruppen in die umliegenden Wiesen, Hügel und Berge.

Donnerstag, 22. Juni

Berge und Fjord liegen heute in schönstem Sonnenschein. Die Wandersleut waren gestern begeistert und ziehen vormittags gleich wieder los. Umgekehrt sind die Einwohner, die Mefjordvaeringer, interressiert, was da für ein Schiff zu Besuch gekommen ist. Mittags kommt der ganze Kindergarten und bringt uns ein Ständchen: Wir fangen Fische, wir fangen Fische den ganzen Tag, ein Fisch für Mami, ein Fisch für Papi und 2 Fische für den kleinen Bjarne. Um 13.00 Uhr gehts weiter, Meer spiegelglatt, immerhin gelegentlich ein Sonnenstrahl, unglaublich schöne Küste. Vorraus liegt bereits Kvalöya, die Insel, auf der auch Tromsö liegt. Zur Kaffeezeit stoppen wir die Maschine und fangen im strahlenden Sonnenschein eine Wanne voller Dorsche und Seelachse. Um 19.00 machen wir auf Sommaröy fest.

Freitag, 23. Juni

Früh um 6.00 wollen wir die schöne Insel Sommaröy bereits verlassen, denn zwischen uns und Tromsö liegt der Rysstraumen, ein enger, stark strömender Sund, den wir vor 12.00 passieren müssen. Die Ansteuerung von Sommaröy liegt in dichtem Nebel, die Insel selbst im Morgensonnenschein und allein dieser Anblick lohnt das frühe Aufstehen. Vorsichtig tasten wir uns durch die Nebelsuppe aus Hafen und Felsengewirr in den tiefen Fjord hinaus. Nach 2 Stunden klart es auf und mit der Sonne kommt auch der Wind. Wir können segeln, ziemlich flott sogar und der Rysstraumen schiebt auch kräftig mit. Ringsum liegen immernoch Nebelpakete zwischen den Bergen und passen ganz hervorragend zu der unwirklichen Szenerie: Kahle Schneegipfel, grüne Fjordufer mit Bauernhöfen, Fjorde und Sunde überall dazwischen. Noch vor 12.00 passieren wir die engste Stelle des Rysstraumen. Hier zischt und gurgelt das Wasser und es muss wohl Mengen von Fisch heir geben, denn überall jagen die Vögel in die Strudel hinein. Mittags schläft der Wind erst ein, kommt dann heftig von vorn, dazu nähert sich Gewitterdonner. Wir bergen die Segel und fahren mit Maschine die letzten Meilen nach Tromsö. In strömendem Regen. Und so bietet dieser letzte Tag des Lofotentörns noch einmal ein echtes norwegisches Wetter-Potpourri. Die ganze Palette in sechs Stunden. Um 15.00 machen wir in Tromsö fest, nach 400 Seemeilen durch unglaubliche Küstenlandschaften.

Samstag, 24. Juni

Nach Frühstück und rein Schiff verlässt die Lofotencrew im Laufe des Vormittags die Petrine und reist heim.

3. Nordmeertörn – Der Norden

Samstag, 24. Juni

Den ganzen Tag treffen angehende Nordkapumsegler ein, lassen ihr Gepäck an Bord und stürzen sich in das brodelnde Tromsöer Leben. Die Einkaufsmeile ist voller Marktstände, Musiker, Touristen und Einheimische. Die erste richtige Stadt in Nordnorwegen. Auch nachts kehrt keine Ruhe ein, bis in die Morgenstunden treiben sich die Aktivsten von uns in den Kneipen und Discos herum. Hier ist was los.

Sonntag, 25. Juni

Nach Frühstück und Sicherheitseinweisung segeln wir nicht los, denn wir warten noch auf Nachzügler. Die Aktivsten von heute sind andere als die Aktiven der letzten Nacht: Die heutigen nutzen das passable Wetter für eine Wanderung auf den 600 Meter hohen Flöyen, welcher der Stadt gegenüber auf der Ostseite des Sundes liegt. Von dort bietet sich ein toller Anblick der Stadt.
Um 18.00 sind alle an Bord, Wasser ist gebunkert, wir legen ab und tuckern im Tromssund nordwärts. Nach dem Abendessen können wir Segel setzen und mit munterer Fahrt geht es durch den Grötsund auf die Lyngsalpen zu. 1500 Meter hohe Gipfel, Schneefelder und Gletscher dazwischen, erstrecken sich hier auf einer Länge von gut 80 km. Diesen Anblick genießen wir bis Mitternacht, der Westwind ist längst eingeschlafen.

Montag, 26. Juni

Nach langem Herumtreiben und erfolglosen Angelversuchen machen wir um 3.00 im Hafen von Sör-Lenangen fest. Der Blick auf die Lyngsalpen ist durch tiefhängende Wolken verwehrt. Vormittags regnet es heftig und das Frühstück zieht sich über Stunden. Um 11.00 legen wir ab und tuckern bei Windstille und schlechter Sicht durch strömenden Regen. Nach dem Mittagessen klart es auf, Wind setzt ein, wir können segeln und – was mindestens genau so wichtig ist – wir können uns an der tollen Landschaft freuen, denn die Wolken haben sich in höhere Luftschichten verzogen, gelegentlich lassen sie sogar die Sonne durch. Bis in den späten Abend segeln wir mit unsteten Winden in den Kvaenangsfjord hinein. Die gleichnamige Bergkette gehört zum Schönsten, was Norwegen zu bieten hat. Um 22.30 machen wir direkt unter den steil aufragenden Gipfeln des Kvaenangsfjells fest.

Dienstag, 27. Juni

Morgens finden wir zwei bemerkenswerte Dinge vor: Neuschnee auf dem Fjell oberhalb von 800 Meter und in der Fischwanne liegt der größste Dorsch, der je auf der Petrine gefangen wurde: 15 Kilogramm, 120 cm lang. Der Dorsch wird im Laufe des Tages filetiert, aber alle Versuche, das Fjell zu bezwingen scheitern am schwierigen Terrain. Dafür werden die Wanderer entschädigt mit wunderschönen Blumen, Wasserfällen und einer Rentierherde. Um 13.00 können wir direkt von der Pier lossegeln. 3 Stunden später segeln wir in den Jökelfjord und voraus kommt der Öksfjordgletscher in Sicht, der einzige europäische Gletscher, der direkt ins Meer kalbt. Um 17.00 machen wir in Olderbakken fest, zunächst nur um Wasser zu bunkern. Dann verschwinden aber Gletscher und Berge in den Wolken, es fängt an zu regnen und so geht der Nachmittag in einen gemütlichen Spieleabend unter Deck über.

Mittwoch, 28. Juni

Heute ist es klar und trocken, hier und da bescheint die Sonne die Fjordufer. Gleich nach dem Frühstück segeln wir weiter in den Jökelfjord hinein zur Abbruchkante des Gletschers. Als wir bis auf eine halbe Meile heran sind, bricht ein Stück Eis ab. Gefolgt von einem rauschenden Schwall Wasser geht alles zu Tal und verliert sich in einem vorgelagerten Schneefeld. Um 10.45 gehen wir in der Skalsabucht zu Anker und viele wandern zum nahegelegenen See, der sich weit ins Inselinnere erstreckt, umgeben von arktischer Hochgebirgslandschaft. Ab 17.00 tuckern wir bei glänzender Sicht und Windstille aus Jökelfjord und Kvaenangenfjord hinaus. Die Berge von Finnmarken, der nördlichsten und östlichsten Landschaft Norwegens begrüßen und begleiten uns in der Abendsonne bis zur Insel Loppa. Dort machen wir um 23.20 fest und kümmern uns um die Reste des gestrigen Dorsches, der uns allen für 2 Mahlzeiten und eine Suppe gereicht hat.

Donnerstag, 29. Juni

Vormittags spazieren wir auf der Schieferinsel Loppa umher, über Wiesen, Hügel, Sandstrände, hin zum Dörfchen auf der Südseite. Oder nur um die Ecke zum Strand, den Austernfischern und Strandläufern zuschauen. 13.00 Los auf Loppa, bedeckt, windstill, Baro 1022. Kurs Ost in die Fjorde Finnmarkens. Wir tuckern um die Insel Silda, etwa 40 qkm groß, bis zu 570 m hoch, durchschnittliche Höhe etwa 250 m Gesamtlänge der Wasserfälle sicher viele Kilometer. 2 Häuser gibt es hier an der Ostseite, wahrscheinlich nur im Sommer bewohnt. Der Ort Bergfjord liegt in einer Bucht, vielleicht 200 Einwohner, keine Straßenverbindung, aber Post, Geschäft, Cafe, Werft und Tankstelle (für Schiffe) gibt es hier. Überall liegt Schnee auf den Bergen, hinter Bergfjord fließt eine Gletscherzunge ins Tal, die Hochgebirgslandschaft beginnt direkt am Fjordufer. Um 21.00 fällt der Anker im Nordfjord bei der Insel Stjernöya. Ein wunderbarer Platz für Lagerfeuer und kleine Erkundungswanderungen. Ein Bergsee, viele Wasserfälle und Steilhänge und ein Kadaver werden entdeckt. Ein Walkadaver von beträchtlichen Ausmaßen, hinreichend verwest, sodass etliche Wirbel und Rippen mit aufs Schiff genommen werden.

Freitag, 30. Juni

Um 7.00 gehen wir Anker auf. Es regnet. Nach dem Frühstück setzt Wind ein und es entwickelt sich ein prima Segelvormittag. Der Regen hört freundlicherweise auf und mittags kommt Hammerfest in Sicht. Dort machen wir um 14.00 fest, denn um 17.00 haben wir hier einen Termin. Das Städtchen gefällt uns über Erwarten gut, die Sonne kommt raus, der Wind schläft ein und der Termin um 17.00, das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien, zieht sich etwas hin wegen Verlängerung und Elfmeterschießen. Schlussendlich bleiben wir über Nacht in Hammerfest liegen.

Samstag, 1. Juli

Vor dem Frühstück tuckern wir aus dem Hafen von Hammerfest heraus und um den riesigen Gasterminal auf der Insel Melköya herum. Am Himmel sind nirgends Wolken zu sehen, die Sonne brennt geradezu und die Fernsicht geht bis zu den äußersten Inseln und landeinwärts bis zu den höchsten Gletschern. Bald können wir sogar segeln und es geht recht flott vorran. Die Inseln sehen hier bereits sehr arktisch aus: Baumlos, fast menschenleer, schroffe Felsküsten mit eingestreuten Sandstränden. Mittags schläft der Wind ein, wir freuen uns eine Weile an der schönen Gegend und staunen über die arktischen Luftspiegelungen, die hier bei warmem Wetter über kaltem Wasser entstehen. Um 14.30 machen wir in Tufjord auf der Insel Rolfsöya fest. Beinahe alle machen sich auf den Weg zu einer Bucht an der Nordküste der Insel. Wir wandern über weites Rentierweideland, durch sumpfige Täler und Bäche, über steinige Hügel und kaum erkennbare Pfade. Und wir bekommen eine Ahnung von den hiesigen Mückenschwärmen. An der Nordküste werden wir vom einzigen Bewohner der Bucht mit Kaffee empfangen. Er freut sich über den ungewöhnlich zahlreichen Besuch und erweist sich als humorvoll und schlagfertig. Ob es nicht sehr einsam sei in dieser Bucht, wird er gefragt. „Not today!“ Mit seiner Hilfe werden gegen 19.00 Uhr alle Wanderer zur Petrine übergesetzt, die in der Bucht vor Anker liegt. Bei Windstille und Sonnenschein fahren wir ostwärts nach Havöysund, wo wir um 21.15 festmachen.

Sonntag, 2. Juli

Im Nieselregen und bei kaum spürbarem Westwind legen wir um 7.00 in Havöysund ab. Bald sind alle Segel gesetzt, der Regen hört auf und wir machen ganz passable Fahrt nach Nordosten. Mittags passieren wir den größten Vogelfelsen Norwegens, den Storstappen. Dort nisten 2 Millionen Vögel. Vorraus kommt der Knivskjelodden in Sicht, der nördlichste Punkt Europas. Das Nordkap, 2 Meilen südöstlich des Knivskjelodden ist ein großer, besonders beeindruckender Felsen, liegt aber südlicher . Unter vollen Segeln, bei spiegelglatter See, leichtem Südwestwind und Sonnenschein runden wir um 14.45 den nördlichsten Punkt. Wir bergen die Segel, setzen das Beiboot aus und klettern auf den zerklüfteten Granitrücken des Knivskjelodden. Im Sonnenschein können wir schöne Fotos vom Nordkap machen mit der Petrine im Vordergrund, die mit Minimalbesegelung in Ufernähe kreuzt. Um 18.00 runden wir auch das Nordkap und eine Stunde später gehen wir in der Skarsvaagbucht zu Anker. Wir feiern unseren nördlichsten Tag mit Fleisch und Fisch vom Grill, reichlich Salaten und Gitarre und Akkordeon.

Montag, 3. Juli

Morgens verholen wir in den Hafen von Skarsvaag zum Wasserbunkern bei der nördlichsten und freundlichsten Fischverarbeitung der Welt. Ab 10.30 treiben uns die Fallwinde vom Hochplateau der Insel Mageröy zügig aus dem Fjord. Leider verlässt uns schon am Mittag der Wind und wir dümpeln bis 16.00 immernoch in Sichtweite des Nordkaps. Warum auch nicht, die See ist ruhig, wer keine Wache hat schläft, liest, backt oder isst. Dann fahren wir mit Maschine ostwärts auf das Nordkinn zu, den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Wir wollen dort zunächst angeln und dann ausbooten, wie wir es gestern so schön am Knivskjelodden gemacht haben. Der erste Teil des Planes klappt hervorragend, binnen einer knappen Stunde ist die Fischwanne mit Dorschen und Köhlern gut gefüllt. Im Dunst kommt um 22.00 das Nordkinn in Sicht. Schroffer und steiler als das Nordkap, bröselig wie eine Geröllhalde, vegetationslos und ohne jede Ankermöglichkeit liegt das Kap zwischen den Nebelfetzen. Ein schrecklich schöner Anblick, der jeden Gedanken ans Ausbooten sofort verfliegen lässt. Stattdessen beginnen wir gegen schwachen Ostwind aufzukreuzen. Wir haben ja Zeit.

Dienstag, 4. Juli

Der schwache Ostwind wird von fallendem Barometer, einer langen Dünung aus Nordwest und beständigem Regen begleitet. Um 5.00 kommt der Leuchtturm Slettnes in Sicht. Hier ist die Nordkinn-Halbinsel zu Ende. Um 10.00 laufen wir Gamvik an. Es regnet in Strömen, die Leute sind freundlich und helfen mit Wasser, einkaufen und Liegeplatz. Mittags dreht der Wind auf Nordwest und wir setzen Segel mit Ziel Berlevaag. Dort haben wir um 21.00 einen Termin (Deutschland-Italien). Eine halbe Stunde vorher machen wir fest und schon bald haben wir eine Großbildleinwand ausfindig gemacht. Der Ausgang des Spieles hebt unsere Stimmung nicht und wir gehen vor Mitternacht in die Kojen.

Mittwoch, 5. Juli

Berlevaag ist ein Ort in der Wildnis. Direkt hinter dem letzten Haus fängt der Fels an, nur noch von Mosen und Flechten bewachsen, Rentierweideland. Überall liegen noch Schneereste in der Landschaft und heute wird er nicht schmelzen. Häuschen und Kirchlein, der Kindergarten und die Schule, alles macht trotz des Regenwetters einen freundlichen Eindruck. Mittags reffen wir das Großsegel, denn es weht mit 6 Windstärken und legen ab mit Kurs Südost. Wir machen flotte Fahrt, an Steuerbord liegt die arktische Küste von Finnmark, keine Siedlungen, kaum je ist ein Haus zu sehen. Unter Deck wird Schlaf nachgeholt, Sudokus gelöst, Fotos bearbeitet, Bohnensuppe gekocht. Um 22.00 machen wir in Vardö fest ohne die Maschine zu benutzen.

Donnerstag, 6. Juli

Vormittags laufen wir im Städtchen Vardö herum. Östlichster Vorposten Norwegens, ehemaliges und hoffentlich zukünftiges Zentrum des Russlandhandels. Vardö hat in den letzten Jahren viel von seiner Bedeutung und fast die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Das ist auch am Stadtbild nicht spurlos vorrübergegangen. Die tolle Lage auf 2 Inseln in der Barentsee ist der Stadt aber nicht zu nehmen und so bleibt sie ein lohnendes Reiseziel. Nach dem Mittagessen setzen wir alle Segel und es geht mit unbestimmtem Ziel und wechselnden schwachen Winden in den Varangerfjord, der eigentlich kein richtiger Fjord, sondern eine breite Meeresbucht ist. Am frühen Abend kommt die Sonne durch und wir hoffen auf die zweite Mitternachtssonne. Bislang war sie ja wegen der meist geschlossenen Wolkendecke nur am Nordkapabend zu sehen. Kurz vor Mitternacht wird ein Wal gesichtet, tatsächlich der erste auf dieser ganzen Norwegenreise. Die Sonne hält durch und um Mitternacht treiben wir bestens gelaunt in Flaute und Sonnenschein auf dem Varangerfjord.

Freitag, 7. Juli

Von irgendwoher kam dann doch immer irgendein Lüftchen und so können wir segeln bis morgens um 6.30 vor der Mündung des Korsfjordes. In der Kobbvaagenbucht auf der Insel Skogsöya fällt vor einer Flussmündung der Anker. Auch im Nieselregen eine wunderschöne Bucht mit rauschendem Wasserfall, Felsen, Moosen und Flechten ringsumher. Die meisten schlafen weit in den Vormittag hinein. Ab mittags wird gewandert über die Hügel und entlang der Bäche und Seen. Eine größere Rentierherde wird gesichtet und die schöne Ankerbucht wird viel gelobt. Nach einem sehr entspannten, zuletzt sogar sonnigen Tag gehen wir um 19.30 Anker auf und tuckern die letzten Meilen nasch Kirkenes. Dort machen wir um 21.30 fest. Zum Abschied ist uns nochmal eine wunderbare Mitternachtssonne vergönnt.

4. Nordmeertörn – Abenteuer Arktis

Samstag, 8. Juli

Den ganzen Tag über reisen Nordkapsegler ab und es treffen Russlandsegler ein. Es ist sonnig, die viele gewaschene Wäsche trocknet gut. Die Stadt Kirkenes lockt nur sehr mäßig, die schöne Umgebung ist sehr weitläufig. Schiffsarbeiten werden erledigt.

Sonntag, 9. Juli

Um 16.00 sind alle Arktisreisenden an Bord. Wir stärken uns mit einer kräftigen Hühnersuppe und richten uns an Bord ein. Begrüßungsrunde, Sicherheitseinweisung, Wacheinteilung. Um 19.30 legen wir ab mit Ziel Murmansk. Läuft alles gut, werden wir am Dienstag dort ankommen.

Zunächst motoren wir aus den Kirkenesfjorden heraus, einer schönen Mitternachtssonne entgegen. Es weht kein Wind, dafür werden wir mit Belugawalen entschädigt.

Montag, 10. Juli

In den Morgenstunden können wir nordlich der Rybatschi-Halbinsel Segel setzen. Mühsam kreuzen wir gegen schwache östliche Winde. Es ist ungewöhnlich warm, gute Sicht, gute Laune und unser erster Tag in russischen Gewässern. Bis zum späten Abend segeln wir hoch am Wind, fahren Wende nach Wende bis auf 16 Meilen an den Kolafjord heran. Dann schläft der Wind ein und wir tuckern den Bergen entgegen, die Murmansk vor der Barentsee verbergen. Im Fjord tauchen dann in der ansonsten menschenleeren Landschaft sehr plötzlich Hafenanlagen und große Städte auf, Poljarnyi und Seweromorsk, die Heimathäfen der ehemals Roten Flotte.

Dienstag, 11. Juli

Um 4.00 kommt der Lotse an Bord und 3 Stunden später machen wir am Fuße des Häusergebirges von Murmansk fest. 2 Stunden später sind die Einreiseformalitäten so weit erledigt, dass die Crew in die Stadt gehen darf. Der Käptn wird noch bis 16.30 von diversen Offiziellen auf Trapp gehalten. Erst als auch der letzte Feuerlöscher überprüft und keine Papiere mehr zu bearbeiten sind ist ganz sicher: Wir dürfen nach Russland einreisen und 4 Wochen durch das Nordmeer segeln!

Mittwoch, 12. Juli

Murmansk ist wirklich keine Stadt, die auf Anhieb sympathisch und einladend wirkt. Eigentlich sieht Murmansk genau so aus, wie eine Stadt nicht aussehen sollte. Riesige Plattenbauten, breite Straßen, das Unkraut als einzige Grünpflanze wächst bis vor die Haustüren, Staub und Müll liegen überall herum. 90 Jahre ist diese Stadt jetzt alt und was schiefgehen kann bei der Planung einer Stadt ist hier schiefgegangen. Um so überraschender, was für freundliche, hilfsbereite und kompetente Menschen hier wohnen. Und wie kontaktfreudig die Leute sind, trotz einer so abweisenden und schroffen Lebensumwelt. Dieser Moloch hat doch ganz erstaunliche menschliche Blüten hervorgebracht. So ist denn auch bis zum Nachmittag dank der Hilfe von allen Seiten alles organisiert und eingekauft, was wir für den langen Weg nach Naryan-Mar benötigen, alle Behörden sind zufriedengestellt und um 21.00 wollen wir ablegen. Nur das Bezahlen der Rechnung von Agenten, Lotsen und Hafen ist trotz zweistündiger Bemühungen in einer Bank, unermüdlichem Einsatz mehrerer Leute, permanenten Mobiltelefonaten und viel technischem Gerät letztlich nicht möglich gewesen. Wir haben eine schöne russische Lösung gefunden: Wir bezahlen, wenn wir wiederkommen.

Um 21.15 sind alle Ablegeformalitäten erledigt. Der lustige Lotse von vorgestern kommt an Bord und wir legen ab zu einer schönen Fahrt aus dem Kolafjord. Lotse Sergey will trotz völliger Flaute unbedingt Segel gesetzt haben. Wir tun ihm gern den Gefallen und er fotografiert ausgiebig.

Donnerstag, 13. Juli

Kurz nach Mitternacht geht Sergey von Bord, eine halbe Stunde später kommt günstiger Wind auf. Die letzten Meilen aus dem Fjord können wir segeln und um 2.00 gehen wir in der Kolabucht im Mitternachtssonnenschein auf Ostkurs. 2 Stunden später segeln wir durch den schmalen Sund zwischen der Insel Kildrin und dem Festland. Irgendwie spricht sich auf dem ganzen Schiff herum, welch traumhafter Sonnenschein auf die Felsen, die kleinen Wäldchen, die Wiesen und die Strände scheint. Morgens um 5.00 ist großes Gedränge an Deck, kaum jemand bleibt in der Koje. Wir segeln mit über 6 Knoten ostwärts, was für ein schöner Auftakt unserer Reise nach Naryan-Mar. Etwa 600 Seemeilen liegen vor uns. Bis zum Nachmittag scheint die Sonne und wir machen flotte Fahrt in Sichtweite der Küste der Kolahalbinsel. Dann dreht der Wind und abends laufen wir hoch am Südostwind immer weiter von der Küste weg. Der Wind nimmt kontinuierlich zu und Wir laufen zeitweise mit 8 Knoten nach Ostnordost. Um Mitternacht binden wir ein Reff ins Groß und bergen den Flieger.

Freitag, 14. Juli

In den frühen Morgenstunden schläft der Wind zunächst ein, dreht dann wieder auf West und wir können alle Segel setzen. 3 Knoten Fahrt, Sonnenschein, die See beruhigt sich wieder. Nachmittags machen wir garkeine Fahrt mehr, dafür können wir – leider erfolglos – angeln und im T-Shirt in der Sonne liegen. die Kolahalbinsel liegt 60 Meilen im Südwesten, Kanin Nos liegt 60 Seemeilen im Südosten. Land ist also keines mehr zu in Sicht, aber gelegentlich sehen wir Fischkutter am Horizont. Auch ein sehr großer Eisbrecher passiert uns in Sichtweite. Raubmöwen und Eissturmvögel nähern sich ungewohnt furchtlos, landen auf Mastspitze und Bugspriet und bald muss die Klar-Deck-Wache die Schrubber schwingen. Am späten Nachmittag nimmt die Petrine wieder Fahrt auf. Mit wechselnden Winden, bei Sonnenschein und ruhiger See kommen wir langsam unserem Ziel näher. Um Mitternacht haben wir 240 Seemeilen seit Murmansk zurückgelegt.

Samstag, 15. Juli

Heute ist ein grauer Tag. Der Himmel ist bedeckt mit Schichtwolken. 2 bis 3 Windstärken aus wechselnden, meist westlichen Richtungen treiben uns moderat voran. Schiffe sehen wir heute keine. Wir backen Bananen-Mandel-Kuchen und abends drei Pizzableche. Ansonsten wird bemerkenswert viel geschlafen an Bord.

Sonntag, 16. Juli

In den Morgenstunden flaut der Wind ab und erstmals seit Verlassen des Kolafjordes laufen wir 3 Stunden mit Maschine. Dann kehrt der Nordwest zurück und um 11.15 kommen Backbord voraus die Hügel der Insel Kolguyew in Sicht. Kolguyev ist etwa 5000 Quadratkilometer groß und die bewohnte Siedlung Bugrino mit geschütztem Ankerplatz liegt an der Südküste. Am Nachmittag frischt es auf und mit bis zu 8 Knoten laufen wir in Sichtweite des endlosen Sandstrandes die Südküste von Kolguyew entlang. Seit wir Murmansk verlassen haben, hat es nicht geregnet. Um Mitternacht fällt der Anker vor dem Dorf Bugrino an der Südküste von Kolguyew.

Montag, 17. Juli

Einige pfiffige Jungen kommen schon bald in einem kleinen Boot zu uns herangefahren und begrüßen uns. Sie wollen Kartoffeln und Gemüse kaufen. Die Läden im Ort sind ausverkauft, denn seit einem Monat ist kein Schiff gekommen. Kartoffeln und Gemüse haben wir an Bord, ob wir Fisch dafür eintauschen können? Nein, Fisch gibts zur Zeit keinen, wir können Gänse bekommen. Wunderbar, wir machen ebenfalls das Boot klar und setzen trotz nächtlicher Stunde zum Dorf über. Hier wohnen 500 Nenzen. Sie leben von Rentierzucht, Fischfang und Jagd. Es gibt einen Generator, eine Post, ein Hotel, einen Kohlenhandel, viele Hunde, Kindergarten und Schule für die 220 Kinder von Bugrino. Gerade werden neue Häuser gebaut, denn der Ort wächst. Das alles erfahren wir von unseren Begleitern, die ihre Familien wecken, weil Besuch gekommen ist, auch die Kinder stehen auf, egal, es sind sowieso Schulferien, also werden auch die Nachbarskinder geweckt. Dazu scheint die ganze Zeit eine wunderbare Mitternachtssonne auf Dorf, Strand, Weiden und arktische Blumenwiesen. Was für ein Glück für uns, dies so erleben zu können. Um 6.30 sind alle Einheimischen wieder an Land und alle Segler wieder an Bord. Anker auf und weiter gehts nach Osten. Von dort kommt auch der Wind, sodass wir den ganzen Tag bei wolkenlosem Himmel, 5 bis 8 Grad und Sonnenschein unter Maschine fahren. Vormittags wird geduscht mit warmem Salzwasser aus der Maschine, nachmittags werden die Gänse gerupft, ausgenommen, zerlegt, gekocht und zu Frikassee verarbeitet und im übrigen wird heute besonders viel geschlafen.

Dienstag, 18. Juli

Die Mitternachtssonne am wolkenlosen Himmel kommt dem Horizont gefährlich nahe. Gegenüber der Sonne, südlich von uns, ein Strand von 100 km Länge, die Halbinsel Russki Zavorod. Sie trennt die Pechorabucht von der Barentsee und nur vereinzelt hat sich Dünenvegetation hier festkrallen können. Mittags haben wir die Halbinsel und die anschließenden Inseln gerundet, können auf Südkurs in die Pechorabucht gehen und endlich wieder Segel setzen. Die Sonne bleibt uns den ganzen Tag erhalten, langsam wird es sogar wärmer und es beginnt nach Land zu riechen.

Mittwoch, 19. Juli

Genau um Mitternacht haben wir die Ansteurung der Pechora erreicht. Pechora? Das ist Europas sechstlängster Fluss, 1800 km lang, entspringt weit im Süden im Ural und mündet in einem gewaltigen, völlig unregulierten Delta in die Barentsee. Eigentlich sollte bei der Ansteuerung ein Lotse an Bord kommen für die verbleibenden 70 Meilen bis Naryan-Mar. Da kein Lotse kommt, machen wir uns unter Maschine auf den Weg stromaufwärts. Knapp die Hälfte der Seezeichen, die in der Karte verzeichnet sind, finden wir tatsächlich am Platze vor. Die Unordnung ist verzeihlich, denn Seefahrt ist hier nur 100 Tage im Sommer möglich, die übrige Zeit ist der Fluss vereist. Um 2.00 geht ein gewaltiger Gewitterregen auf die Petrine nieder, 2 Stunden später ist die Sonne wieder da. Auch heute Nacht ist sie nicht ganz verschwunden, sondern nur mit der Unterkante unter den Horizont gerutscht. Dennoch ein ungutes Gefühl: Die Mitternachtssonne werden wir dieses Jahr nicht mehr sehen… Der Strom hat niedrige Ufer, vereinzelt stehen Häuschen in der Tundra, hier ist Rentierweideland. Erste Mücken werden auf dem Schiff gesichtet. Ungewöhnlich große Mücken. Viele Meilen fahren wir an Schilfinseln und Sandbänken vorbei bis wir um 13.30 in Naryan-Mar festmachen. Naryan-Mar hat 20000 Einwohner, das sind die Hälfte aller Menschen die im Autonomen Gebiet der Nenzen leben, ein Gebiet größer als Deutschland.

Freitag, 21. Juli

Um 20.30 legt die Petrine in Narjan Mar ab. Ausnahmsweise sind mehr
Fotoapparate und Kameras auf uns gerichtet, als wir selber aufbieten
können. Bei mäßigem Nordwind tuckern wir auf der Pechora stromabwärts
zur Barentsee. Knapp 100 Seemeilen sind es bis dorthin.

Samstag, 22. Juli

Mittags verlassen wir das Delta und können in der Pechorabucht Segel
setzen. Gegen den Nordwind kreuzen wir auf und machen dabei ganz gute
Fortschritte. Abends sind wir in der Ansteuerung und stehen vor der Frage,
ob wir trotz frischen Nordwindes auf die Barentsee hinaussegeln wollen.
Mutig machen wir uns auf den Weg.

Sonntag, 23. Juli

Um 3.30 zerbricht unser Backbordschwert in der groben See. Bergeversuche scheitern, das Schwert treibt achteraus. Eine halbe Stunde später geht eine Schleppleine über Bord, gerät in die Schraube und stoppt die inzwischen gestartete Maschine. Jetzt wird es ernst! Mit gerefftem Grossegel können wir vor dem inzwischen starken Nordwind in die Pechorabucht zurücksegeln. Um 8.30 gehen wir zu Anker hinter den Sandbänken der Halbinsel Russki Zavorot. Gemütlich ist es hier nicht, aber ruhig genug für Mikhail Tigushkin, einen Tauchgang im 6 Grad kalten Wasser zu wagen. Nach einer halben Stunde hat er die Leine von der Schraube gewickelt, nur mit Taucherbrille, Schnorchel und Neoprenanzug ausgrüstet. Was für eine Leistung, was für ein Mut! Der Wind nimmt weiter zu und gegen Abend gibt es Sturmböen. Die Sandbänke, hinter denen wir geankert haben, sind mitlerweile überflutet und wir liegen in ein bis zwei Meter hoher Welle. Da das Schiff sich im Gezeitenstrom nicht mit dem Bug zu den Wellen ausrichtet, sondern manchmal quer dazu liegt, schaukeln wir uns extrem auf. Sehr ungemütliche Situation. Von Frachtschiffen, die in der Nähe vor Anker liegen und ebenfalls auf Wetterbesserung warten bekommen wir den neuesten Wetterbericht: Sturm für mindestens weitere 3 Tage.

Montag, 24. Juli

Wir können hier nicht länger liegen bleiben. Um 7.00 starten wir die Maschine und brauchen alle Kraft und Tricks und Kniffe, um die Ankerkette hochzukurbeln. Nach einer dreiviertel Stunde sind wir in achterlicher Welle unterwegs zur Pechoramündung, Ziel Naryan Mar. Die Bucht ist so aufgewühlt, dass wir keine Segel setzen mögen. Besser ist es, alle Konzentration auf das Festhalten zu verwenden. Nicht alle Wellen laufen unter der Petrine durch, einige überspülen die Reling bis zum Deckshaus. Mittags haben wir die Barre der Pechora erreicht. Es wird ruhiger und wir können das zweifach gereffte Gross und die gereffte Fock setzen. Glücklich, gesund und erschöpft erreichen wir um 15.00 den Fluss, hier ist es ruhig und es kommt langsam wieder Leben in Schiff und Besatzung. Niemand ist seekrank geworden! Nur das Schwert ist zerbrochen, sonst sind Schiff und Mannschaft wohlauf! Die verbleibenden Meilen bis Narjan Mar können wir segeln, später am Abend ungerefft und sehr schön. Wir freuen uns an den ofenfrischen Croissants, die von heldenhaften Bäckern im Laufe der Nacht in vielstündiger Arbeit unter unmöglichen Bedingungen zubereitet worden sind. Und wir schmieden Pläne, wie wir an ein neues Backbordschwert kommen können.

Dienstag, 25. Juli

Um 2.30 machen wir wieder in Naryan Mar unter den Hafenkränen fest. Nach dem Frühstück tauchen die alten Bekannten von Küstenwache und Hafenamt auf. Ernsthaft kontrolliert wird diesmal nicht: Wir kennen uns ja schon.Für Abends wird in der Stadt die Sauna gebucht. Der Wetterbericht macht uns keine Hoffnung.

Abends machen wir es uns auf der Pier gemütlich und grillen Rentierfilets. Nie haben wir so leckeres Fleisch gegessen, dazu frische Salate und Baltika 3. Wind und Nieselregen, Havarie und gescheiterte Pläne können die gute Laune nicht vertreiben. Mikhail nennt die Versammlung um den wärmenden Grill „The German Refugee Camp“.

Mittwoch, 26. Juli

Im Laufe des Tages werden die Reste des Backbordschwertes abgebaut und verwertbare Teile an Bord verstaut. Dank Mikhails Organisationstalent werden wir nächste Woche in Murmansk von einem neuen Schwert erwartet. Donnerstag soll es fertig sein. Bis dorthin müssen wir es ohne Schwert schaffen. Die Wettervorhersage verspricht ein wenig Besserung: Nordost 10 bis 12 m/s (5-6 Windstärken).

Donnerstag, 27. Juli

Früh morgens in Narjan Mar: Der Wind hat auf Ost gedreht. Um 8.00 im Internetcafe: In der südöstlichen Barentsee am Freitagabend maximal 5 bis 6 Windstärken aus Nordost, Samstag und Sonntag abnehmend. Wir bestellen die Behörden auf 17.00 und werden dann erneut den Pechorafluss hinabfahren. Mal vorsichtig schauen, was uns auf See erwartet…
Unser zweiter Abschied aus Narjan-Mar wird von aufrichtigen Wünschen für eine gute und sichere Fahrt begleitet. Zumindest in diesem Jahr möchte man uns hier nicht mehr sehen, danach dann gerne wieder. Diesen Wünschen schließen wir uns gerne an. Die Fahrt stromabwärts beginnt sogleich mit bisher unbekannten Schwierigkeiten: Es zieht dichter Nebel auf. Im Instrumentenflug mit GPS, Lot und Radar ist die Flussfahrt auf der Pechora kein Problem, aber ausgerechnet heute haben wir erstmals nennenswerten Schiffsverkehr.

28. Juli, Freitag

Um 6.00 haben wir das Delta achteraus. Der Nebel begleitet uns noch eine Weile, aber die Verkehrlage ist nun sehr übersichtlich. Die Wettervorhersage für die südöstliche Barentssee ist hart an der Grenze des erträglichen: Nord bis Nordost 8 bis 14 m/s. Am Nachmittag quälen wir uns durch bewegte See im Gulyewski-Fahrwasser auf die Barentssee hinaus. Wir können das gereffte Groß setzen und mit Maschine nach Nordwesten laufen. So entkommen wir den Sandbänken in Lee von uns und ab 17.00 können wir wunderbar mit achterlichem Wind nach westen segeln. Zeitweilig fliegen wir mit über 8 Knoten dahin, es ist das reine Vergnügen.

29. Juli, Samstag

Bis mittags haben wir bereits 150 Meilen zwischen uns und die Ansteuerung der Pechora gelegt. An Steuerbord liegt jetzt die Insel Kolguyew, in deren Schutz wir noch besser segeln können, denn hier erreichen uns weder Windsee noch Dünung. Ab spätem Nachmittag ist allerdings Schluss mit lustig: Wir verlassen den Landschutz, der Wind dreht nördlicher und wir haben alle Mühe, die nötige Höhe zu laufen. Die Halbinsel Kanin Nos droht in Lee, aus Norden rollen 3 Meter hohe Wellen heran und an unserer Backbordseite hängt kein Schwert. Zeitweilig sieht es so aus, als müssten wir in Cheshskaya-Bucht ablaufen, womit dann alle unsere Pläne für die Rückkehr nach Murmansk und Kirkenes durchkreuzt wären. Dann dreht der Wind aber wieder etwas nach östlicher und wir können die Fahrt nach westen fortsetzen.

30. Juli, Sonntag

Um Mitternacht hat es auf 6 Windstärken aufgefrischt und die Wellen sind entsprechend. Heute hat der Käptn Geburtstag, aber das Schiff ist nicht über die Toppen geflaggt und jede Feierei ist auf das Nötigste beschränkt. Unter den gegebenen Umständen ist es schon eine tolle Leistung, dass ein richtiger Geburtstagskuchen gebacken wird und dass sich sogar einige Gäste einfinden, die ihn mit Genuss verspeisen. Mittags haben wir Kanin Nos passiert und das ist heute auf jeden Fall das schönste und wichtigste Geschenk. Käme es nun noch dicker, so könnten wir nach Süden ins Weisse Meer ablaufen. Aber spät am Abend lassen Wind und Welle nach und die vielen Sorgen weichen der Freude über die vielen Meilen, die wir in den vergangenen Tagen zurückgelegt haben. Schneller als wir hoffen durften sind wir nach Westen vorwärts gekommen. Der Wetterbericht meldet für die südöstliche Barentssee erneut Sturm, an der Kolaküste dagegen soll sich ein Hochdruckgebiet durchsetzen. Da haben wir wohl den besten Zeitpunkt erwischt…

31. Juli, Montag

Das Hochdruckgebiet will sich heute noch nicht einstellen, es ist weiterhin bedeckt und kalt, 5 bis 8 Grad. Halb so schlimm, so lange wir bequem unseren Kurs anliegen können, solange das Meer weiter so ruhig daliegt, dass normales Leben an Bord möglich ist. Am frühen Nachmittag spiegeln sich im Süden die ersten Felsgipfel am Horizont: Die Murmanskküste, die Kolahalbinsel. Nach der fernen Pechorasee, den garstigen Leeküsten von Russki Zavorot und Kanin Nos erscheint die Kolahalbinsel wie ein Stück Heimat. Hier gibt es viele Fjorde und vorgelagerte Inseln hinter denen wir uns bei schlechtem Wetter verstecken könnten. Nötig haben wir das nun nicht mehr, denn es weht nur noch schwacher Wind aus östlichen Richtungen.

1. August, Dienstag

Ab Mitternacht fahren wir unter Maschine, denn es weht nur noch ein ganz laues Lüftchen. Murmansk kommt immer näher, die Sonne setzt sich durch und um 10.00 machen wir im Kildrinsund an einer Mooringboje fest. Das Rentierfleisch aus Narjan-Mar muss nötig gegrillt werden, dazu fehlte es bisher an Gelegenheit. Leider dürfen wir auf der Insel Kildrin nicht an Land gehen, was einigermaßen verständlich ist, denn im Fernglas sehen wir viele Bunkeranlagen und unterirdische Stollen, dazu reichlich Schrott und verfallene Häuser, die das Militär beim Abzug zurückgelassen hat. Wir lassen uns die Rentiere und den Nudelsalat schmecken, genießen die Ruhe und den Sonnenschein. Um 15.00 können wir Segel setzen und die letzten 20 Meilen zum Kolafjord mit flotter Fahrt vor dem Wind zurücklegen. 20.15 kommt im Fjord der Lotse an Bord bei wunderschönem Sonnenschein. Der knallrote Eisbrecher Jamal kommt uns entgegen auf einer touristischen Fahrt zum Nordpol. Um Mitternacht machen wir in Murmansk fest, diesmal ohne größere Formalitäten. 630 Seemeilen haben wir von Narjan-Mar bis hierher zurückgelegt. In 5 Tagen. Ohne Backbordschwert.

2. August, Mittwoch

Die Sonne scheint, die Waschmaschine läuft. Wir haben gut gefrühstückt. Das Schwert soll bereits fertig sein, morgen können wir es anschauen und anbauen. Die Welt ist in Ordnung.

3. August, Donnerstag

Am Nachmittag kommt ein riesiger Gabelstapler an die Pier gefahren, auf den Gabeln liegt ein Backbordschwert, 5 mal 2 Meter groß, eine knappe Tonne Gewicht. Etwa eine Stunde später hängt das Schwert längsseits. Kameras werden abgebaut, die Schaulustigen zerstreuen sich. Nach zwei Stunden ist das Schwert schwarz angemalt und in den nächsten Tagen wollen wir es mal auf seine Brauchbarkeit testen. Jetzt hängt jedenfalls ein Stück Murmansk an der Petrine. Am Nachmittag bekommen wir dank Mikhails diplomatischem Geschick eine Genehmigung zum Besuch an Bord des Schiffes Tara. Eine französische Jacht, die sich im Nordpolareis einfrieren lassen wird und über den Nordpol treiben lassen will. Seit Fridtjof Nansen vor 110 Jahren hat dies niemand mehr versucht. Alle sind schwer beeindruckt von Technik und Komfort an Bord und vom Mut der Crew. Um 20.00 wird ausklariert, dann segeln wir los nach Kirkenes.

4. August, Freitag
Es kommt anders: Um 1.40 können wir endlich ablegen. Geschlagene fünfeinhalb Stunden haben die Zollbeamten gebraucht, um eine alte Geige zu finden, die einen Aufkleber hat, auf dem „Stradivari“ steht. Stradivari, das weiss der Zöllner, das sind sehr teure Geigen, die dürfen nicht ausgeführt werden. Die Geige wird beschlagnahmt, das steht schnell fest. Aber einfach ist auch das nicht. Mehrere Mobiltelefone laufen heiss. Im Stundentakt werden Sachverständige, zertifizierte Übersetzer, Beschlagnahmer, diverse Chefs hinzugezogen. Das ganze ist zum Glück kein ernsthafter Zwischenfall, sondern absurdes Theater, das mit einem sehr russischen Finale endet: Der Käptn unterschreibt die restlichen Formulare blanko, die Zöllner füllen sie dann in den kommenden Tagen aus. Die lange Diskussion und die vielen Scherze über „Stradivari“ haben doch auf beiden Seiten erhebliches Vertrauen wachsen lassen. Sobald die Experten festgestellt haben, dass es sich um eine Kindergeige ohne grossen Wert handelt, soll uns die Geige nach Deutschland zugeschickt werden.
Morgens beim Wachwechsel können wir vor dem Kolafjord Segel setzen und ein frischer Ostwind treibt uns dem Varangerfjord entgegen. Dies wird noch einmal ein richtig schöner Segeltag entlang der Rybaschi-Halbinsel. Um 21.00 queren wir die Seegrenze; Norwegens Küste liegt nun voraus.

5. August, Samstag

Um 4.30 russischer, also um 2.30 mitteleuropäischer Zeit machen wir in Kirkenes fest und freuen uns über die glückliche Ankunft. Was für eine Reise: 1875 Seemeilen durch den schlechtesten Sommer, den es im Norden seit Beginn der wetteraufzeichnung gegeben hat. Nie gab es so viel Regen, dazu ganz ungewöhnlich viel Wind. Wir sind nicht ungeschoren davongekommen, mussten unsere hochfliegenden Pläne reduzieren und viel Zeit und Geld aufwenden, um heile zurückzukehren. Aber wir können auch richtig stolz darauf sein, diese Tour mit ungebrochen guter Laune bewältigt zu haben. Russland- und Arktistauglich dürfen wir uns nennen!

5. Nordmeertörn – Die Hurtigroute

6. August, Sonntag

12.00, alle Mitsegler vom Hurtigrouten-Törn sind angekommen auf der Petrine. Gleich nach dem Mittagessen und der Sicherheitseinweisung legen wir ab und setzen sofort die Segel. Sonnenschein und achterlicher Wind begleiten uns aus dem Fjord hinaus. So warm war es seit Wochen nicht. Der günstige Wind bleibt uns treu auf dem Varangerfjord und in der Mitternachtsdämmerung passieren wir bereits das Norwegische Ostkap bei Vardö.

7. August, Montag

Der Wind wird unbeständig, mal weht er, dann wieder nicht, sodass wir mehrfach für ein halbes Stündchen die Maschine starten müssen auf unserem Weg nach Nordwesten, entlang der felsigen, baumlosen Küste von Finnmark. Um 12.00 machen wir in Berlevaag fest. Nach 3 Stunden spazierengehen, Museum besuchen und einkaufen in Berlevaag geht es um 15.00 weiter nach Westen, dem Nordkap entgegen. Heute gibt der Nebel eine Galavorstellung. Zeitweilig fahren wir durch reines dreidimensionales Weiss, kein Horizont, keine Konturen begrenzen Wasser und Luft, nur wir in der Mitte mit dem Schiff, auf dem Maschine und Radar fleißig vor sich hin schnurren. Dann reißt das Weiß auf und wir sehen kleine Schäfchenwolken am blauen Himmel über uns. Die Nebelschicht ist wohl nicht so dick und darüber scheint die Sonne. Nur der Wind hat heute Pause, es weht kein laues Lüftchen. Vor Mitternacht, es regnet in Strömen, stoppen wir für eine Stunde die Maschine, um uns mit Fisch zu versorgen.

8. August, Dienstag

Durch permanenten Nebel und gelegentliche Schauer geht es weiter dem Nordkap entgegen. Kurz vor dem Kap reißt der Nebel auf und wir können um 6.00 den großen Felsen an Backbord bewundern. Eine halbe Stunde später haben wir auch den Knivskjellodden passiert, die nördlichste Landzunge in Europa und an jetzt geht es südwärts. ZUm Frühstück legen wir in Gjesvaer an, einem kleinen Fischerdorf zwischen Inselchen und Vogelfelsen auf der Insel Mageröya. Die Sonne kommt durch, hier wollen wir ein paar Stunden bleiben und der Ort enttäuscht uns nicht. Nach dem Mittagessen legen wir bei strahlendem Sonnenschein ab und gleiten vor schwachem Ostwind unter tiefblauem Himmel sanft aus dem Hafen. Das Schwerste liegt wohl hinter uns, zumal wir jetzt, nach Umrundung des Nordkaps, zwischen den Inseln weiter nach Süden segeln können.
Um 16.00 bergen wir in einem heftigen Regenschauer die Segel. Der Wind kommt jetzt genau von vorn und Gischt fliegt bis zum Deckshaus. Unter Maschine und begleitet von Regenschauern geht es nach Havöysund, wo wir um 18.00 zum Abendessen festmachen. Nachdem wir uns sattgegessen haben und es draußen aufgeklart hat, geht es weiter mit Maschine auf Südwestkurs durch die Inseln.

9. August, Mittwoch

Hammerfest lassen wir in der mitternächtlichen Dämmerung links liegen und machen stattdessen um 9.00 in Hasvik auf Söröya fest. Ein kleiner Fischerort mit 700 Einwohnern auf einer etwa 1000qkm hohen Insel. Nach ein paar erholsamen Spaziergängen lockt uns der Gletscher im Süden, den wir von hier aus sehen können. Der Wind ist heute widrig, getuckert haben wir schon genug, also machen wir um 16.00 in Bergsfjord fest, einem selbst für norwegische Verhältnisse ungewöhnlich schön gelegenen Ort. Halbrund öffnet sich der Hafen zum Fjord, wirklich jedes Haus hat einen fantastischen Blick auf Inseln und Bergkulisse jenseits des Fjordes. Oberhalb des Ortes sehen wir den Svarthellgletscher, ein aufgestauter Gletscherbach liefert Strom und Trinkwasser, 2 Fähren sorgen für den Anschluss an den Rest der Welt. Arbeit gibt es auf 12 Fischkuttern und in einer Fischverarbeitung. Der Blick im Sonnenschein von der Staumauer in Richtung Gletscher ist so schön, hier muss man mindestens eine Stunde sitzenbleiben.

10. August, Donnerstag

Früh um 6.00 verlassen wir Bergsfjord, tuckern aufs Lopphavet hinaus und setzen Segel. Schnell sind wir heute nicht, eigentlich sogar meistens sehr langsam. Das hat aber auch sein Gutes, z.B. wird Fisch gefangen für gut 3 Mahlzeiten. Angelverbot bis auf Weiteres. Wenn es ganz flau wird, starten wir die Maschine und meist kommt dann bald Wind auf. Am Schönsten ist der Nachmittag. Die Sonne scheint, die Gletscher vom Öksfjord, das Kvaenangsfjell und die Insel Arnöya liegen im strahlenden Sonnenschein, verziert von einigen übriggebliebenen Nebelfetzen. Dazu weht raumer Wind, die Segelwelt ist heute perfekt. Die Küche passt sich an: Zum Fisch werden ofenfrische Baguettes gereicht und zum Nachtisch wird die Aussicht auf die Lyngsalpen serviert.

11. August, Freitag

In den frühen Morgenstunden zieht dichter Nebel auf, sodass sich Tromsö unseren Blicken entzieht. Kurz vor der Stadt ist die Sicht so schlecht, dass selbst der Bugspriet kaum noch zu erkennen ist. Um 5.00 sind wir fest vor dem Polarmuseum in Tromsö und von der Stadt ist immernoch nichts zu sehen. Erst nach dem Frühstück kommt schlagartig die Sonne durch und wir erleben einen wunderschönen, warmen, sonnigen Tag in der schönsten Stadt des Hohen Nordens. Botanischer Garten, die neue Bibliothek, Polariacenter, die lebhafte Einkaufsstraße mit Kunsthandwerkermarkt und Blick auf schneebedeckte Gipfel in beiden Richtungen, alles vor blauem, wolkenlosem Himmel. Um 16.00 legen wir ab, die Tide läuft jetzt mit, der Wind ist günstig, direkt vor dem Hafen können wir Segel setzen. 2 Stunden später ist der Wind leider eingeschlafen und mit Maschine geht es weiter west- und südwärts durch die Fjorde. Die Landschaft ist hier, zum ersten mal seit Monaten, beschaulich und unspektakulär: Bauernhöfe, fette Wiesen und kleine Dörfchen am Ufer. Kaum zu glauben, dass es sich um die Insel Senja handelt, deren Westküste wild zerklüftet und unzugänglich, mehr als 1000 Meter aus dem Nordmeer herausragt. Vor Mitternacht machen wir in Finnsnes fest und warten auf mitlaufenden Strom.

12. August, Samstag

Ab 6.00 läuft nicht nur der Strom mit, es hat auch Nordwind eingesetzt und wir segeln gemächlich über Solbergfjord, Tranöyfjord und Vaagsfjord auf die Insel Hinnöya zu. Mittags werden die letzten Dorsche aus dem Lopphavet verspeist und sogleich in der Seekarte nach neuen Fangplätzen gesucht. Abends stürzen wir uns in die gurgelnden Strudel des Tjeldsundes und rauschen bei mitlaufendem Ebbstrom mit 10 Knoten Fahrt nach Süden. In der mitternächtlichen Dämmerung versuchen wir, die Fischvorräte zu erneuern, was aber nicht gelingt. Dann schiebt sich eine dicke Nebelbank von Norden in den Sund und bringt frischen Nordwind mit. Zur Mitternachtsstunde segeln wir eine Regatta mit der Nebelbank. Zunächst fängt sie uns ein, wobei der Mond strahlend schön über uns stehen bleibt und uns der erste Stern nach 10 Wochen leuchtet. Dann zieht sich die Nebelbank auf das gegenüberliegende Ufer des Sundes zurück und wo der Sund in den den Vestfjord mündet löst sie sich auf. Jetzt können wir im Westen die Berge der Lofoten sehen.

13. August, Sonntag

Die ersten 8 Stunden des Tages segeln wir herrlich im Sonnenschein auf die Lofotenkette zu. Dann hat sich der Nordwind vom nächtlichen Wehen erschöpft und wir starten die Maschine, um gegen 12.00 in Kabelvaag anlegen zu können. Kurze Hose, T-Shirt und Sonnencreme sind hier angesagt. Das Lofoten-Aquarium wird besucht und auf dem knallheissen Marktplatz (25 Grad) wird Eiscreme verspeist. Der kleine Ort gehört zum Schönsten, was wir in Norwegen bislang sahen, mit liebevoll gepflegten kleinen bunten Häuschen, überall versteckten Hafenbecken und der landesüblichen Bergkulisse im Hintergrund. Um 16.00 feiern wir den Geburtstag unseres österreichischen Mitseglers Gerhard mit Kaffee, Kuchen und Gesang. Anschließend legen wir ab und motoren über spiegelglattes Meer nach Henningsvaer. Der Abend an Bord, in der Kneipe oder im Dorf wird warm und gemütlich.

14. August, Montag

6.00 Leinen los in Hennigsvaer und sofort können Segel gesetzt werden. Den ganzen Tag segeln wir südwestwärts entlang der Lofotenwand. Und wenn wir auch schon wochenlang in Norwegen sind: Dieser Tag ist wieder mal was ganz besonderes. Strahlend blauer Himmel, die bizarre Bergkette der Lofoten, der dazu passende Segelwind, es stimmt einfach alles. Am Nachmittag gurgeln die kabbeligen Wellen des Malstroms um unser Schiff. Bei so ruhigem Wetter eine Bereicherung des Programms, bei Starkwind wären sie sicher beängstigend. Um 17.30 machen wir auf Vaeröy fest. Im Norden ist die Lofotenwand noch zu sehen, auf Vaeröy ist es warm und sonnig und alles lädt zur Inselerkundung ein. Dennoch legen wir um 23.00 ab. Diesen günstigen Nordostwind müssen wir nutzen, um weiter gen Süden zu fahren. Zum Abschied sehen wir im Norden die scharfgezackten Berggipfel der Lofoten vor dunkelrotem Mitternachtshimmel. Über uns leuchten Sterne vor blauschwarzem Hintergrund. Es geht mit voller Fahrt nach Süden, den unreinen Gewässern, der nächtlichen Dunkelheit und der Heimat entgegen.

15. August, Dienstag

Nach stundenlanger schneller Fahrt passieren wir um 10.50 den Polarkreis mit südlichem Kurs. 10 Wochen waren wir jenseits des Polarkreises unterwegs, haben 3300 Meilen zurückgelegt und so viel Schönes gesehen. Heute fällt der Abschied vom Norden leicht, denn es ist warm, es weht angenehmer achterlicher Wind, es hat seit Tagen nicht geregnet und der Wetterbericht verspricht all dieses auch für die kommenden Tage. Am späten Nachmittag machen wir auf einem felsigen, bemoosten, baumlosen Inselchen weit draußen im Meer fest. Mindestens 30 Häuschen stehen hier in Gaasvaer, es gibt mehrere Anleger, ein Kirchlein, Strom- und Wasserleitungen, aber wir treffen keine Menschen, die hier wohnen. Der Ort ist verlassen, aber nicht verwahrlost. Anscheinend werden die meisten Häuser als Ferienwohnungen genutzt. Wir bauen am alten Fähranleger die Grills auf, feuern den Saunaofen an und ziehen die Gaffel des Großsegels hoch zum Gaffelspringen. Die Luft ist mild, das Wasser nicht zu kalt, zumindest wenn man zuvor in der Sauna gewesen ist und einen solchen Abend zur umfassenden Entspannung haben wir uns verdient, denn mehr als die Hälfte der Strecke von Kirkenes nach Bergen liegt bereits hinter uns.

16. August, Mittwoch

Vor dem Frühstück legen wir ab, setzen alle Segel und gehen auf Kurs Südsüdwest an den äußersten Inselchen entlang. Im Osten grüßen fern die hohen Berge des Binnenlandes, im Westen liegt ruhig die Norwegische See, über uns scheint die Sonne und ein stetiger Nordostwind lässt uns zunächst gut vorankommen. An Nachmittag werden die Flautenperioden immer länger: Zum Segeln zu langsam, zum Angeln zu schnell. Um 18.00 starten wir die Maschine und laufen mit Kurs Südsüdwest ausserhalb des Schärengürtels. An Steuerbord geht um 21.35 die Sonne feurigrot unter.

17. August, Donnerstag

Gleich nach Mitternacht kommt Westwind auf, alle Segel werden gesetzt und bis zum Frühstück können wir südwärts segeln. Dann verschwinden wir bei Buholmraasa in den Schären und halten Ausschau nach einem gemütlichen Hafen. Bald sind wir in Vingstad fest, einem kleinen Bilderbuchdörfchen rings um das Hafenbecken, mit roten Fischerhütten, weissen Häuschen, einem kleinen Lädchen mit Rorbu-Camping. Die Berghänge sind grün, teilweise waldbedeckt und alles unterscheidet sich hier deutlich von der barschen, kargen Felslandschaft im Norden. Südnorwegen eben. In Vingstad ist die Straße zuende und alles geht sehr langsam vor sich. Wir waschen, gehen spazieren, frühstücken lange. Wind weht sowieso keiner mehr. Am frühen Nachmittag legen wir ab und suchen nach guten Fischgründen. 2 kleine Makrelen und ein Rotbarsch sind das dürftige Resultat. Also beschliessen wir den ruhigen Tag im Helfjord. Schön mittig im Fjord gehen wir zu Anker, bewundern die schönen Hügel ringsum und fangen eine weitere Makrele.

18. August, Freitag

Nachts hat es ein wenig geregnet. Der angekündigte Ostwind bleibt aus und wir müssen gegen schwachen Südwest motoren. Also fahren wir kleine Umwege durch enge Sunde und Fjorde. Um 9.30 passieren wir das Inselgewirr im engen Stokksund. Weiter geht es mit Kurs Südwest, auf der Suche nach besserem Segelwind. Nachmittags wollen wir im Fröysund zwischen den Inseln Hitra und Fröya festmachen. Die Inseln sind niedrig, relativ dicht bebaut und sicher das unspektakulärste Stück Norwegen, das wir bislang sahen. Zum Glück kommt Nordostwind auf. Alle Segel werden gesetzt und wir machen anfangs knapp 3 Knoten. Abends haben wir die Geschwindigkeit mehr als verdoppelt und segeln über offene See auf die Fjorde von Sunnmöre zu.

19. August, Samstag

Alle Wachen haben heute das große Los gezogen: Sternenklare Nacht, ein sonniger, warmer Morgen, völlig entspanntes Segeln. Pünktlich zum Frühstück haben uns die Inseln wieder. Im Süden liegen Berge und Fjorde hinter Nebelbänken versteckt. Die werden sich wohl aufgelöst haben, bevor wir sie erreichen. Um 14.00 machen wir in Aalesund fest und geniessen das muntere Treiben in dieser schönen Stadt. Wer lange wach bleibt und sich im Freien aufhält wird kurz vor Mitternacht mit einer ausführlichen Nordlichtvorstellung über den Inseln nördlich des Hafens belohnt.

20. August, Sonntag

Die meisten Kneipenheimkehrer haben schon ab 4.00 gefrühstückt; einige andere frühstücken zur gewöhnlichen Zeit um 8.00 und anschliessend legen wir ab. Wind weht heute keiner und so fahren wir einen Umweg durch die Fjorde . Können wir nicht segeln, wollen wir wenigstens die Aussicht geniessen. Durch Sulefjord, Vartdalsfjord und Rovdefjord geht es dem Kap Stattland entgegen. Hier ist es nicht das schlechteste, garkeinen Wind zu haben, denn widrige Winde könnten unsere Fahrt nach Bergen hier tagelang aufhalten. Um 17.00 umfahren wir dies Hindernis und dürfen nun recht sicher sein, zum Wochenende pünktlich in Bergen zu liegen. Nach weiteren 2 Stunden sind wir wieder im Schutz der Inseln und es fällt uns eine Klosterruine ins Auge. Spontan beschliessen wir, hier anzulegen. Auf der kleinen Insel Selja gründeten britische Mönche im 11. Jahrhundert das erste Kloster und den ersten Bischofssitz in Norwegen. Die geschichtsträchtige Ruine ist wunderbar restauriert, mit Glockenturm, Fundamentmauern und einer begehbaren Höhle tief in den Berg hinein. In der Abenddämmerung klettern wir auf den steilen Berg hinter der Klosterruine. In völliger Stille haben wir eine tolle Aussicht auf die Berge der Halbinsel Stattland, die Inseln des Sildegapet und die Fjorde im Süden, die wir morgen befahren wollen.

21. August, Montag

Ein günstiger Wind will heute genutzt werden und wir segeln nicht durch die Fjorde, sondern aufs offene Meer hinaus, westlich um die Inseln Vaagsöy und das Bremangerland herum. Wenn wir wollten, könnten wir noch heute in Bergen ankommen. Das ist aber ein ganz abwegiger Gedanke, denn davor lockt uns das Fjordland mit den längsten Fjorden der Welt und der Öygaarden (Inselgarten). Dafür haben wir nun noch 5 volle Tage Zeit und die werden wir geniessen. Heute Abend zum Beispiel mit einer gemütlichen Maschinenfahrt in den Fördefjord. In der Dämmerung fahren wir direkt an einer 1200 m hohen Felswand entlang, kahl und unzugänglich, auf der ein kleiner Gletscher trohnt. In stockfinsterer Nacht machen wir an einer kleinen Pier fest. Ein paar Bootsschuppen sind zu erkennen und ein Wasserfall zu hören. Ansonsten tiefe Stille und ein atemberaubender Sternenhimmel.

22. August, Dienstag

Dieser Anleger ist so idyllisch, wir bleiben bis nach dem Frühstück. Später am Tag stellen wir fest: Wir hätten den ganzen Tag hier bleiben sollen. Die Stadt Förde, wo wir von 11.00 bis 17.00 festmachen, ist trotz wunderschöner Lage von ganz einzigartiger Gesichtslosigkeit. An Stelle eines Ostszentrums gibt es hier ein großes Gewerbegebiet mit Kaufhallen aller Art, Tankstellen und Einkaufspassagen. Na, ist auch mal wichtig nach so langer Zeit abseits der Konsumwelt. Abends tuckern wir wieder fjordauswärts, vorbei an den idyllischen Bootshäusern von Björkedal, vorbei an der hohen gletschergekrönten Felswand, durch den engen Aalasund. Am Abend legen wir auf der bewaldeten Insel Svanöya an und spazieren noch lange durch Stille und Dunkelheit.

23. August, Mittwoch

Svanöya ist das Zentrum der Haugianerbewegung. Kein Lexikon an Bord kann uns weiterhelfen, was es mit dieser Bewegung auf sich hat. Wir lassen unserer Fantasie freien Lauf und kommen zu dem Schluss, Ziel dieser Bewegung sei die Anlage kreisrunder Landebahnen auf norwegischen Flugplätzen um den Flächenverbrauch zu minimieren. Bekämpfen will der Haugianer den Alkoholkonsum und die schlimmste Untat in Haugianerkreisen ist es, nächtens alkoholisiert und unbekleidet im Kreis zu schwimmen. Der Kontakt mit der Inselbevölkerung kann schliesslich einige unserer Vorstellungen korrigieren: Die Haugianerbewegung wendet sich gegen den norwegischen Zentralstaat und das Königshaus, kämpft für die Bewahrung der Altnorwegischen Sprache und der Küstenkultur und gegen den Alkoholkonsum. Ganz falsch lagen wir also nicht.

Nach dem Frühstück tuckern wir über einen spiegelglatten Ententeich mit Kurs Südwest in den Schärengarten. Dem Anblick des Norske Hesten können wir nicht widerstehen. Die 486 m hohe Insel mit steil abfallenden Felsen und Geröllfeldern an drei Seiten und einem wundervollen Naturhafen im Süden liegt mittags im hellen Sonnenschein vor uns. Wir legen dort an und die halbe Crew macht sich an den Aufstieg zum Gipfel. Im Juni waren wir ebenfalls hier und staunten genauso über die Fernsicht auf die höchsten Berge Norwegens. Der Schnee allerdings, der damals noch ein Drittel der Berghänge bedeckte, ist im Laufe des Sommers restlos verschwunden. Später am Tag stellen wir fest, dass die Wassertemperatur ebenfalls deutlich zugenommen hat und angenehmes, ausdauerndes Schwimmen zulässt. Die Sauna wird befeuert und anschliessend ein Riesenabendessen serviert: Miesmuscheln, Makrelen und Spaghetti bis zum Abwinken.

24. August, Donnerstag

Um 5.00 legen wir ab, denn wir haben heute viel vor. Welche Überraschung: Um 5.00 ist es noch dunkel. Dennoch setzen wir alle Segel und kreuzen vor schachem Nordostwind mit 2 bis 4 Knoten Fahrt. Genau die richtige Geschwindigkeit für das letzte große landschaftliche Highlight unseres Törns. Wir segeln durch den Oygaarden, durch den engen Ytre Steinsund und mittags liegt der Sognefjord an Backbord. 200 km erstreckt er sich ins Land und vereinigt alle Schönheiten der Fjordwelt entlang seiner 1000 km langen Küstenlinie. 2 Wochen wären gerade genug, den Sognefjord genauer zu erkunden. Wir segeln heute weiter zum Radöysund und machen um 18.30 an einem Anleger bei dem Dörfchen Lygra fest. Einen Musterhof zur Bewahrung traditioneller Landschaft und Landwirtschaft gibt es hier (Haugianer?), mit entsprechendem Informationszentrum, wunderschönen Naturstein- und Holzhütten. Ein tolles Plätzchen für unseren letzten gemeinsamen Grillabend. Wir sitzen auf dem Steg bis tief in die Nacht.

25. August, Freitag

Nach dem Frühstück auf dem Anleger wird das Schiff gründlich gereinigt und um 11.00 nehmen wir uns die letzte Wegstrecke nach Bergen vor. Es trübt sich ein, es fängt an zu regnen, es gibt einen lezten hervorragenden Kohleintopf und um 15.00 geht unser Törn in Bergen vor der Tyske Brygge zuende. 1232 Seemeilen haben wir seit Kirkenes zurückgelegt, ohne ein einziges Mal zu reffen. Dieser Törn war der erste auf diesem ganzen Törn, der wirklich vom Wetter begünstigt war. Wir hatten eine wunderschöne Seereise entlang der schönsten Küste der Welt.

26. August, Samstag

Heute reisen die Hurtigrutensegler ab und die Mitsegler des Nordostseetörns von Bergen nach Stralsund kommen im Laufe des Tages an Bord. Alle freuen sich über den Sonnenschein und das warme Sommerwetter in Bergen.

27. August, Sonntag

Nach Sicherheitseinweisung, Wacheinteilung und Wasser bunkern legen wir in Bergen ab. Probeweise werden Segel gesetzt, Wind weht heute keiner, dafür regnet es. Am Anleger in Hjellestad nehmen wir noch einen verspäteten Mitsegler an Bord. Unseren Segelversuchen ist heute nur mäßiger Erfolg beschieden. Das Angeln klappt wesentlich besser und pünktlich zum Abendessen sind reichlich Makrelen gefangen und gesäubert. Es regnet den ganzen Tag. In der Abenddämmerung motoren wir durch den engen Lukksund. Steile, mit Mischwald in allen Grünschattierungen bedeckte Hänge dampfen im abendlichen Nieselregen. Schön wie ein tropischer Regenwald, beinahe so nass, zum Glück nicht ganz so heiss. Um 21.30 machen wir in Nymark fest. Es regnet.

28. August, Montag

Es regnet. Während des Frühstücks tuckern wir nach Rosendal und machen um 9.00 dort fest. Rosendal ist ein sehr idyllischer kleiner Ort mit einem lebhaften Flusslauf, reich verzierten Holzhäuschen im Jugendstil und einem Schiffbaumuseum. Nach dem Mittagessen fahren wir weiter nach Sunndal im Maurangerfjord. Schon vom Schiff können wir einen Seitenarm des Fonne-Gletschers sehen und am Nachmittags nutzen fast alle das leidlich trockene Wetter für eine Wanderung zum Bergsee am Fuße des Gletschers. Der See liegt auf etwa 250 m Höhe und der Anstieg führt gemächlich entlang eines wild sprudelnden Flusslaufes. Bäume, Flechten und Moose in allen Variationen säumen den Weg und erfreuen Auge und Nase. So ist dies trotz Windstille und Regen noch ein richtig schöner Tag geworden.

29. August, Dienstag

Schon beim Ablegen um 7.00 sehen wir viel blauen Himmel. Ein halbes Stündchen später liegen die Berggipfel im Sonnenschein und während des Frühstücks scheint die Sonne schon bis in die halbausgeschlafenen Gesichter. Wir tuckern über spiegelglattes Wasser aus dem Fjord heraus. Um 9.00 können wir alle Segel setzen und gleiten langsam vor dem Wind der Nordsee entgegen. Das Segelvergnügen währt leider nur kurz, dann beginnt die Segelarbeit. Der schwache Wind kommt zumeist von vorne, sodass wir kreuzen müssen. Gern schläft er auch mal ein Stündchen ein und überrascht uns dann mit einer neuen Richtung. Wir lassen uns alles geduldig gefallen, denn es scheint die Sonne und der Hardangerfjord ist einzigartig schön. Erst abends starten wir die Maschine und in der späten Dämmerung machen wir in Mosterhamn fest.

30. August, Mittwoch

Nach dem Frühstück nehmen wir uns etwas Zeit für den geschichtsträchtigen Ort. Hier gibt es die älteste Steinkirche Norwegens, über 1000 Jahre alt und ein Kreuz markiert einen ebenso alten Thingplatz. Nur Bewohner scheint es heute kaum noch zu geben, obwohl 3 kilometerlange Brücken Moster mit dem Rest der Welt verbinden. Ab 10.00 tuckern wir durch Windstille aus dem Bömlafjord aufs offene Meer hinaus. Die Felsengruppe von Rövaer liegt vorraus, barsch, abweisend und unzugänglich. Es findet sich eine enge Durchfahrt und vor uns öffnet sich ein überaus malerischer Naturhafen mit fein restaurierten Holzhäuschen ringsumher. 80 Leute wohnen hier, beinahe ebensoviele Schiffe, Boote, auch Kanus liegen im kleinen Hafenbecken, das bei jedem Wetter jeden erwünschten Schutz bieten würde. Um 16.30 schlengeln wir uns wieder aus dem Felsengewirr heraus. Wind aus Westnordwest ist aufgekommen und wir können Segel setzen. Nach einer halben Stunden sind wir frei von allen Felsen und laufen mit über 7 Knoten südwärts. Nicht alle können die flotte Fahrt geniessen, aber noch vor Mitternacht haben wir Jaerens Rev an Backbord.

31. August, Donnerstag

Im freundlichen Morgensonnenschein liegen an Backbord die Fjorde von Lista und Lindesnes und an Deck zaubert die Sonne Farbe in so manches Gesicht, das gestern zeitweise leblos wirkte. Wind und Wellen schlafen langsam ein und in der Mittagszeit laufen wir unter Maschine die letzten Meilen nach Listahavn hinein. Das aufregendste hier sind die vielen Wespen, die bald zu hunderten an Deck und im Salon herumschwirren. Auch die Lokalbevölkerung zeigt sich interessiert am schönen Schiff. Die jüngeren am Ort betreiben ein Kystkulturzentrum mit einer fahrenden Segelschute, die älteren erzählen begeistert von der Zeit, als sie mit solchen Schiffen Frachten bewegten. Um 15.00 legen wir ab, verscheuchen die letzten Wespen und nehmen Kurs auf Norwegens Südkap Lindesnes. Um 18.00 haben wir es dicht an Backbord und es sieht aus wie der Knivskjellodden im Norden: Sanft abfallend ins Meer, kahl und unbewachsen, denn im Winter branden hier 10 m hohe Wellen bis zum Leuchtturm hinauf. Gleich um die Ecke machen wir in Lillehavn fest. Der Fiskebruk hier hat vor Jahren zugemacht; nun werden Ferienhäuser mit eigenem Steg für die Angelboote gebaut. Ganz fertig ist man mit dem Umbau noch nicht und so findet die Petrine noch ein Plätzchen an einer alten Pier in diesem südlichsten Hafen Norwegens. Es nieselt leise vor sich ihn, die Sauna wird geheizt, leckere Kartoffelsuppe beschliesst den langen, abwechslungsreichen Tag.

1. September, Freitag

Im wunderschönsten Sonnenaufgangslicht machen wir uns um 7.00 auf den kurzen Weg nach Mandal. Ein schöner Weg um die Inseln, Schären und Felsen, ein schöner Abschied von Norwegen. Der Hafen von Mandal liegt ein paar hundert Meter flussaufwärts oberhalb der Mündung des Mandalelv. Wir machen direkt im Stadtzentrum fest und haben beste Gelegenheit, die letzten norwegischen Kronen auf den Kopf zu hauen und leise weinend vom schönen Land Abschied zu nehmen. Vor mehr als drei Monaten kamen wir abends in Egersund an und das Wasser hat gerauscht und alles roch nach Norwegen. Eine Riesenmenge Eindrücke und Erinnerungen bleiben zurück, das Schiff ist sicher an tausenden Felsen und Untiefen vorbeigesegelt, bei noch so heftiger Seefahrt hat es keine Verletzungen gegeben. Um 15.30 haben wir alle norwegischen Felsen achteraus, setzen die Segel im auffrischenden Südwestwind und nehmen Kurs auf Skagen, das 110 Seemeilen östlich von uns liegt.

2. September, Samstag

Um 7.30 kommen an Steuerbord dänische Dünen und Sandstrände in Sicht. Das war eine tolle, schnelle Überfahrt mit abendlichem Sturzregen, prächtigem nächtlichen Sternenhimmel und einem bezaubernden Sonnenaufgang. Nach dem Frühstück bergen wir auf dem Skagen Rev die Segel und motoren eine Stunde gegen den Wind auf den Hafen zu. Um 11.00 sind wir fest in Skagen. Ein Sturmtief überquert die Nordsee und nimmt Kurs auf Dänemark. Wir bleiben erstmal hier liegen. Einige wandern nach Grenen hinaus, wo Skagerrak und Kattegat, Nordsee und Ostsee sich begegnen. Andere bleiben in den umgebenden Dünen, am endlosen Sandstrand oder im süßen, kleinen, unheimlich belebten Städtchen. Abends trotzen wir dem Schauerwetter, grillen und essen auf der Pier bis es dunkel wird.

3. September, Sonntag

Es pfeift in den Wanten in Skagen. Nach dem Mittagessen laufen wir aus, setzen gerefftes Groß und gereffte Fock und stürmen auf die Kattegatinsel Laesö zu. Gelegentlich kommt ordentlich Wasser an Deck, andere Segler kriegen wir heute nicht zu sehen. Auf der Petrine ist alles wohl, alle staunen und bewundern das aufgewühlte Kattegat im hellen Sonnenschein. Um 18.00 liegen wir in Österby auf Laesö.

4. September, Montag

Heute bleibt die Petrine auf Laesö liegen. Es stürmt und pfeift und die Schauerböen toben übers Schiff, eine nach der anderen. Landprogramm. Auf Laesö gibt es viele Möglichkeiten: Pilze suchen im Kiefernwald, lange wandern am Strand, Besuch in der Salzsiederei, deutsche Zeitungen im spar, die im Laufe des Tages vielfach im Salon gelesen werden. Abends stürmt es den ganzen Himmel blank, keine Wolke kann sich halten bei diesem Wind und es würde nicht verwundern, wenn sich auch die Sterne losreissen und davonfliegen würden.

5. September, Dienstag

Um 5.30 sitzt die ganze Crew um den Frühstückstisch, denn um 6.00 wollen wir ablegen, übers Kattegat Richtung Öresund. Das geht aber nicht, denn der Wind hat noch nicht nachgelassen. So gehen die meisten wieder in ihre Kojen. Im Laufe des Tages flaut es ab und um 13.00 mühen wir uns gegen Wind und Welle aus dem Hafen heraus. Kurze Zeit später können wir die gerefften Segel setzen und flitzen südwärts. Es wird eine der schnellsten Reisen, die die Petrine je gemacht hat. Zeitweilig stürmen wir mit über 9 Knoten dahin, dazu Sonnenschein und nur moderate Wackelei.

6. September, Mittwoch

Nach Mitternacht kommt vorraus Schloss Kronborg in Sicht, die Einfahrt zum Öresund zwischen Dänemark und Schweden. Die Fahrt wird ruhiger, auch langsamer, der viele Schiffsverkehr verlangt alle Aufmerksamkeit. Belohnt werden wir mit einem tollen Lichterspiel auf beiden Seiten des Sundes und einem kugelrunden Mond darüber. Um 4.00 machen wir in Humlebaek fest. Hier gibt es eines der größten Museen für moderne Kunst in Europa. Die meisten von uns verbringen dort den Vormittag. Wem sich die moderne Kunst nicht erschliesst, der kann hier jedenfalls die einmalige Lage und Architektur des Museums geniessen, oberhalb des Strandes, mit vielen Ausblicken auf die Insel Ven und die schwedische Küste des Öresundes. Um 14.00 werfen wir bei Nieselregen, wenig Wind und mäßiger Sicht die Maschine an und fahren südwärts nach Kopenhagen. Um 17.00 machen wir an der Langelinie fest.

7. September, Donnerstag

Vormittags regnet es Bindfäden in Kopenhagen, mittags klart es auf und um 14.00 legen wir in feinstem Sonnenschein ab und nehmen Südkurs auf Dragör. Unser Liegeplatz dort lädt nicht zum Grillen ein, aber beim netten Bootsclub nebenan dürfen wir Grill und Terrasse nutzen. Auch das Dorf liegt dänisch-freundlich hinterm Sandstrand und lädt auf einen Bummel ein. Wir heizen am späten Nachmittag die Sauna, danach den Grill beim Clubhaus. Eine halbe Stunde vor 21.00, passend zum gemütlichen Teil des Abendessens, bekommen wir ganz überraschend eine partielle Mondfinsternis geboten. Über den oberen Rand des kugelrunden Vollmondes wandert der Erdschatten.

8. September, Freitag

Dieser Tag beginnt wie der gestrige aufhörte, mit einem wunderbaren Himmelschauspiel. Im Osten geht über der schwedischen Küste die Sonne auf. Aber wie. Dazu weht ein frischer Nordwest und ab 6.10 segeln wir südwärts im Drogden-Fahrwasser. Schnell und gut gelaunt geht es zur Insel Mön, wo wir am Nachmittag in Klintholm festmachen. Die Kreidefelsen strahlen im Sonnenschein, das Barometer steigt und als wir um 16.30 wieder ablegen, sausen wir vor dem Wind auf die Insel Hiddensee zu. Vor Mitternacht flitzen wir durch Gellenstrom und Barhöfter Rinne. Stralsund kommt in Sicht.

9. September, Samstag

Um 0.40 ist die Reise zuende. Bis direkt vor den Hafen konnten wir segeln. Nun liegen 640 Seemeilen seit Bergen, 5737 sm seit Lögstör hinter uns. Wir haben so viel erlebt, im Winter wird uns nicht langweilig werden beim Fotos angucken, Geschichten erzählen, Tagebuch lesen. Norwegen und Russland lassen uns nicht mehr los.

Das Wichtigste aber ist: Alle sind heile und unverletzt in ihren Zielhäfen angekommen. Dem Schiff geht es gut, es ist stolz auf seine größte Reise: Barentssee, Pechorasee, kein Ewer vor der Petrine ist je dorthin gesegelt.